Freitag, Dezember 2, 2022

Meter 28: Sobald das Geld im Kasten klingt …

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Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

Von Michael Ronshausen

… die Seele in den Himmel springt! Dieser Vers wird gern Ablassprediger Johann Tetzel (circa1460 bis 11. August 1519) angedichtet. Ob er tatsächlich von ihm stammt, ist ungewiss. Als sicher aber gilt, dass es bis heute im Magdeburger Dom einen großen Ablasskasten in Form einer Truhe gibt. Ob das frühere Kassenmöbel aus Tetzels Besitz stammt und von ihm benutzt wurde, ist hingegen nicht beweisbar. Es stammt aber aus der Zeit vor der Reformation und verfügt über mehr als die oftmals erwähnten drei Zuhaltungen. Es gab mindestens ein Schloss für Tetzel, eins für den Magdeburger Erzbischof Albrecht, und ein weiteres für den Abgesandten des Papstes. Darüber ist es ein Kasten von erheblichem Umfang und aufgrund der massiven Bauweise aus Eichenholz auch von großem Gewicht.
Beides war notwendig, denn die Summen, die Tetzel mit der öffentlichen Verkündung seines Verständnisses von der Erlangung des Seelenheils einnahm, waren kein Kleingeld. Immerhin diente das Geld dem Magdeburger Erzbischof Albrecht IV. von Brandenburg zur Begleichung einiger bei den Fuggern aufgelaufenen Schulden, mit denen er seine verbotene Ämterhäufung finanziert hatte (Albrecht war gleichzeitig Erzbischof von Magdeburg und von Mainz, sowie nebenher Verwalter des Halberstädter Bistums). Und am Ende dienten Tetzels Taler vor allem der Finanzierung des bereits laufenden Neubaus der Peterskirche in Rom, dem bis heute teuersten Bauprojekt der Christenheit.

Vermutlich war es nicht nur Martin Luther, der sich gegen den Ablasshandel stellte, es gab auch weitere Zeitgenossen, die dem Tetzelschen Treiben gerne ein Ende machen wollten. Dies geschah teilweise aus eigennützigen Motiven. Bargeld hatte auch im späten Mittelalter einen besonders anziehenden Klang, und so soll Tetzels Ablassschatz mehrfach Diebe angezogen haben. Auf welche Weise die Truhe ihren Weg in den Dom fand, wissen wir nicht. Sie war kein Spendenkasten für den Dom, obwohl sie noch heute dazu zweckentfremdet wird, weil es nach wie vor mehrere Geldeinwurfschlitze gibt – was für die Authentizität des Kastens spricht.
Es ist auch nicht bekannt, warum man die Truhe über all die Jahrhunderte aufbewahrt hat. Als interessantes Überbleibsel aus der Zeit vor der Reformation wurde sie um 1700 im ältesten schriftlichen Domführer bereits erwähnt. Zumindest zeitweise fristete sie ein recht vernachlässigtes Dasein, stand teilweise in unzugänglichen Ecken herum. Erst nach der Wende erinnerte man sich ihrer wieder als historisch interessantes Objekt. Man stellte sie fast genau in die Mitte des Doms, neben den südwestlichen Vierungspfeiler (Foto: E. Beschke). Immerhin ist sie ein greifbarer Sachzeuge der Verirrungen der alten Kirche, und genauso symbolisiert sie den Beginn der Reformation. In ihrer schweren Bauweise ist sie gut erhalten, trägt aber Spuren der Zeit und Beschädigungen, im Holz wie auch im Metall. Hier einzugreifen wäre aus denkmalpflegerischer Sicht sinnvoll.

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