Montag, Juni 27, 2022
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Meter 17: Am Tag einen Millimeter Baufortschritt?

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Von Michael Ronshausen und Anita Schmidt

Fragt der interessierte Dombesucher nach der Bauzeit der Magdeburger Kathedrale oder will er sich dazu in der reichlich vorhandenen Literatur erkundigen, bekommt er die Information vermittelt: „von 1209 bis 1520“ oder eben „311 Jahre“. Und meistens wird diese Information nach kurzem Erstaunen kopfnickend hingenommen. Unsere Altvorderen waren eben nicht die Schnellsten. Jeder Handgriff musste tatsächlich von Hand erledigt werden. Und da man sowieso nur langsam vorankam, konnte man sich auch Zeit lassen.

Die Domerbauer hatten bei ihrer Arbeit zwei Richtungen vor Augen, den langen Weg durch Chor und Langhaus, also runde 118 Meter von Ost nach West, und dann die hundert Meter der beiden in den Himmel strebenden Türme, die aber bei der folgenden Zahlenakrobatik keine Rolle spielen. Nimmt man all diese bekannten Zahlen zur Hand, drängt sich nicht unbedingt ein Rechenbeispiel auf, doch wenn man das Ergebnis durchdenkt, muss man einen Moment innehalten. Man könnte nämlich sagen, dass der Dombau in jenen 311 Jahren täglich einen runden Millimeter (von Ost nach West) vorangeschritten ist.

Diese Zahl mag interessant klingen, aber letztlich entspricht sie nicht der Realität, weil ein bedeutender Umstand in der Überlieferung der Dombaugeschichte meist unberücksichtigt bleibt: Die Zahl der 311 Baujahre ist nicht wahr. Natürlich hat man bereits 1209 (vielleicht sogar schon 1208) mit dem Bau des Doms begonnen, und es vergingen wirklich 311 Jahre, bis 1520 der zwischendurch mehrfach modernisierte und erweiterte Gesamtplan vollendet war. In diesen 311 Jahren liegen jedoch einzelne Jahre, einige Male Jahrzehnte und einmal sogar mehr als ein ganzes Jahrhundert, in denen kein Stein behauen, keine Mauer gebaut und kein Fenster installiert wurde.
Bereits nach ebenfalls mehrfach unterbrochenen 154 Jahren Bauzeit war der Dom im Großen und Ganzen fertiggestellt. Und so kam es im Sommer 1363 unter Erzbischof Dietrich Kagelwit zu einer Veranstaltung mit verwirrendem Namen: zur feierlichen Schlussweihe. Die Verwirrung verschwindet jedoch, wenn man weiß, dass die damals daran Beteiligten wirklich vom Ende der Arbeiten ausgingen. Im Inneren und größtenteils auch Äußeren sah der Dom so aus, wie wir ihn heute kennen – ein helles, fast strahlendes Gebäude aus gelbem Sandstein. Lediglich die oberen beiden Drittel der großen Westtürme fehlten noch. Und tatsächlich war man 1363 überzeugt, auf diese Türme verzichten zu können (die Zwischenbemerkung „Schöne Grüße vom Kölner Dom“ ist hier durchaus angebracht). Während es am Rhein einige Jahrhunderte dauern sollte, bis die Bauleute erneut Hammer und Meißel zur Hand nahmen, waren es in Magdeburg „nur“ 114 Jahre (ein gutes Drittel der Gesamtbauzeit) bis Erzbischof Ernst ernst machte und die Türme ab 1477 vollenden ließ. Was ihn dazu bewog, ist nicht bekannt. Vielleicht betrachtete er sie als seine Grabsteine, immerhin ruht er seit 1513 zwischen den beiden Riesen.
Nimmt man alle heute zur Verfügung stehenden Informationen zusammen und rechnet grob nach, kommt man auf eine wirkliche Bauzeit von ungefähr 130 Jahren, ganz sicher jedoch auf weniger als 150 Jahre. Die Anlässe für die zahlreichen Baupausen waren vielfältig. Mangelnde Mittel, unruhige Zeiten, von (fast) höchster Stelle verordnete Planänderungen und nachlassendes Interesse spielten dabei eine Rolle; eben alles das, was der Bauherr von heute auch kennenlernt.

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