Montag, September 26, 2022
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Meter 34: Der Dom im freien Fall

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Von Michael Ronshausen
Dem Dom Schaden zuzufügen, geht entweder schnell, wie wir seit dem Zweiten Weltkrieg wissen. Oder es ist eine Sache, die sich über Jahrzehnte, manchmal gar über Jahrhunderte entwickelt und die ebenfalls erhebliche Folgen nach sich ziehen kann. Aus heutiger Sicht ist der Dom extrem stabil gebaut, denn in der Zeit des Mittelalters wusste man nur, dass eine sechs Fuß dicke Mauer besser ist als eine drei Fuß starke Wand. Wirklich berechnen konnte man diese Zusammenhänge noch nicht. Problematisch wurde es, als man anfing, die größer werdenden Gotteshäuser mit reichlich Schmuck zu versehen, und man in das Zeitalter der großen gotischen Kathedralen eintrat. Die Epoche der glatten Wand, der geraden Linie und des gedrungenen Fensters war vorbei. Die neuen Kirchen des 13. und der folgenden Jahrhunderte blühten durch einen manchmal überbordenden steinernen Schmuck auf. Das alles begeisterte schon damals den Betrachter, führte aber zu Problemen, denn diese Kirchen unterlagen nun einem sichtbaren Verfall.

Bis heute ist es für Magdeburger, wie auch für auswärtige Besucher des Doms, eine zentrale Frage, wo die Kreuzblume auf dem südlichen Hauptturm geblieben ist. Nach allem, was bislang bekannt ist, kann dies nicht abschließend beantwortet werden. Vielleicht hat sie einige Jahrzehnte existiert, ist möglicherweise 1540 heruntergefallen und später nie ersetzt worden. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass es sie nie gab. Auf alle Fälle konnte man sich 1986 ein Bild davon machen, wie es aussieht, wenn ein großes Bauteil mit einem Gewicht von vielen Tonnen aus einer Höhe von rund 75 Metern abstürzt und vor dem Dom aufschlägt. Gesehen hat den Absturz niemand, aber die damals im Pfarrhaus wohnende Dompredigerin Waltraut Zachhuber hat davon berichtet, wie sie im Bett stand, als eine der acht riesigen Sandsteinfialen abbrach, 25 Meter vor ihren Fenstern einschlug, dabei einen Höllenlärm verursachte und eine beeindruckende Trümmerlandschaft hinterließ.

Offenbar war dieser „Gebäudeschaden“ auch der damaligen staatlichen Denkmalpflege nicht recht, denn innerhalb von nur zwei Jahren konnten sowohl die Fiale wie auch der sie mit dem Oktogon verbindende Schwibbogen neu errichtet werden. Noch heute ist der moderne Pfeiler an seiner wesentlich helleren Oberfläche gut zu erkennen. In kleineren Maßstäben findet man derartige „Ersatzteile“ vielfach auch an anderen Stellen, und bereits um 1830 wurde fast das gesamte bauliche Schmuckwerk einmal komplett ausgetauscht. Anlass war der Zustand des Doms – vereinfacht mit dem Begriff „baufällig“ umschrieben. Selbst damals, vor knapp 200 Jahren, gab es kein Rezept, den ständigen Verfall zu verlangsamen, und so sind Bauleute und Restauratoren bis heute damit beschäftigt, beschädigte Teile auszutauschen oder neu zu befestigen. Der berühmte Magdeburger Dombaumeister Richard Voigtel – der seinen Ruhm allerdings nicht in Magdeburg, sondern in Köln erwarb und der den rheinischen Riesenbau 1880 vollendete – war noch 1902 der Überzeugung, dass „sein“ Dom in den kommenden 100 Jahren keinerlei denkmalpflegerischer Obhut bedürfe. Wie schnell der Verfall beim größtenteils noch neuen Kölner Dom voranschritt, konnte man sehen, als im Jahr nach Voigtels Tod 1902 für ihn ein Nachfolger berufen wurde, weil auch diese Kathedrale zum Pflegefall wurde. So wie alle anderen ebenfalls.

Das Oktogon des Südturms mit zwei (der vier) Eckfialen. Die linke ist 1986 bei einem Unwetter abgestürzt, wurde aber schnell ersetzt. Der neue helle Sandstein zeugt noch heute vom Austausch. Foto: Steffen Ebert
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