Sonntag, August 1, 2021
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Meter zwei: Höher, noch höher – Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

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Von Michael Ronshausen und Anita Schmidt

Hinter Otto befinden sich die beiden großen Westportaltüren aus dem 19. Jahrhundert. Doch bevor wir den Dom betreten, richten wir unseren Blick erst einmal nach oben und sehen ein mittelalterliches Bauwunder, welches es in vielerlei Belangen in sich hat. Kirchtürme sind heute Bestandteil jedes Stadtbildes – und manchmal sind sie dessen prägendes Element. Wer kann sich Städte wie Köln oder Ulm ohne ihre beinah himmelhohen Giganten vorstellen? Doch in beiden Städten und an vielerlei anderen Orten war man im Mittelalter nicht in der Lage, das einmal begonnene Werk zu vollenden. Die Turmfronten wurden erst im 19. Jahrhundert errichtet. Unzählige gotische Kathedralen wie beispielsweise das Münster in Straßburg stehen sogar bis heute halbfertig in der Landschaft – und selbst Notre Dame de Paris, die dank Victor Hugo berühmteste Kathedrale der Welt, wurde nie zu Ende gebaut.

Auch in Magdeburg hat es mehr als 100 Jahre lang so ausgesehen, als wäre der Wille zur Vollendung der Kathedrale erloschen. 1363 wurde der Dom geweiht und die Bauleute legten Hammer und Meißel beiseite. Zwar ragten auch die beiden Türme des Westriegels bereits einige Dutzend Meter in die Höhe, von einer Fertigstellung war man aber noch weit entfernt. Erst 1477 wurden unter Erzbischof Ernst von Sachsen die Bauarbeiten an der riesigen Turmfront noch einmal aufgenommen. 1520 – sozusagen pünktlich zum Ende des Mittelalters – konnte der Dombau dann tatsächlich vollendet werden.

500 Jahre später ragen die beiden Westtürme wie eine mittelalterliche Zeitinsel aus dem Magdeburger Häusermeer. Und nur einmal, in der Zeit der frühen DDR, gab es den Plan, die 99,25 und 100,98 Meter messenden Domtürme durch einen sozialistischen Höhenbau in den Schatten zu stellen. Der Plan blieb Plan, doch tatsächlich wurde der Dom in seiner „jüngeren“ Geschichte zweimal übertroffen. Ein heute verloren gegangener Schornstein lief ihm ab 1922 mit sieben zusätzlichen Metern den Rang ab. Und seit 2007 würde der Magdeburger DVBT-Sendeturm den Dom in den Schatten stellen – wenn er einen werfen würde. Doch der 160-Meter-Bau besteht nur aus Stahlfachwerk.

Von Anfang an hat man in Magdeburg auf eine gute Begehbarkeit der riesigen Türme geachtet. Nach Jahrzehnten der Unterbrechung kann der domplatzseitige Nordturm im Rahmen von Führungen seit 2005 wieder über 427 Stufen erklommen werden. Von der sogenannten Helmgalerie in rund 84 Meter Höhe bietet sich schließlich ein fantastischer Ausblick auf die Stadt, das Umland, und bei gutem Wetter sogar eine Fernsicht bis zum Brocken. Und dessen Plateau liegt immerhin 79 Kilometer entfernt.

Ein anderes sehenswertes Objekt liegt hingegen gleich nebenan. Es ist der (fast) baugleiche Südturm, dessen eingehende Betrachtung sich wegen des überbordenden Formenreichtums der spätgotischen Architektur und des Bauschmucks unbedingt lohnt. Nur mit Blick von seiner nördlichen Schwester aus können das laternenartige Oktogon und der zeltförmige Turmhelm wirklich so verstanden werden, wie es sich die mittelalterlichen Bauherren und Bauleute vorgestellt haben. Als eine himmelstürmende Lobpreisung Gottes, aber auch als unmissverständliches Symbol für den eigenen schöpferischen Willen. Und nicht zuletzt als Baukunst auf höchstem Niveau.

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