Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Meter 14: In Krieg und Frieden

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Nicht in allen, aber immerhin in einigen Jahrhunderten war auch der Magdeburger Dom durch die Gefahren kriegerischer Auseinandersetzungen bedroht. Bereits in der Zeit der katholischen Erzbischöfe geriet mit der Stadt auch der Dom in den gegnerischen Fokus. 1550/51 wurde die Kathedrale mit Kanonen beschossen, und möglicherweise wiederholte sich dieses Szenario im Dreißigjährigen Krieg. Welche Schäden der Dom tatsächlich 1631 beim erfolgreichen Großangriff der kaiserlich-katholischen Truppen davon trug, ist heute nicht mehr genau nachzuvollziehen. Das menschliche Leid überwog jeden Schaden am Stein.

Bald darauf wurde Magdeburg erst brandenburgische, später dann preußische Festung. Direkte Angriffe auf das Gotteshaus waren angesichts der Stärke der Verteidigungsanlagen erst einmal ausgeschlossen. Napoleon Bonaparte nahm die Stadt 1806 ohne nennenswerte Gegenwehr ein. Trotz seiner Sympathie für den französisch-gotischen Musterbau missbrauchte er den Dom als Versorgungs- und Waffenlager, verließ ihn aber 1814 unbeschädigt. Im Ersten Weltkrieg sah der nunmehr auch als Militärpfarrkirche dienende Bau keine feindlichen Soldaten oder Kugeln. Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts geriet der Dom wieder in Gefahr, und diese Bedrohung hatte es in sich.

Sie kam erstmals aus dem Himmel, warf in zahlreichen Angriffen tausende Bomben aus Flugzeugen auf die Stadt und traf dabei auch mehrfach den Dom. Dass er den Zweiten Weltkrieg überhaupt überstanden hat, ist zum Teil ein glücklicher Zufall und darüber hinaus seiner Größe und Standfestigkeit zu verdanken. Trotzdem sah es am Kriegsende im Dom verheerend aus. Mehrere Seitenschiffgewölbe waren durchschlagen und zusammengebrochen. Durch eine Bombenexplosion unmittelbar vor der großen Fensterfront des Zimmermannsbodens klaffte ein fast 20 Quadratmeter großes Loch in der Westfassade. Nur mit viel Glück entging der Südturm seiner Zerstörung, im Vorbeiflug riss ein Sprengkörper „nur“ ein Stück Mauerwerk aus einer Turmkante.

In welcher Gefahr sich der Dom beim großen Luftangriff am 16. Januar 1945 tatsächlich befand, überliefert auch der Bericht eines damals 15-jährigen Flakhelfers, der als Brandwache in der Kathedrale eingesetzt war. Er erlebte dort die Schrecken des Bombardements und gehörte schließlich zu einer kleinen Gruppe, die den bereits an einer Stelle in Flammen stehenden Dachstuhl mit primitivsten Mitteln löschte – und möglicherweise den ganzen Dom vor dem Untergang bewahrte. Der Name dieses heute fast vergessenen Helden und seiner Wassereimer-Kameraden war Helmut Otto.
Während in den folgenden Jahren und Jahrzehnten die Kirchen in der beinah gänzlich entvölkerten Innenstadt vernachlässigt wurden und mindestens vier Gotteshäuser aus dem Stadtbild verschwanden, ließ es sich der junge DDR-Staat nicht nehmen, den Dom zu retten. Bis 1955 wurden nahezu alle wesentlichen Schäden an der Kirche repariert. Mit einem großen Festgottesdienst unter der Leitung des Bischofs und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland Otto Dibelius wurde der Dom neu geweiht wieder seiner Bestimmung als Gotteshaus zugeführt. Die DDR erfüllte damit auch ein historisches Vermächtnis, befindet sich der Dom doch seit der Zeit kurz nach der napoleonischen Besetzung im Besitz des Staates. | Von Michael Ronshausen und Anita Schmidt

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