Montag, November 28, 2022

Meter 26: Trümmer, Trödel, teure Steine Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

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Von Michael Ronshausen

Einen Dom zu bauen war im Mittelalter finanziell und architektonisch, aber auch logistisch ein riesiges Unterfangen! Eine unbedingt im Vorfeld zu klärende Generalfrage war daher, wie man in einem vorausschaubar langen Zeitraum eben jene Steine besorgen konnte, die zuerst gefunden, dann bearbeitet und schließlich auf oft weiten Wegen zum Bauplatz transportiert werden mussten. Vermutlich liegt in der häufig unbeantworteten Frage auf dieses Problem die Antwort, warum die Mehrheit der mittelalterlichen Kathedralen nie fertiggestellt werden konnte. Auch in Magdeburg sind mehrere Bauunterbrechungen bekannt, die wohl ausschließlich auf das Problem der Materialbeschaffung zurückzuführen waren. In einer Zeit, in der Bauleute (und ihre Familien) kaum mehr vom Leben erwarteten als ausreichend zu essen und ein halbwegs wasserdichtes Dach über dem Kopf, waren selbst die qualifiziertes-ten Arbeitskräfte für das Domkapitel meist problemlos bezahlbar. Einen umfangreicheren Posten machten hingegen jene Aufwendungen aus, die in Steinbrüchen versickerten und auf schlechten Straßen verschwanden.

Genau genommen war es für die Bauherren fast ein Glücksfall, wenn man eine alte Kirche zum Steinbruch umfunktionieren konnte – egal, ob sie abgebrannt, zu klein und zu unbedeutend geworden war. Diesen Glücksfall konnte sich auch das Domkapitel nach 1209 zugute schreiben. Hier gab es ab 1207 zwei Altkirchen zum Abwracken, deren Bestandteile man in einen schicken Neubau hineinpuzzeln konnte. Bis heute finden sich vorrangig in den östlichen Bereichen des Doms viele neu auf Maß gebrachte Steine, die nicht recht in das klassische Sandsteinkleid des Doms hineinpassen. Sie zeigen eine andere Oberflächenstruktur und eine andere Farbe. Offensichtlich waren sie nie so anfällig für die 150 Jahre des auf Kohle basierenden Brandgeruchs, denn sie wirken heute erstaunlich „sauber“. Sie bestehen aus Kalkstein und verraten, aus welchem Material der alte Dom und vermutlich auch die Mauritiuskirche errichtet worden waren. Doch tatsächlich wurden nicht nur die größeren Steine einer passgenauen Neuverwendung zugeführt, auch im gotischen Dom entstand viel Raum für Bauschutt und für Trödel aller Art – und das sogar in einem erheblichen Maßstab.
Betrachtet man heute den Dom, glaubt man sich in einem riesigen Raum, sorgsam zusammengefügt aus wohlbehauenen und teilweise künstlerisch hochwertig bearbeiteten Steinen. Doch dem ist nicht so. In vielen Bereichen galt schon damals, billiger ist schneller und besser. Steht man beispielsweise zwischen den mächtigen Pfeilern des Langhauses, bewundert man die exakt zusammengefügten Steine, die aber trotz ihrer mächtigen Wandungen das Geheimnis in sich bergen, im inneren hohl zu sein. Vor ihrer Fertigstellung wurden diese Hohlräume mit einer Mischung aus Bauschutt und Gussmörtel verfüllt, wobei man sogar annahm, mit diesem Verfahren die Stabilität dieser Bereiche noch einmal zu erhöhen. Dies traf natürlich nicht zu, war aber zum Glück auch nicht erforderlich. Uneingeweihte Dombesucher können sich auch kaum vorstellen, dass große Teile des Langhauses in Wirklichkeit nicht aus riesigen Sandsteinquadern bestehen, sondern aus groben Natursteinen zusammengefügt wurden, die man um der schöneren Optik Willen später einfach nur kunstvoll verputzt hat. Dabei ging man im Mittelalter – wie auch bei der Sanierung vor wenigen Jahrzehnten – so weit, die Fugen zu imitieren und die nicht vorhandenen Steinblöcke in regelmäßig leicht abweichenden Farbtönen zu gestalten. In weniger wichtigen Bereichen hat man sich dieser Mühe nicht unterzogen. Auch bei der Doppelturmfassade – ein massiv errichtetes Bauwerk – ist man oft zum Kunstgriff der Vereinfachung ausgewichen und hat alles mitverbaut, was sich verbauen ließ. .

Am Ende steht die Frage, woher der Dom – so, wie er heute weit sichtbar in der Stadt steht – nun eigentlich kommt. Trotz aller Einschränkungen bleibt der Neubau von 1209 ein Neubau, und ebenso selbstverständlich musste die Mehrheit des Materials irgendwo besorgt werden. Hier bediente man sich gerne in der Region um Bernburg, denn der dort gewonnene Sandstein musste zwar über 40 Kilometer weit transportiert werden, man konnte jedoch größtenteils Saale und Elbe dafür nutzen. Bis heute gibt es in der Nähe des Bördeortes Schermcke die „Domkuhlen“ – mittelalterliche Steinbrüche, aus denen Material für den Dombau gewonnen wurde. Ab dem 19. Jahrhundert und mit der Professionalisierung der Verkehrswege weitete sich der Bezugsraum erheblich aus. Schon während der großen Domreparatur um 1830 kam Material aus dem Elbsandsteingebirge zum Einsatz, und 100 Jahre später wurden Steine aus dem schlesischen Raum verwendet. Zum Einsatz kam schließlich auch Material aus dem Harz, dem Harzvorland und nicht zuletzt aus der unmittelbaren Umgebung von Magdeburg, beispielsweise aus Steinbrüchen nahe Sülldorf.

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