Meine Ex sagt…

… Sie wisse überhaupt nicht, was sie derzeit wählen sollte. Einerseits werde immer noch alles von Corona bestimmt. Mit Ruhm hätten sich da die Regierungen nicht gerade bekleckert, andererseits sehe sie nicht, dass sich wirklich etwas zum Besseren ändern würde. Ich hatte großes Verständnis für ihre Einschätzung. Damit stünde sie ganz und gar nicht alleine da. Sicher ginge es ganz vielen Leuten so, die sich nun am 6. Juni für eine Partei zur Landtagswahl entscheiden sollten. Es müsse ihr doch aber Mut machen, dass inzwischen – zumindest bei uns in Sachsen-Anhalt – mehr Frauen als Männer an der Spitze von Parteien stünden. Als Mutmacher wollte sie das nicht gelten lassen. Was denn dadurch anders würde, fragte sie mich. So genau könne ich das nicht sagen. Möglicherweise würden dadurch Interessen von Frauen mehr in die Politik einfließen. Was das denn für Interessen sein sollten? Die Männer würden dadurch nicht besser werden, Chancen einen passenden Partner zu finden nicht leichter und überhaupt glaube sie nicht, dass sich ihre Interessen in der großen Politik widerspiegeln würden. Ich seufzte. Auch mit dieser Sicht bliebe sie sicher nicht allein. Allerdings wollte ich nicht verstehen, was Politik mit Partnerwahl, Männerverhalten oder anderen Individualinteressen ihrerseits zu tun hätte. So lange sie denken könne, würde es um Feminismus, seit vielen Jahren um Gender, Gerechtigkeit und mehr Sensibilität gehen, doch inzwischen bemerkte sie nur Spaltung, wachsende Aggressivität und Orientierungslosigkeit. Wenn das die Ergebnisse durch mehr Frauen in der Politik sein sollten, könne sie gern darauf verzichten. Bestimmt sind daran doch eher die Männer schuld, weil sie sich den wichtigen Fragen dieser Entwicklung verweigern würden, hatte ich eingewandt. Meine Ironie dürfe ich gern für mich behalten. Für sie bliebe es jedenfalls dabei, dass sich nichts spürbar verbessere, eher sehe sie an vielen Stellen eine Verschlechterung der Lage. Das sei wohl mit den Parteien bei ihr ähnlich wie mit den Männern. Das passende Gegenstück ist eben nicht so leicht zu finden. Mit der Bemerkung hatte ich wohl wieder einmal zu viel des Guten gesagt. Sie könne nicht für den Mangel an Angeboten verantwortlich gemacht werden, wies sie mich zurecht. Also blieb ich mit meiner Entscheidung zur Wahl allein und konnte mit ihr darüber gar nicht erst reden.