Freitag, September 30, 2022
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Meter 33: Der kleine Kaiser und der große Dom

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Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

Von Michael Ronshausen

Genau genommen ist es ein Treppenwitz! Die Magdeburger bauen sich zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert eine riesige Kathedrale, und weil die klassische Romanik nicht mehr „en vogue“ ist, muss es ein Neubau nach dem französisch-gotischen Kathedralschema sein. Das ist auch in Ordnung, immerhin reden wir hier von einer großen Sache und nicht zuletzt auch von einem Stück früher Globalisierung in der Architektur. Doch – und jetzt wird es unschön – keine 300 Jahre nachdem das Projekt 1520 vollendet ist, rücken 1806 die Franzosen in Magdeburg ein und machen aus dem Prachtbau einen Pferdestall. So weit, so ungut!
Und vermutlich auch falsch, oder zumindest nicht ganz richtig. Kein normaler Mensch würde in einer so denkbar ungeeigneten Räumlichkeit wie dem Dom Pferde einquartieren. Trotzdem haben Napoleons Leute – vermutlich in Ermangelung geeigneterer Örtlichkeiten – den Dom zum Warenlager umfunktioniert. Und ja, Pferde und andere Viecher vielerlei Art gab es ebenfalls, wenn wohl auch nicht unmittelbar in der großen heiligen Halle. Ausgenommen den Hohen Chor stapelten sich im Dom die Lebensmittel in Form von Zucker- und Mehlsäcken sowie andere Dinge, die der uniformierte Franzose kulinarisch zu schätzen wusste.
Der Überlieferung zufolge weideten im Domgarten, der immerhin den Status eines Friedhofs hatte und bis heute hat, einige Dutzend Schafe, die sich vermutlich von hier aus später auf den langen Weg nach Osten machen mussten. Immerhin begann der am Ende für alle Beteiligten so verhängnisvolle Russlandfeldzug zum Teil in Magdeburg (und für einige Wenige endete er sogar wieder hier). Bald darauf war mit der „Franzosenzeit“ Schluss, der Dom wurde entrümpelt und wieder zur Kirche – mit dem Ergebnis, dass es wenige Jahre später zur bauwerksrettenden Domreparatur kam (woran allerdings nicht nur die Franzosen Schuld hatten).

Ob der Dom in dieser Zeit als Waffenlager diente, kann nur vermutet werden. Tatsächlich gab es Pferde, doch die haben wahrscheinlich nur dem örtlichen Personal gedient und waren im Kreuzgang untergebracht. An der Ostseite finden sich bis heute fünf eiserne Ringe (oberes Foto), an denen kein geringerer als der kleine französische Kaiser nebst Begleitung seine Pferde angepflockt haben soll. Ob die ebenfalls als historisch zu betrachtende Behauptung stimmt, die Ringe wären erst nach 1945 angebaut worden, damit die Domchor-Kinder ihre Fahrräder anketten konnten, weiß heute niemand mehr.

Ob die Ringe aus Frankreich stammten oder wenigsten französisch-soldatischen Ursprungs sind, ist daher ungewiss. Sicher ist jedoch, dass die Franzosen einige Dinge als Souvenir mitnahmen. Dazu gehörte beispielsweise der abmontierte und nie wieder „herbeigeflogene“ Adler vom Ernstgrab. Der hier abgebildete und von Peter Vischer in Nürnberg gegossene Messingvogel ist ein Zweitguss aus anderen Umständen. Verschwunden sind seit 1814 auch die Einbauten im Hohen Chor, wie beispielsweise die einer hölzernen Kanzel, mit der man zumindest pro forma das gottesdienstliche Leben im Dom und allen Franzosen zum Trotz aufrechterhalten wollte.

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