Mittwoch, Dezember 8, 2021
Anzeige

Meter 15: Dampf, Gas und Strom – Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

Anzeige

Folge uns

Von Michael Ronshausen und Anita Schmidt

In der Zeit seiner Erbauung hat wohl niemand einen Gedanken daran verschwendet, den Dom zu beheizen. Vor rund 120 Jahren lebte diese Idee erstmals auf und wurde angesichts des technischen Fortschritts auch tatsächlich möglich. Am Möllenvogteigarten wurde ein Heizhaus mit drei Kesseln und fast 400 Quadratmetern Feuerfläche errichtet. Die Kessel erledigten die Arbeit, die rund 75.000 Kubikmeter des Dom-Innenraums auf eine auch im Winter erträgliche Temperatur zu bringen. Hierzu wurde unter dem Fußboden ein 230 Meter langer und begehbarer Gang errichtet, in dem die Leitungen den Heißdampf zu den Heizkörpern brachten, die ebenfalls in den Boden eingelassen waren. Einer mündlichen Überlieferung zufolge war die Anlage im Winter nicht nur rund um die Uhr im Einsatz, sie verbrauchte täglich auch acht Tonnen Koks. 1941 wurde die Anlage aus kriegswirtschaftlichen Gründen vorübergehend, 1945 durch einen Bombentreffer ins Heizhaus schließlich für immer stillgelegt. Heute würde allein der tägliche Koksverbrauch mit rund 2.000 Euro zu Buche schlagen. Vor 100 Jahren spielte der damals vermutlich ebenfalls erhebliche Kostenfaktor allerdings keine Rolle. Der Dom war nicht nur eine einfache Pfarrkirche. Für das gleichzeitig als Militärkirche genutzte Gotteshaus war nichts zu teuer.
Nachdem vor wenigen Jahren die bodenseitigen Warmluftauslässe entfernt wurden, sind heute die vergoldeten und unterhalb der Lichtgaden installierten Austrittsöffnungen die letzten Zeugen der rund vierzigjährigen „Warmzeit“. Viele Dinge hat die Kathedrale im Laufe der Jahrhunderte kommen und gehen sehen. Einigen Neuheiten war nur eine kurze Zeit im Dom vergönnt, andere erwiesen sich als so nützlich, dass sie bis heute zum Tagesbetrieb gehören. Über eine lange Zeit hinweg gab es beispielsweise nur eine Möglichkeit, abends oder bei trübem Wetter Licht ins Dunkel des Gotteshauses zu bringen: „Feuer“ in Form brennender Kerzen und ölbetriebener Laternen. Vermutlich waren es mehrere Millionen Wachskerzen, die zu Messen, aber auch zur Beleuchtung im Dom abgebrannt wurden und die mit ihrem Ruß eine dicker werdende Schmutzschicht hinterließen. Kurz nach der Mitte des 19. Jahrhunderts war es wohl ein höchst praktischer Segen, als jemand auf die Idee kam, im Dom eine Gasbeleuchtung zu installieren und damit das Abbrennen von Kerzen auf die Altäre zu beschränken. Der Dom erhielt einen Anschluss an das Gasleitungsnetz. Unter dem Boden wurden Gasrohre verlegt, die bei archäologischen Ausgrabungen heute manchmal als „Nebenbeifund“ wieder ans Tageslicht kommen (s. Foto).
Nun mussten die Küster zwar weniger Kerzen entzünden, hatten aber mit dem Betrieb und der Wartung der Gaslaternen eine neue Aufgabe zu übernehmen. Die mittig zwischen den Langhausarkaden im Boden montierten Laternen erhellten mit hunderten kleinen Leuchten das Kirchenschiff. Doch auch dieser vor 150 Jahren hochmodernen Technologie waren nur wenige Jahrzehnte Bestand vergönnt. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hielt in Magdeburg die Elektrizität Einzug und so dauerte es nicht lange, bis auch im Dom die ersten Stromkabel verlegt wurden. Die nun schon wieder unmoderne Gasbeleuchtung wurde stillgelegt, allerdings elektrifizierte man die alten Laternen, die noch bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein den Dom erhellten. Bald nach dem Krieg hingen dann die ersten Lampen aus dem Gewölbe herab.

Bis heute bleibt die Innenbeleuchtung des Doms eine im Wandel begriffene Angelegenheit, auch derzeit wird sie einmal mehr erneuert und ergänzt. Heute spielen natürlich die Energiekosten eine wesentliche Rolle. Der Stromanschluss sorgte aber auch noch in einem weiteren, und diesmal wirklich kirchentypischen Bereich für eine erhebliche Arbeitserleichterung. Im Nordturm des Doms fanden in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstmals Elektromotoren Aufstellung. Wurden zuvor noch mehrere Männer benötigt, um die teils viele Tonnen schweren Glocken zu läuten, konnte dies nun mittels eines Knopfdrucks erledigt werden.

WEITERE
Anzeige
Magdeburg
Bedeckt
1.8 ° C
3.7 °
-0.5 °
88 %
0.5kmh
100 %
Mi
3 °
Do
1 °
Fr
2 °
Sa
2 °
So
4 °

E-Paper