Meter fünf: Wem die Stunde schlägt

Sie rufen die Gläubigen zum Gebet. Sie begrüßen die Lebenden und verabschieden die Toten. Früher warnten sie die Menschen vor Feuer und Feind. Und als Produkt eines uralten und komplizierten Herstellungsverfahrens gehören sie heute zu den ältesten Zeugnissen der handwerklichen Kunst: die Glocken. Auch im Magdeburger Dom hängen mehrere dieser bronzenen Riesen, aus verschiedenen Jahrhunderten und zum Teil in beachtlichen Größen.
Die drei bekanntesten – und lautesten – Domglocken sind die Dominica, 1575 von Eckart Kucher in Erfurt gegossen und mit einer Schwere von etwas mehr als 2,3 Tonnen fast noch ein Leichtgewicht. Ihr folgt die Apostolica, die der Gießer Jacob Wenzel 1690 in Magdeburg herstellte, und der nur wenige Kilo zum Gewicht von fünf Tonnen fehlen. Die derzeitige Königin der Magdeburger Domglocken ist hingegen die Hosianna, volkstümlich auch als Dicke Susanne bezeichnet. Sie wurde auf dem Wasserweg nach Magdeburg gebracht und in einer komplizierteren Aktion im vierten Stock des Domplatz- und damit stadtseitigen Nordturms aufgehängt. Von dort ruft sie seither mit ihren fast unvorstellbaren 8,8 Tonnen die Gläubigen zum Gebet. Ihren Namen „Dicke Susanne“ verdankt sie allerdings weniger ihrem Gewicht, sondern ihrem Schlagring, praktisch ihrer weit ausladenden Hüfte.

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Mit zweieinhalb Metern Durchmesser wirkt auch der Bereich der Glocke, an dem der Klöppel im Läutevorgang auf den Glockenmantel trifft, gigantisch. Bis in die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden alle Domglocken von Hand geläutet, erst dann hielt auch die Elektrizität im Nordturm Einzug und vereinfachte das Verfahren. Heute sind die Läuteseile längst verschwunden. Es ist aber immer noch möglich, die „Dicke Susanne” tatsächlich von Hand zu läuten. Dabei geht es nicht darum, den Klöppel gegen den Glockenkörper zu schwenken, sondern die Susanne so anzuschieben, dass sie nach vielen Minuten auf den senkrecht hängenden Klöppel trifft und zuerst einen wunderbaren, leisen und zarten Ton abgibt.

In einigen Jahren bekommen Hosianna & Co. Konkurrenz, gewissermaßen dicke Konkurrenz. Ein Verein bemüht sich seit einiger Zeit um eine sinnvolle Ergänzung des Domgeläuts. Die Rede ist von insgesamt bis zu 15 Glocken, die teilweise auch im hegelstraßenseitigen Südturm aufgehängt werden sollen und unter denen sich dann auch eine neue Rekordhalterin mit einem Gewicht von rund 15 Tonnen befinden wird. Neben den praktischen Erwägungen wäre diese Aktion auch eine Hommage an alle Glocken, die den Dom über die Jahrhunderte hinweg zum Klingen gebracht haben. | Von Michael Ronshausen und Anita Schmidt