Dienstag, November 29, 2022

Meter 37: Kreuzgang und Domgarten

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Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

Bereits im Mittelalter bevorzugten die Bauleute regelmäßige Formen und versuchten, ihre Architektur auf ein berechnetes Gleichmaß zu bringen. Der rechte Winkel war nichts Unbekanntes mehr, und keine 400 Meter vom Dom entfernt findet sich beispielsweise ein rechtwinkliger Kreuzgang neben der Marienkirche des Klosters unserer lieben Frauen, der exakt nach diesem Prinzip ausgestaltet ist. Im Dom sieht das etwas anders aus. Der Kreuzgang mit seinem Innenhof – landläufig vereinfacht als Domgarten bezeichnet – zeigt die Form eines Trapezes. Sowohl der domseitige Nordflügel und sein südliches Gegenüber stehen nicht parallel zueinander. Der Grund hierfür liegt eben in jenem südlichen romanischen Flügel, der noch aus dem alten Dom stammt, sowie im ab 1209 errichteten neuen Dom, der auf einer um einige Grad verschobenen Ost-West-Achse ausgerichtet wurde.

Ohne jeden Zweifel muss man heute davon ausgehen, dass die Lösung langfristig so nicht beabsichtigt war. Vermutlich mussten die an den Südflügel des Kreuzgangs anschließenden Gebäude mangels anderer Baulichkeiten weiter genutzt und sollten erst zu einem späteren Zeitpunkt ersetzt werden. Dazu kam es aber – vermutlich aus finanziellen Gründen – nicht mehr, womit es in diesem Bereich bis heute zu einem auch optisch interessanten Nebeneinander der beiden mittelalterlichen Baustile kommt. Und eben zu jener geometrischen Unregelmäßigkeit. Der Kreuzgang selbst – sein Allgemeinname bezieht sich nicht auf eine Kreuzform, sondern auf das bei Prozessionen vorangetragene Kreuz Christi – diente ursprünglich der abgeschiedenen und kontemplativen Lebensweise der Mönche und der höheren Geistlichkeit. So, wie es im Magdeburger Dom der Fall war. Im praktischen Sinne ermöglichte er darüber hinaus ein System der kurzen Wege zwischen der eigentlichen Kirche und den zahlreichen Nebengebäuden wie etwa dem Refektorium, dem Dormitorium, der Domschule oder den Verwaltungsbauten.

Erst lange nach der Reformation wurde der Innenhof des Kreuzgangs auch als Friedhof genutzt. Noch im 19. Jahrhundert fanden hier Beerdigungen statt. Zumindest zeitweilig ist der Domgarten heute und inmitten des Großstadtgetümmels durchaus auch ein abgeschiedener Ort der Ruhe und der Besinnung. Jedenfalls immer dann, wenn zwischen seinen vier unterschiedlich langen Seiten nicht etwas anderes stattfindet. Seit vielen Jahren werden im Domgarten – wenn auch unregelmäßig – Konzerte veranstaltet. Hier gab es schon Open-Air-Gottesdienste, und kein Domführer kann den Bereich auf der Tour mit seinen Gästen ausklammern. Zu gewissen Anlässen finden nicht ganz so hochanspruchsvolle Veranstaltungen statt, die Domgemeinde feiert hier ihre Sommerfeste und Ende September erinnert die Gemeinde in Form einer weiteren Festivität an ihren Kirchenheiligen Mauritius.

Text: Michael Ronshausen, Seite 20, Kompakt Zeitung Nr. 219

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