Mittwoch, Juli 6, 2022
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Mephisto 2.0

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Klassische Texte sollen Platz für mehr Gegenwartsliteratur machen. In Nordrhein-Westfalen wird Goethes Faust aus dem Lehrplan gestrichen. Damit verkehrt sich das mephistophelische Motto vom Bösen, das Gutes schafft, in sein Gegenteil. | Von Reinhard Szibor

Das Bundesland Nordrhein-Westphalen streicht Goethes „Faust” aus dem Kanon der Werke, die Schüler bis zum Abitur kennen müssen. Bildung ist Ländersache und NRW ist weit weg, könnte man meinen. Aber Niveauabstürze im Schulwesen sind ansteckend, und so sollten auch bei uns die Alarmglocken schrillen. Anstatt des „Faust” soll Lessings „Nathan der Weise“ auf den Lehrplan kommen. Beides zusammen will man den Jugendlichen nicht zumuten. Uns, die wir älteren Semesters sind, hat man humanistische Bildung in einem Umfang vermittelt, den man heute nicht mehr will. Da haben wir doch tatsächlich den Nathan und den Faust behandelt! Dazu noch den „Egmont“ mit Beethovens Ouvertüre, „Die Räuber“, „Kabale und Liebe“, den „Wallenstein“ sowie „Wilhelm Tell“! Vier der Dramen hat meine Schulklasse im stark subventionierten Schüleranrecht in den Städtischen Bühnen erlebt. Heines „Deutschland ein Wintermärchen“ und Gerhard Hauptmanns „Die Weber“ haben wir behandelt. Und schließlich haben wir mit Thomas Manns „Mario, der Zauberer“, Anna Seghers „Siebtes Kreuz“ und Bruno Apitz‘ „Nackt unter Wölfen“ über den Weg der Literatur politische Bildung erhalten. Es geht da um das Aufkommen und die Schrecken des Faschismus. Natürlich sind all die Entlastungen der Jugend, die angestrebt werden, gut gemeint. Aber sind sie auch gut? Kommen wir zu des Pudels Kern. Unsere Kultur geht den Bach runter. Im Ausland schätzt man unser Kulturgut noch! Ja, man kann den Umfang der klassischen Literatur im Schulstoff reduzieren, damit Freiräume für die Gegenwartsliteratur entstehen. Aber muss man die Grundpfeiler der nationalen Kultur schleifen?

„Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das BÖSE will und stets das GUTE schafft“ ist Mephistos Credo. Schriebe Goethe seinen „Faust” heute, so ließe er seine Teufelsgestalt womöglich ganz anders auftreten. „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das GUTE will und stets das BÖSE schafft“ würde er vielleicht sagen. Der Mephisto, der den Politikern etwas einflüstert, um die Jugend nicht zu überfordern, sorgt dafür, dass ihnen ganz wesentliche und identitätsstiftende Kulturgüter verborgen bleiben.

In der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts traf Mephistos Selbstbeschreibung von dem, der Böses will und Gutes schafft, selten zu. Parteien, die etwas Böses wollten, haben nichts Gutes, sondern tatsächlich nur Böses bewirkt. Die Nazis, die mit einem unverblümt bösen Programm antraten, sind dafür ein beredtes Beispiel. Dass Nachkriegsparteien gewollt Böses programmiert haben, ist eher selten, aber Ausnahmen bestätigen die Regel: Sex mit Kindern zu legalisieren, war um 1968 das böse Ziel einer Partei. Und sie hat auch Böses geschaffen, indem sie den Boden bereitet hat für Missbrauchsfälle, wie sie z. B. an der Odenwaldschule und in Westberlin in großer Zahl aufgetreten sind.

Die Idee, wonach die Rechte von Frauen dadurch gestärkt würden, wenn man den §18 StGB ersatzlos streicht und eine Abtreibung bis kurz vor dem Geburtstermin legalisieren würde, hat den Jusos ein Mephisto eingeflüstert, der Böses will und auch Böses schaffen wird. Müsste man doch die abgetriebenen lebensfähigen Babys dann irgendwie töten, wozu es auch schon satanische Durchführungskonzepte gibt. Mephisto proklamiert heute wieder eine Menschenfeindlichkeit, wie sie nach dem NS-Regime bisher unvorstellbar war. Beängstigend, dass nicht nur jugendliche Chaoten so etwas wollen, sondern dass sie von 3 Parteien im Bundestag unterstützt werden. Goethes fiktiven Mephisto, der BÖSES will aber angeblich GUTES schafft, können wir getrost vergessen. Wenden wir uns den real existierenden Mephistos zu. Sie sind in ihrer Mehrheit Menschen, die es gut meinen, aber das Gegenteil bewirken.

Menschenfreundliche Erfindung?
In der Menschheitsgeschichte gab und gibt es viele gut gemeinte Vorhaben. Solche haben z. B. eine Maschine hervorgebracht, die eine schmerzfreie Exekution ermöglichen sollte. Humanisten des 18. Jahrhunderts forderten eine schmerzlose Hinrichtungsmethode. Eine humane Enthauptungsmaschine (machine à décapiter) hatten sie sich gewünscht und Joseph-Ignace Guillotin (1738-1814) hat sie tatsächlich erfunden, die Guillotine. Ein „Nullpunkt der Marter“ lobte man die Erfindung. In Frankreich wurde sie von den Jakobinern heftig eingesetzt. In Deutschland fielen ihr in der NS-Zeit die bes-ten Menschen der Nation zum Opfer, darunter die Geschwister Scholl. Die Maschine war bis in die Jahre der DDR in Gebrauch. Ob das Gutgemeinte auch tatsächlich gut war und ob hier ein anderer Mephisto als Goethe ihn schuf, zum Zuge kommt, hat die geneigte Leserschaft beim Lesen dieser Zeilen womöglich schon entschieden.

Ein gut gemeintes Gesellschaftsmodell
Auch die Idee, die Produktionsmittel zu vergesellschaften und somit den Kapitalismus abzuschaffen, war sehr menschenfreundlich gedacht. Und weil sie so gut gemeint war, ist sie unsterblich und wird immer wieder neu belebt. Aber überall, wo dieses Konzept umgesetzt worden ist, gab und gibt es Unfreiheit und weniger Wohlstand als in vergleichbaren kapitalistischen Ländern. In Kuba, Nordkorea und Venezuela ist das zu beobachten. Gegenwärtig droht 11 Millionen Menschen in Nordkorea eine neue Hungersnot, während in Südkorea für eine ethnisch vergleichbare Bevölkerung Wohlstand herrscht.

Neuerdings werden auch in Deutschland kommunistische Träume wiederum von Leuten angefacht, die es nur gut meinen. Diesmal geht es nicht nur um eine angestrebte Verteilungsgerechtigkeit, sondern um nicht weniger, als die Welt zu retten. Eine ökologische Wende soll durch Sozialismus erreicht werden. Wenn man z. B. Greta Thunberg auf Plakaten in einer Reihe mit Lenin und Stalin dargestellt sieht, handelt es sich nicht etwa um eine Hetzkampagne der AfD, die die Klimaaktivistin diskreditieren wollen, indem man sie mit millionenfachen Massenmördern gemeinsam abbildet, sondern um Propagandamaterial linker Student*innen, die allen Ernstes Greta und Stalin gleichermaßen verehren. Vielleicht passt das Bild vom Mephisto 2.0 in diesem Fall ja auch gar nicht, denn Goethes Mephisto ist ja nicht dumm, sondern eher schlau. Diese sogenannten Aktivisten sind aber ungebildet und unfähig, sich zu informieren. Wären sie es nicht, wüssten sie, dass Umweltzerstörungen unter sozialistischen Bedingungen nicht geringer ausfallen als in kapitalistischen Ländern, wo man Urwälder abbrennt, um den europäischen Hunger nach vermeintlich klimaneutralen Biokraftstoffen (Bio-Diesel und Super E10) zu stillen. Den produziert man u. a. mittels Palmenmonokulturen auf Flächen, deren Urwälder man abgefackelt hat. Die Ideengeber dazu sitzen in der EU. Da agieren Mephistos, die vorgeben Gutes zu wollen aber Böses schaffen.

Ebenso verheerende Beispiele gibt es aus dem Reich des Sozialismus, so z. B. die Tragödie um den Aralsee. Er war ehemals der viertgrößte Süßwassersee der Erde. Die Sowjetunion wollte in den 50er und 60er Jahren mit einem Bewässerungsprojekt die landwirtschaftliche Produktion erhöhen. Das neue Bewässerungssys-tem verminderte die Zuflüsse des Aralsees um 94%. Dies veränderte die Wasserbilanz des Sees, der Salzgehalt stieg von 1,2 auf 3,3%. Das Volumen verringerte sich um zwei Drittel. Die Umsetzung dieser Planung führte zum Niedergang einer fruchtbaren, wald- und artenreichen Region. Die gesamte Flora und Fauna des Sees, mit 266 bekannten Wirbellosenarten, 24 Fischarten und 94 Arten höherer und niederer Pflanzen ist erloschen. Durch den Rückzug des Sees änderte sich auch das Klima im Aralgebiet. Das alles fand in der Regie eines sozialistischen Regimes statt, das die linke Studentenschaft wieder anstrebt.

Aber wir müssen gar nicht bis nach Asien schauen, um die Folgen sozialistischer Wirtschaft auf die Umwelt zu sehen. Zum Ende der DDR war die Luft um Wolfen und Bitterfeld so verpes-tet, dass die Menschen unter chronischen Atemwegserkrankungen litten. Saale, Mulde und Elbe waren vergiftet und biologisch nahezu tot. Das Baden darin war lebensgefährlich. Die Umstellung der Wirtschaft von sozialistisch auf kapitalistisch hat schon in den ersten 20 Jahren nach der Wende dazu geführt, dass in unseren Flüssen wieder über 100 Fischarten leben. Soviel zu Mephistos Idee, mittels Sozialismus etwas Positives für die Umwelt erreichen zu wollen.

Vom Öko-Mephisto, der stets das Gute will
Aber auch dort, wo nicht jugendliche Hitzköpfe Unausgegorenes produzieren, sondern erwachsene Politiker agieren, ist der Mephisto 2.0 aktiv. Er hat den heute Regierenden eingeflüstert, dass es gut wäre, den Wald, Heideflächen und ehemalige Truppenübungsplätze der Natur zurückzugeben. So hat man im Harz einen 250 Quadratkilometer großen Nationalpark ausgewiesen, in dem man den Wald sich selbst überlässt. Nach den Stürmen der letzten Zeit, anhaltender Trockenheit und einer Borkenkäfer-Invasion gibt der Wald ein Bild des Jammers ab. Gegen den Borkenkäfer wird nichts unternommen, nicht einmal die abgestorbenen Bäume werden entfernt. Was am Brocken passiert, hat mit Nachhaltigkeit nichts zu tun: „Geschädigt wird auch noch der angrenzende Wirtschaftswald, weil die Schädlinge im Nationalpark die ideale Brutstätte finden.“ beklagt Franz zu Salm-Salm, Vertreter von 50 000 Waldbesitzern Sachsen-Anhalts. Kilotonnen von Totholz verrotten im Wald und werden zu CO2, dessen Ausstoß man anderenorts besteuern will. Würde man dieses in Heizkraftwerken nutzen, könnte man große Mengen fossiler Brennstoffe substituieren, aber dagegen spricht sich Mephisto 2.0 aus.

Der Hund im Wolfspelz
Das Lieblingstier des Öko-Mephistos ist der Wolf. Er spielt bei der Idee „Zurück zur Natur“ eine wichtige Rolle. Wölfe würden die Wildbestände dezimieren, so dass der Verbiss an Bäumen geringer ausfiele und der Wald gesunden würde. Wir hätten wieder eine Natur pur. Deshalb müsse man seine Ausbreitung fördern, so die Lehre des Mephisto, der Gutes will. Aber die Realität ist böse. Obwohl der Wolf erst seit 2000 wieder in Deutschland lebt, gibt es inzwischen 105 Rudel, 25 Paare und dazu noch 13 Einzelgänger. Der Deutsche Jagdverband (DJV) geht von 1.300 Wölfen aus. Der weitere Anstieg ist rasant. Für 2020 werden 1800 Wölfe prognostiziert. Aber mit „Natur pur“ ist es nicht so weit her. Die internationale genetische Forschung zeigt, dass Hybridisierung zwischen Wölfen und Hunden kein seltenes Phänomen ist. So fand eine 2017 veröffentliche Studie von Pilot und Mitarbeitern, dass 62 Prozent der untersuchten Wolfsproben in Deutschland eindeutig Hundegene aufwiesen. Auch das Institut ForGen in Hamburg bestätigt, dass wir anstatt einer Rückkehr der Natur die unnatürliche Invasion einer Wolf-Hund-Hybrid-Population erhalten haben. Diese hat in den befallenden Gebieten das wünschenswerte Mufflonwild vollständig ausgerottet und die Bestände an Rot-und Rehwild dezimiert.

Ein Wolf (bzw. Wolfshund) braucht laut NABU zwei bis fünf Kilogramm Fleisch am Tag. Ein Teil davon könnte auch als ökologisch erzeugtes Edelfleisch für die menschliche Ernährung zur Verfügung stehen. Natürlich nehmen auch mit der Wolfs- und der Wolfshundvermehrung die Attacken auf Weidetiere zu: 1.167 Nutztiere sind 2017 von Wölfen getötet oder verwundet worden. Anstatt die artgerechte Tierhaltung in Form einer Weidewirtschaft zu intensivieren, halten die Landwirte jetzt ihre Kälber in Ställen. Ende April hat ein Wolf im Schwarzwald 40 Schafe gerissen. Seit Juni 2019 hat ein Schäfer im Jerichower Land 37 Schafrisse zu beklagen. Immer mehr Schäfer geben ihren Betrieb auf. Dabei wäre gerade die Schafhaltung ökologisch wertvoll. Sie liefert hochwertiges Fleisch aus einer artgerechten Tierhaltung. Aber noch wichtiger ist, dass Weidehaltung für die Landschafspflege unverzichtbar ist. Schafe, Heidschnucken und Ziegen halten Heide-und Karstlandschaften offen. Bei Wegbrechen dieser Art der Landschaftspflege gehen wertvolle Kulturlandschaften zunächst durch Verbuschung und durch Bewaldung verloren. Damit verschwinden Lebensräume für zahlreiche Rote-Liste-Vögel, Reptilien, Kleinsäuger und Insekten.

Die Regierungen der betroffenen Bundesländer bemühen sich zwar darum, durch Ausgleichzahlungen Wolfsrissschäden zu kompensieren und Vorbeugemaßnahmen mit Fördergeldern zu unterstützen, aber Bauern und Schäfer kapitulieren vor dem Bürokratiemarathon mit ungewissem Ausgang und werfen das Handtuch. So geht ökologische Landwirtschaft den Bach runter. In Thüringen hat die Regierung jetzt die Förderung von zwei Meter hohen Superzäunen mit 10-Tausend-Volt-Abschreckung beschlossen, hinter de-nen die Schafe nachts sicher verwahrt werden können. Kosten pro Gehege: 15 000 Euro. Ein Tierwohllabel verdienen die Tiere aber nicht, denn wenn die Schafe ihr Lager nicht regelmäßig wechseln (was nicht zu realisieren ist), erleiden die Tiere Hufkrankheiten durch zu viel Urin und Kot am Boden. Für die Pilotanlage in Thüringen wurde berechnet, dass bei 250 Nachtpferchungen von tausend Schafen etwa 0,5 t Stick-stoff/Hektar anfallen, und das auf einer Fläche ohne jeglichen Bewuchs und somit ohne Entzug des Stickstoffs durch Pflanzen. Im Klartext: Es ist eine von der Politik geförderte Umweltverschmutzung, denn das Ergebnis wird eine massive Überschreitung der Nitratwerte im Grundwasser sein. Dafür wird Deutschland gerade von der EU mit Strafzahlungen belegt.

Die ökologische Alternative wäre eine wolfsfreie Landschaft, in der die Schafe ohne Bedrohung weiden und die Kotkügelchen gleichmäßig in der Landschaft verteilen. Das würde die Ernährung von Fliegen und Käfern und mittelbar auch von Vögeln fördern. Die Abnahme der Insekten und Vögel, die zu Recht alle beklagen, hat auch etwas mit dem Rückgang der Weidewirtschaft zu tun. Aber dem Öko-Mephisto ist das egal. Er will Wölfe und hat die verantwortlichen Politiker voll im Griff. Die schwelgen in einem realitätsfernen Traumbild von der Natur. Dazu passt dann Faust: „Oh glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen.“

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