Freitag, September 30, 2022
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Meter 35: Speisesaal, Archiv, Museum, Kirche – Der Remter

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Erzählungen aus der gotischen Kathedrale I von Michael Ronshausen

Kaum ein anderer Raum im unmittelbaren Weichbild des Doms hat während der vergangenen sieben Jahrhunderte eine derart verschiedentliche Nutzung erlebt wie der Domremter. Der den Kreuzgang auf der Ostseite abschließende Bau gab am Anfang seinem bis heute bestehenden Namen „Remter“ (Refektorium) alle Ehre – er war der Speisesaal der Domherren und diente wohl den weniger bedeutenden Herrschaften, die im Dom tätig waren, eben diesem Zweck. Wie sich der „Kantinenbetrieb“ abgespielt hat, kann man heute nur noch erahnen. Vor allem im späten 19. Jahrhundert ist im Weichbild des Remters baulich viel verändert worden. Als sicher darf gelten, dass es im Mittelalter und zeitlich darüber hinaus baulich vom Remter getrennte Küchengebäude gab. Dabei dachte der mittelalterliche Mensch nicht nur an Essen, sondern auch an Feuer – und diesem Problem konnte man nur mit gehörigem Abstand begegnen.

Und tatsächlich war es ein Feuer, dass die Geschichte des bedeutendsten Nebenbaus des Doms beinahe beendet hätte. 1891 ist das aus dem Mittelalter stammende Obergeschoss des Remters komplett abgebrannt. Vermutlich waren es nur ein wenig Glück und reichlich massive Bauweise, wodurch der Remter gerettet werden konnte. Das Gebäude besteht daher heute aus einem unteren Teil des 14. Jahrhunderts (dem eigentlichen Remter), und einem um 1900 errichteten Neubau, der kirchenarchivarischen Zwecken dient. Welche Dimension der hinter dem Dom versteckt liegende Bau hat, wird erkennbar, wenn man mittels Luftbild die Dächer des Remters und des Landhauses vergleicht.

Zwischenzeitlich diente der Remter im 19. Jahrhundert als Archiv. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand die Idee, den Raum einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bis 1909 wurde ein Museum in Form eines Lapidariums eingerichtet, sozusagen der vorübergehende Vorgänger des heutigen Dommuseums in der ehemaligen Reichsbank. Die Schau manifestierte sich hauptsächlich durch ausgetauschte Bauteile, beschädigte Figuren und übriggebliebene Zierelemente. Die Sammlung wird kaum die museale Qualität des heutigen Dommuseums erreicht haben. Trotzdem springt dem Betrachter ein Foto aus der Zeit kurz nach 1909 ins Auge. Mitten im Remter sieht man einen riesigen Sandstein-Koloss: ein großer Teil der ersten Nordturm-Kreuzblume aus der Zeit kurz vor 1520. Diese war 300 Jahre später so verwittert, dass man sie ersetzen musste. Leider unbekannt ist der vorherige wie auch spätere Verbleib des Bauteils außerhalb der Existenzzeit des damaligen Museums.

Ab 1944 – rund 650 Jahre nach seiner Errichtung – bekam der Remter eine neue Aufgabe zugewiesen. Der zweischiffige und noch von antiken römischen Säulen getragene Bau wurde zur Kirche umgestaltet, weil es im Dom inzwischen zu ersten Schäden durch die Luftangriffe gekommen war. Nach dem Krieg erhielt er erstmals eine Orgel, die allerdings vor wenigen Jahren durch einen Neubau ersetzt werden musste und die neben der gottesdienstlichen Nutzung auch bei Konzerten bespielt werden kann. Im Gegensatz zum Dom ist der Remter auch heute noch beheizbar, wodurch er in der kalten Jahreszeit zur Winterkirche der Domgemeinde wird.


BU: Blick in den Remter, kurz nach 1909



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