Dienstag, November 29, 2022

Meter 36: Der Dom von unten

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Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

Aus archäologischer Sicht hat sich der Magdeburger Dom in den vergangenen 150 Jahren zu einer echten Großkampfbahn entwickelt. Einerseits fühlten sich seither etliche Ausgräber dazu berufen, andererseits war es nur wenigen Wissenschaftlern vergönnt, wirklich den Spaten anzulegen und das im Dunkeln verborgene Wissen zu vermehren. Stets war jedoch zu erkennen, dass die Erlaubnis zum Buddeln im Dom zu den nobelsten Aufgaben innerhalb der Archäologie gehörte. 

Bereits im späten 19. Jahrhundert kam es zu ersten Ausgrabungen. Inwieweit diese tatsächlich wissenschaftlich motiviert waren oder ob sie nur dem Anspruch einer klassischen Schatzsuche entsprachen, lässt sich auch aus der zeitlichen Ferne nur schwer bestimmen. Erkennbar war aber schon damals, dass es bei diesen Arbeiten regelmäßig um die genaue örtliche Bestimmung des Standorts des Vorgängerbaus, des Doms Otto des Großen aus dem 10. Jahrhundert, ging. Über diesen Bau existieren keine schriftlichen oder literarischen Quellen, seine einmalige Existenz ist lediglich im kollektiven Gedächtnis überliefert.

Dieses frühere zeit-, kunst- und kirchengeschichtliche Bauwerk zumindest in überkommenen Teilen wieder greifbar zu machen, war vermutlich bereits damals ein großer Anspruch. Erfüllt wurde dieser Wunsch schließlich 1926 durch den Hallenser Architekten Alfred Koch. Er wusste, dass der heutige Dom in einer um wenige Grad gegenüber dem Kreuzgang-Südflügel verdrehten Achse ausgerichtet war und dass sich demzufolge vielleicht einige Teile eines älteren Baus außerhalb der „modernen“ Fundamente finden lassen könnten. Und damit hatte er recht. 

Im oben genannten Jahr fanden erstmals umfangreiche Ausgrabungen am Dom statt. Unmittelbar südöstlich der Außenmauern, zwischen dem Kapellenkranz, dem Remter und der Domküsterei, fanden sich im Boden massive bauliche Reste, denen man – wie konnte es anders sein – die Bedeutung einer Krypta zusprach, in der einst auch Otto der Große geruht haben soll (dito Editha). Dass der Rest einstmals zu einem wichtigen und bedeutenden Bau gehörte, ist unzweifelhaft. Immerhin fand sich auf dem Boden der Anlage ein wenige Quadratmeter großer Mosaikfußboden aus Marmor und anderen antiken Materialien, die sicher zu den Spolien gehörten, die Otto in der Mitte des 10. Jahrhunderts aus Italien nach Magdeburg schaffen ließ. 

Nach dem zweiten Weltkrieg geriet auch der dem Dom benachbarte, gleichnamige Platz ins archäologische Visier. In den 60er Jahren ergrub Ernst Nickel wenige Meter neben dem Dom die Fundamente eines mittelalterlichen Großbaus, die er als Reste der Pfalz Ottos des Großen identifizierte. Zu tief war damals die Überzeugung, Ottos Kaiserdom müsse unter dem gotischen Neubau liegen. Erst vier Jahrzehnte später konnte der Archäologe Rainer Kuhn gemeinsam mit seinem Team aufklären, dass sich an dieser Stelle einst die Nordkirche einer nach damaligen Verhältnissen riesigen Doppelkirche befunden haben muss.

In den Jahren zwischen 2006 und 2010 konnte Kuhn auch im Dom zum Spaten greifen, ältere wissenschaftliche Ergebnisse ergänzen oder neu definieren – und am Ende sogar das längst verloren geglaubte Grab der Königin Editha wiederfinden. Da-rüber hinaus entdeckte man bei den umfangreichen Ausgrabungen mehrere Tausende Einzelobjekte, viele zweifellos ohne spektakulären Anspruch, da-runter aber das noch aus dem romanischen Dom stammende Grab des Magdeburger Erzbischofs Wichmann von Seeburg. Nicht wenige der Funde fanden später Eingang in das neue Dommuseum.

Text: Michael Ronshausen, Seite 9, Kompakt Zeitung Nr. 218

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