Dienstag, Juli 5, 2022
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Meter 29: Der eiserne Dom

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Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

Von Michael Ronshausen
Würde man die Frage stellen, aus welchem Material der Dom erbaut wurde, bekäme man wohl die richtige Antwort: aus Stein. Ein weiteres Material, welches der interessierte Dombesucher oft nicht wahrnimmt, versteckt sich zwischen der steinernen Pracht. Es ist das Eisen, das von Anfang an in großen Mengen in den Dom eingebaut wurde und was die Errichtung von Kathedralen in der uns bekannten Größenordnung überhaupt möglich machte. Doch beim schmückenden und baulich manchmal ausufernden Zierrat, welches der Kirche ihr bewundernswertes Erscheinungsbild verlieh, gingen die mittelalterlichen Baumeister auf Nummer sicher – und riefen nach dem Schmied.

Der fertigte die eisernen Bolzen, Stifte und Dübel an, mit denen alle jene schweren, aber oft auch grazilen Sandschmuckstücke verbunden wurden, die dem Dom sein sichtbares Kleid gaben. Der Effekt war nachhaltig, doch eben nicht nachhaltig genug. Durch eindringendes Wasser verrosteten diese Verbindungen und sprengten irgendwann die Steine. Der Aufwand, die hierbei entstehenden Schäden in Grenzen zu halten, war groß und vor allem teuer. Bei den modernen Sanierungsarbeiten werden die eisernen Verbindungen heute durch rostfreien Stahl ersetzt.

Eisen spielte auch im kleinen Maßstab beim Dombau eine Rolle. Bereits um 1250 war man im Rahmen der nachträglichen Erhöhung des Hochchorbereichs zu der Überzeugung gekommen, den Gewölbeanlauf wegen des nach außen gerichteten Drucks und dem planmäßigen Verzicht auf Strebepfeiler mit einer eisernen Stange zu sichern, die sich bis heute quer durch den Hohen Chor spannt. Sie gilt trotz ihrer einfachen Konstruktion als Meisterwerk der mittelalterlichen Schmiedekunst, ist mit den beiden Verankerungen fast 15 Meter lang und 8 Zentimeter stark, sowie durch eine spezielle Materialbehandlung so beschaffen, dass sich selbst nach mehr als einem dreiviertel Jahrtausend der Rostanfall in Grenzen hält.
Mitten im Dom, am südwestlichen Vierungspfeiler und damit an einer strukturell wichtigen Stelle, zeigte sich vermutlich bereits seit dem 14. Jahrhundert eine leichte, aber sichtbare Abweichung von der vertikalen Bauflucht. Der Pfeiler wölbt sich bogenartig nach innen in Richtung der Vierung. Nach einer fast modernen Legende ist diese Abweichung von der Senkrechten jedoch nicht auf einen Baufehler aus der Zeit des Mittelalters zurückzuführen, vielmehr wäre der „Knick“ erst im späten 19. Jahrhundert entstanden. Damals wurde versucht, Teile des Domfelsens wegzusprengen, was wiederum auch den Dom in Mitleidenschaft gezogen haben soll. Heute wissen wir, dass der Dom mit dem gleichnamigen Felsen keinen Kontakt hat, und vermutlich wussten das auch schon unsere Altvorderen im 19. Jahrhundert.

Nichtsdestotrotz war bereits 1853 Domprediger Johann Friedrich Möller der Überzeugung, dass dieser gewaltige, aber etwas aus dem Lot geratene Pfeiler eiserne Unterstützung gebrauchen könnte. Vermutlich übertrug man der gleichnamigen Buckauer Maschinenfabrik von Rudolf Wolf die Aufgabe, eine einmal um den Pfeiler herumlaufende Sicherungsverankerung zu konstruieren, sie herzustellen und schließlich oberhalb des Kapitells zu installieren. Bereits auf 1888 durch Eduard von Flottwell angefertigten Fotos ist die Schelle zu sehen, und möglicherweise sogar schon kurz nach 1853 eingebaut worden. Sie umschließt in einer Konstruktion, die man durchaus als technisch-konstruktives Meisterwerk bezeichnen kann, den Pfeiler mit mehreren aus der Pfeilerstruktur herausgearbeiteten Elementen, welche wiederum durch große Schraubverbindungen zusammengehalten werden und die damit den Querdruck innerhalb des Pfeilers abfangen. Ob es überhaupt – also auch ohne dieses Bauteil – jemals zu Schäden gekommen wäre, kann heute niemand sagen.

Die verschraubte eiserne Schelle am Südwest-Vierungspfeiler. Eingebaut nach 1853 und vor 1888. Foto: E. Beschke
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