Freitag, September 30, 2022
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Meter 31: Von Älteren, die auch Schatzkisten waren

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Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

Von Michael Ronshausen

Bereits im November 2021 haben wir bei Meter 15 darüber berichtet, dass es im Dom bis zur vorletzten Jahrhundertwende keine Heizung gab. Erst ab 1899 wurde eine Niederdruck-Dampfheizung konstruiert und 1901 in den Dom eingebaut. Sie benötigte wintertäglich rund acht Tonnen Koks, sorgte aber nicht nur für Wärme, sondern wegen nach oben aufsteigender Luft auch für Staub. Betreten heute Besucher den Dom, hört man oft die Frage, ob die Öfen damals ausgereicht haben, um das Innere der riesigen Kirche auf Temperatur zu bringen. Als Domführer kann man auf diesen Irrtum eingehen, sollte aber darauf verweisen, dass im Dom hölzerne Ofenklappen nicht funktioniert hätten und dass es sich dabei in Wirklichkeit um Altäre handelt. Von ihnen gab es eine erstaunliche Anzahl (in historischer Überlieferung insgesamt 48 Exemplare), und sie dienten keineswegs dem Zweck der frommen Zierde, sondern waren – oft über eine lange Zeit hinweg – regelmäßig in Gebrauch.

Der Dom war mit seinen Altären eine Simultankirche, weil an verschiedenen Stellen Gottesdienste wie Eucharistiefeiern und Seelenmessen gehalten wurden. Damit erfüllten die Altäre den Zweck einer Kirche: das immerwährende Feiern der Liturgie und des Gotteslobes sowie die nach katholischem Verständnis heilbringende Wiederholung des Kreuzesopfers Christi im Brotbrechen und Austeilen des Weins durch den Altardienst des Priesters. Heute sind 19 der historischen Altäre vorhanden, drei wurden in Kapellen und im Remter neu errichtet. Regelmäßig benutzt werden neben den beiden Hauptaltären im Dom und den beiden Altären im Dom-Remter noch zwei weitere am Lettner und in der Ernstkapelle. Übrigens steht auch das weitbekannte Magdeburger Mal Ernst Barlachs auf einem ehemaligen Altar.

Im Mittelalter galt es als gute Tat, in einer Kirche einen Altar zu stiften. Natürlich war es nicht damit getan, diesen nur zu errichten und damit – sprichwörtlich – den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Generell kostete ein solch frommes Werk viel Geld, denn ein Altar benötigte eine bestimmte Ausstattung zum Vollzug der liturgischen Handlungen: Leuchter, Altarkreuz, Abendmahlsgerätschaften u. v. m. Doch damit war die heilsbringende Pflicht noch nicht erfüllt, denn erst mit der regelmäßigen Eucharistiefeier bekam der Altar seinen Sinn als Ort der Anrufung des Herrn, und dazu benötigte man einen Geistlichen. Wer jedoch am Altar dient, muss auch vom Altar leben, und wer auf lange Zeit etwas für sein eigenes Seelenheil (oder das seiner Familie) tun wollte, musste tief in den Geldbeutel greifen und – im Idealfall für immer – einen Priester bezahlen.

Je nach Umfang dieser „Investition“ konnte so auch mehrmals täglich eine private Messe für den oder die Stifter gelesen werden – manchmal geschah das über Jahrzehnte, vermutlich gar über Jahrhunderte hinweg. Erst nach der Reformation erlosch dieser Brauch, und auch heute spielt er in dieser Form in der katholischen Kirche keine Rolle mehr. Tatsächlich sind im Dom viele der Nebenaltäre irgendwann entwidmet und beseitigt worden. Einige stehen jedoch bis heute und werden, wie eingangs berichtet, manchmal für Öfen gehalten. Der Grund für diesen Irrtum ist schnell erzählt. Die zum Altar gehörenden Gerätschaften stellten auch damals einen erheblichen Wert dar, der trotz der Möglichkeit der schweren Bestrafung Langfinger anlockte. Und so wurden die gottesdienstlichen Pretiosen während des Nichtgebrauchs gleich vor Ort, eben im Altar, eingeschlossen, was die Altäre in ihrer schweren, steinernen Bauweise und mit den massiven, eisenbeschlagenen Holztüren auch zu Schatzkisten machte, aber natürlich nicht zu Öfen.

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