Mittwoch, August 10, 2022
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Meter 32: Ein dunkler Mann aus früher Zeit

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Erzählungen aus der gotischen Kathedrale | Von Michael Ronshausen

Manchmal ist es im Magdeburger Dom so, dass sich das Wissen um bestimmte Ereignisse, Zusammenhänge oder auch Gegenstände darauf beschränkt, nichts zu wissen. So ist es auch mit der heute vielleicht bekanntesten Skulptur, die im Dom steht. Sie zeigt einen Heiligen, der vor mehr als 1700 Jahren lebte und der seine Verehrung in der Uniform eines römischen Offiziers erwarb. Seine Geschichte war rund 700 Jahre lang bewahrt worden, und sie interessierte den noch jungen König und späteren Kaiser Otto den Großen so sehr, dass er am 21. September 937 in Magdeburg ein neugegründetes Kloster nach ihm benannte.
Irgendwann um das Jahr 285 hatte sich Mauritius in der Gegend von Agaunum, heute im Süden der Schweiz gelegen und als Saint Maurice (nicht zu verwechseln mit Sankt Moritz) bekannt, geweigert, Christen zu verfolgen, und letztlich mit seiner eigenen, vermutlich ebenfalls aus Afrikanern bestehenden Legion, zur Strafe das Martyrium erlitten. Viele Einzelheiten aus dieser Geschichte sind heute allerdings nicht nachgewiesen und es existieren keine belastbaren zeitgenössischen Überlieferungen – vieles bleibt Legende. Sicher ist aber immerhin, dass Mauritius gemeinsam mit seinen Gefährten bereits im vierten und fünften Jahrhundert als Kirchenheiliger verehrt wurde, wofür es einen adäquaten Anlass gegeben haben muss.

Wie Otto nun auf diesen Märtyrer aufmerksam geworden ist und warum er ihn schließlich zu einer Art Lieblingsheiligen gemacht hat, wissen wir nicht. Vielleicht war es die Erinnerung an einen tapferen Soldaten (das tapfere Soldatentum der alten Römer war auch im zehnten Jahrhundert nicht vergessen), und die unumschränkte Hingabe an den christlichen Glauben, womit sich Otto begeistern ließ. Am Ende, und das hätte Otto damals, vor bald elfhundert Jahren ebenfalls begeistert, bekam Mauritius einen Dauer-Job als Magdeburger Stadtheiliger. Noch vor der Heiligen Katharina von Alexandrien (auch aus Afrika) ist er bis heute der erste Namensgeber des Magdeburger Doms und der Domgemeinde.

Wie die Mauritius-Verehrung anfänglich ausgelebt wurde, wissen wir (wieder einmal) nicht. Heute gibt es im September ein Mauritiusfest, und vielleicht gab es etwas ähnliches auch zu Ottos Zeiten. Um 1240 herum entstand jedenfalls für den neuen Dom eine Figur des Heiligen, die es nicht nur auf sich, sondern auch in sich hatte: Sie war nämlich schwarz, was seinerzeit ein spektakulärer Anblick gewesen sein muss. Dabei ging es nicht nur um die dunkel bemalten Hautpartien, sondern auch um die eindeutig zu erkennende Physiognomie eines aus Afrika stammenden Menschen und damit um die erste wirklich realistische Darstellung eines Afrikaners in der nordalpinen Kunst. Bedauerlicherweise – man kennt es bereits – gibt es auch zum schwarzen Sandstein-Mauritius keine verlässliche Rezeptionsgeschichte. Er verschwand irgendwie und irgendwann, aber glücklicherweise nicht spurlos.

Während der großen Domreparatur zwischen 1826 und 1834 fand man die unter Teileverlust leidende Skulptur angeblich in einer Holzkiste wieder. Einer anderen Darstellung nach war Mauritius sogar irgendwo eingebuddelt. Erhalten geblieben sind sein einstmals gerüsteter und waffenklirrender Korpus sowie sein Gesicht. Zuerst in einer der Chorkapellen „in die Ecke gestellt“, nimmt seine Figur seit 1956 und vis-à-vis der Heiligen Katharina einen zentralen Ort im Hohen Chor ein. Sowohl kunst- wie auch erinnerungsgeschichtlich kommt keine Domführung an Mauritius und der bald 800 Jahre alten Figur vorbei.

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