Meine Ex sagt…

… mal wieder nichts. Da saß sie kürzlich mehrere Minuten lang stumm in meiner Küche herum. Solche Momente sind echt selten. Eigentlich hätte ich die Situation genießen sollen, aber Schweigen kann ich auch allein. Schließlich fragte ich geradeheraus, was sie denn bedrücke, weil sie so sprachlos dasitze. Anders als sonst platzte keine Abwehrtirade und keine Rechtfertigungsorgie aus ihr heraus. Gefasst, aber sehr melancholisch berichtete sie von ihrem Fazit, dass es mit einem dauerhaften Partner wohl nie mehr funktionieren würde. Besonders beeindruckte mich an ihrer Schilderung, dass sie dafür gar keine Männer verantwortlich machte, sondern auf das eigene Dilemma hinwies, für das Führen einer verbindlichen Partnerschaft die entsprechende Fähigkeit verloren zu haben. Als sie ihre Gedanken ausgesprochen hatte, schwiegen wir gemeinsam. Schließlich fragte sie, ob ich einen Rat wüsste. Ich sagte, dass wir eben alle mit den Jahren Unbedarftheit und jugendliche Unerfahrenheit verlören und sich die Maßstäbe im Kopf verfestigten. Wer meinte, ganz genau zu wissen, was man wolle, verengt möglicherweise seinen Entwicklungsspielraum innerhalb eines Beziehungsversuch. Meine Naseweiserei könne ich mir sparen. Ihre Art solcher Entgegnungen war also noch nicht verloren gegangen. Die Einkehr zur Selbstreflexion war nur ein zartes Pflänzchen gewesen. Immerhin, so dachte ich mir, gäbe es doch Ansätze eines Nachdenkens und nicht sofort fertige Antworten auf jede Situation. Sie solle einfach so weitermachen und öfter das eigene Für und Wider und das ihres Gegenübers abwiegen. Außerdem würden wachsende Erfahrung und Reife nicht nur begrenzend, sondern auch gelassener und milde machen, sagte ich zu ihr. Ich war erstaunt, sie nickte. Aber wenn ihr so ein richtiger Idiot gegenübersitze, dann könne sie sich nicht einfach auf die Lippen beißen. Was gesagt werden muss, muss gesagt werden. Wie schnell sie Menschen als Idioten abstempeln würde, fragte ich. So etwas bemerke sie ganz schnell. Wenn die überwiegende Mehrheit der männlichen Bevölkerung Schwachköpfe seien, dann stünde es um ihre Chancen wirklich schlecht. Sie hatte daraufhin noch einen langen Seufzer ausgestoßen und gesagt, dass ich ihr eben auch nicht helfen könne.
So schwiegen wir einfach weiter. | Thomas Wischnewski

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