Dienstag, November 29, 2022

Meter 38: Zwei plus zwei sind eigentlich vier – Die Osttürme

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Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

Obwohl man sie als Laie kaum erkennen kann, verfügt der Magdeburger Dom über mehr als nur die zwei großen und weithin sichtbaren Westtürme. Im Osten der Kathedrale lehnen sich wortwörtlich zwei weitere Turmbauten an die Kirche an. Wortwörtlich, weil die Westseiten beider Osttürme nahtlos an das Querhaus anschließen. Und da den Türmen mindestens die Hälfte ihrer einstmals geplanten, aber nie errichteten Höhe fehlt, wirken sie in der Idealansicht mehr wie Beiwerke des Kirchenschiffes. Vermutlich war auch in Magdeburg einst geplant, die anfangs quadratischen Türme in achteckige Aufbauten ausklingen zu lassen.

Doch so war das nicht beabsichtigt. In der ersten Planungsphase für die neue Kathedrale (wohl ab 1208), und unter Berücksichtigung der Idee des damaligen Erzbischofs Albrecht, den Neubau gemäß des hierzulande noch unbekannten französisch-gotischen Kathedralschemas zu errichten, wurde in Anbetracht der bekannten romanischen Bauart anfangs auch beim Neubau auf die klassische Form der vier Türme zurückgegriffen. Zahlreiche Kirchen aus dieser Zeit sprechen optisch bis heute diese Sprache – in Köln ebenso wie an den rheinischen Kaiserdomen und selbst neben der Halberstädter Liebfrauenkirche finden sich vier Türme.

In Magdeburg sollte sich diese Form nicht wiederfinden. Noch im 13. Jahrhundert wurde der „Bau in die Höhe“ gegen den „Bau in die Breite“ getauscht. Die bereits rund 35 Meter hohen Osttürme wurden aber nicht etwa abgerissen. Vielmehr versuchte man, beide Türme in das Gesamtkonzept zu integrieren – oder anders ausgedrückt: sie ein wenig zu verstecken. Dies gelang den beteiligten Baumeistern am Ende auch. Außerdem war der mögliche Abriss der Türme eine Kostenfrage, die man zweifellos nicht beantworten wollte.

Die Osttürme enden heute in der Höhe des Dachanlaufs, wurden Anfang der 2020er Jahre saniert und sehen fast aus wie neu und zustandsbezogen sogar wesentlich besser als ihre beiden großen Schwestern im Westen. Und sie haben einen erheblichen Nutzen, der auch dem allgemeinen Betrieb im Dom zugutekommt. Seit mehr als hundert Jahren befindet sich im domplatzseitigen Ostturm die Elektroverteilung, darüber ein Lagerraum für die stets nachgefragte Domliteratur und das Gebläse für die Schukeorgel von 1969/70. Im südlichen Ostturm findet sich eine Art kleine Sakristei. Alle anderen Räumlichkeiten sind heute verwaist, auch über die Nutzung der Osttürme in historischer Zeit ist nichts mehr bekannt.

Text: Michael Ronshausen, Seite 10, Kompakt Zeitung Nr. 220

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