Dienstag, September 21, 2021
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Meter elf: Vom Teufel und seinem Eisengitter – Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

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Von Anita Schmidt und Michael Ronshausen

Durch die Taufe tritt der Täufling bekanntlich in die Gemeinschaft der Kirche ein, so kann der Herr sein Reich vergrößern. Es gibt jedoch eine Gestalt, die dies verhindern möchte – und sie hat auch im Magdeburger Dom ihr Unheil getrieben. Dreht man sich vom Taufstein im großen Kirchenschiff zum einstigen Haupteingang und blickt in Richtung der Ernstkapelle, so steht man vor einem im Jahre 1498 gefertigten Eisengitter. Das Traggerüst des Gitters besteht aus hohlen Stäben, die so kunstvoll aneinandergefügt sind, dass man mithilfe einer Pumpe im gesamten Innenraum des Gitters Öl ausschenken kann, um es vor Rost zu schützen. Das Gitter grenzt die Kapelle, in der sich das Grab des Erzbischofs Ernst von Sachsen (1464-1513) befindet, zum Langhaus hin ab. Ernst selbst hatte dieses Gitter in Auftrag gegeben, wobei auch der Teufel seine Hände im Spiel gehabt haben soll.

Die Sage: Ein Schlosser, der mit dem Bau des Gitters beauftragt wurde, hielt den Druck nicht mehr aus und wollte davonlaufen. Am Ausgang des Doms wurde er von einem Mann – Hände und Gesicht rußig, demnach vermutlich ebenfalls Schlosser oder Schmied – angesprochen: „Wohin so eilig, Meister Kamerad?“ Der Schlosser klagte dem Fremden sein Leid, woraufhin der Unbekannte zum halbfertigen Gitter ging und fragte, wann dieses fertig sein solle. Der Schlosser antwortete: „Binnen sieben Tagen muss ich es übergeben, nun sehe ich aber, dass es unmöglich ist und ich etwas versprochen habe, was ich nicht einhalten kann.“ Der Fremde sicherte zu, die Arbeit in sieben Stunden fertigzustellen und bat dafür um zwei Versprechen. Erstens wollte er allein arbeiten und der Meister sollte in eine Herberge gehen. Und zweitens sollte der Schlosser die letzten sieben Schrauben selbst einsetzen. Der Meister war sich nicht sicher, aber als der Fremde ihm noch ein Goldstück gab, damit er die sieben Stunden gut verbringen konnte, ging er von dannen. In der Herberge bestellte sich der Schlosser Wein und ein Mittagessen und kehrte nach sieben Stunden in den Dom zurück.

Als er dort ankam, sah er das prunkvolle Eisengitter – vollkommen fertig gebaut und an einer Wand abgestellt. Der Meister sagte: „Ihr müsst ein Zauberer oder der Teufel persönlich sein. Noch nie habe ich so etwas gesehen, ich fürchte mich vor Euch.“ Der Fremde entgegnete: „Fürchte dich nicht, ich bin der, für den Du mich hältst. Jetzt gehe ich und komme in sieben Stunden wieder, du musst nur die letzten sieben Schrauben einsetzen.“ Schon nach einer Stunde war der Schlosser fertig und gab sofort dem Bauherrn Bescheid. Bald darauf kamen die Domherren und der Erzbischof selbst, um das fertige Werk zu bewundern.

Alle Zuschauer lobten das Werk, bis auf einen Fremden mit rußigen Händen und schwarzem Gesicht. Dieser sprach: „Schade um die getane Arbeit. Wenn man an dem Gitter nur kräftig rüttelt, so fällt es in sich zusammen. Seht, die wichtigste Schraube fehlt, die das Ganze zusammenhält!“ Der Erzbischof lachte und erwiderte: „Ach, da spricht nur der Neid aus Euch!“ Der Mann aber griff zwischen die Stäbe und zeigte allen Anwesenden eine Öffnung, wo eindeutig eine Schraube vergessen wurde. Der Erzbischof schaute ungläubig den Schlosser und dann den fremden Mann an. „Lass‘ es machen und das Gitter wird halten“, sagte der Unbekannte. Dann rüttelte dieser am Gitter und es fiel zusammen. Die Domherren, der Erzbischof und die Gäste waren sprachlos. Der Fremde aber gab sich zu erkennen und sagte zum Erzbischof: „Das Gitter ist schnell wieder erbaut, achtet auf die Schraube. Aber dieser Meister hier wird es nicht wieder aufbauen, er gehört mir!“ Als er die Worte zu Ende gesprochen hatte, lief der Teufel auf den bleichen Schlossermeister zu, packte ihn am Genick und verschwand mit ihm durch eine Luke im Gewölbe.

Noch heute kann der Dombesucher die „Teufelsluke“ sehen. Im Jahr 2002 war oberhalb dieser Luke, im Dachstuhl, ein Foucaultsches Pendel befestigt. Das Pendel wurde anlässlich des 400. Geburtstags Otto von Guerickes im Kirchenschiff des Magdeburger Doms installiert. Es hatte eine Länge von 35 Metern, der Pendelkörper wog 30 Kilogramm und bestand aus einer Messinghohlkugel, die einen Eisenkern und Bleischrotfüllung hatte. Mit der Bewegung des Pendels konnte die Erddrehung nachgewiesen werden. Unterhalb des Pendels wurde ein Elektromagnet installiert. Er war von 81 Stiften umgeben – alle elf Minuten wurde ein Stift durch die Pendelspitze umgeworfen.

Heute hängt das Foucaultsche Pendel im Jahrtausendturm des Magdeburger Elbauenparks. Die Teufelsluke hingegen dient zur Befestigung von Seilen und zum Materialtransport. Der Teufel wurde nie wieder gesehen – und das Gitter erstrahlt seit einer umfangreichen Restaurierung wieder im alten Glanz.

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