Minderheiten, zum Beispiel ich Mehrheits- und Mindermeinungen

Ich wurde als Minderheit geboren, und diese Minderheit ist mir sehr wichtig. Selbstverständlich noch vor mir rangieren meine Angehörigen, aber dann komme ich. Zwar bin ich eine Ein-Personen-Minderheit wie jedermann und jedefrau und genauso bedroht wie andere Ein-Personen-Minderheiten, aber leider mehr als diese. Wegen des fortgeschrittenen Alters. Demnächst, so die allgemeine Erfahrung, werden mir durch Tod alle Rechte entzogen, die mir bis dato zustanden. Fürderhin nicht mehr existierend, geht es mir dann wie den unzähligen potenziellen Existenzen, die nicht den Vorzug hatten, gezeugt und geboren worden zu sein. Ein einziges Menschenpaar könnte allein durch die Chromosomen-Lotterie bei der Keimzellreifung 1023 = 8,38 Millionen genetisch verschiedene Kinder zeugen. Unendlich mehr noch, wenn man den Chromosomenbruchstück-Austausch hinzurechnet. Meist aber heimst nur ein einziges Kind das Existenzrecht ein, oder gerade mal zwei tun es, oft aber kommt es zu gar keinem Kind. Von Paar zu Paar sind demnach Millionen über Millionen von potenziellen, aber nicht existierenden Individuen zu beklagen, die sich mangels Stimme als Nichtexistenzen weder auf den Status einer schützenswerten Minderheit berufen können, noch dass sie im Grundgesetz überhaupt Beachtung fänden!

Apropos Grundgesetz, sogar um dessen Existenz muss man sich Gedanken machen. Was tun, wenn die Obrigkeit, eine Minderheit also, das Volk, die absolute Mehrheit, durch diverse Änderungen und Einschränkungen bevormundet? Nicht immer sind es Mehrheiten, die Minderheiten bevormunden. Entsprechende Machtmittel vorausgesetzt, können sich die Verhältnisse durchaus umkehren. Wie sonst hätte eine Handvoll europäischer Staaten die halbe Welt zu Kolonien machen können, wie anders sollte ein jeweils einzelner Mensch sich als Diktator über Millionen von Artgenossen erheben und wie einige wenige Parteistrategen ein ganzes Volk zum Ausstieg aus der Kernenergie bewegen?

Von Mäusefurcht bis Koprophilie
Gegenwärtig gibt es auf der Erde fast acht Milliarden Menschen. Jeder Einzelne sollte sich darüber als potenziell schutzwürdige Minderheit seine eigenen Gedanken machen. Andere Minderheiten umfassen einige wenige Menschen – Familien zum Beispiel, Skatrunden oder die Fans des FSV Limbach-Oberfrohna. Manche Minderheiten bestehen aus vielen Menschen, oder gar aus sehr vielen. Zum Beispiel die Minder- und die Hochbegabten oder die sehr Armen und die sehr Reichen. Oder denken wir an Minderheiten, die noch nie in Parteiprogrammen Aufnahme gefunden haben, u.a. Menschen mit überängstlichem Meideverhalten, mit Angststörungen also, wie Arachnophobie (Spinnenfurcht), Murinophobie (Angst vor Mäusen), Agoraphobie (Platzangst), Soziophobie (Angst vor anderen Menschen). Oder an Menschen mit somatoformen Störungen. Sie leiden unter schwerem körperlichen Unbehagen, ohne dass sich dafür jemals eine organische Ursache finden lässt. Als Spinner werden sie abgetan, als Hypochonder.

Geradezu riesig ist die Anzahl von Menschen, die von Depressionen geplagt werden. Die WHO schätzt sie auf weltweit 300 Millionen. 47,5 Millionen seien von Demenz betroffen und 21 Millionen von Schizophrenie. So viele es auch sind oder sein mögen, dennoch handelt es sich um Minderheiten. Sie alle verdienen unser Mitgefühl, unseren Schutz. Und seitens der Politiker weit mehr Aufmerksamkeit. Was aber ist mit Sadisten, die sich am Quälen von Menschen berauschen, was mit Pädophilen, die getrieben sind, sich sexuell an Kindern zu vergreifen? Sie haben sich ihre Absonderlichkeit nicht ausgesucht! Auch nicht der Nekrophile, der es mit Leichen tut, und der Zoophile, der sich lustvoll an Tiere wendet, oder der Koprophile, der sexuell durch Exkremente angestachelt wird. Vor Jahren noch bezeugten die Grünen Verständnis für die Pädophilen, heute aber, igitt, tut das, weil politisch nicht opportun, keiner mehr.

Größten Verständnisses hingegen erfreuen sich heutzutage Menschen mit geschlechtlichen Identitäten, wenn sie vom Üblichem abweichen. Manchen Verlautbarungen gemäß sei mit tausenden nicht-biologisch definierbaren Geschlechtsidentitäten (Gender) zu rechnen. Die F.A.Z. listet davon nur einige wenige auf („Von androgyn bis Zwitter“, F.A.Z. 04.09.2014). Diejenigen, die sich auf den Standesämtern als „divers“ eintragen lassen, sich also weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen wollen oder können, werden einer behördlichen Hochrechnung zufolge (Mai 2019) allerdings nur auf etwa 150 Personen geschätzt. Für ein Land wie Deutschland sind das nicht viele, eine Minderheit eben, dennoch baut man für sie spezielle Klos.

Ein-Mann-Ideen
Wohl immer haben Majoritäten als Minoritäten begonnen. Meist als eine Ein-Mann-Idee in einem einzelnen Kopf. Ist die Idee zündend und sind die sozialen Umstände förderlich, vermag sie sich über viele Köpfe hin auszubreiten und dann auch Organisationsstrukturen aufzubauen. So geschehen im siebten Jahrhundert durch Mohammed und dem von ihm gestifteten Islam. Heute huldigt dieser Religion ein Viertel aller Menschen. Als noch brisanter erwiesen sich die Leninsche Idee vom Kommunismus und die von ihm installierten „Bolschewiki“. Zwar bedeutet der Name so viel wie „Mehrheitler“, doch sind diese Mehrheitler zunächst nur eine Minderheit gewesen. Schnell aber hatten die Bolschewiki mit ihren Ideen tatsächlich eine Mehrheit für sich eingenommen. Mit ihr beherrschten sie den europäischen Teil Russlands und ein paar Jahre später das Riesenreich bis hin zum Stillen Ozean.

Für Politik, Religionen wie für Ideologien gilt, je größer die Zahl ihrer Anhänger, umso stärker die Tendenz zur Aufspaltung. Die Potentaten halten zunächst dagegen, mit ideeller und oft sogar mit materieller Gewalt. Zumeist erfolglos. Wenn Sekten trotz Widerstandes heranwachsen und sich stabilisieren, werden Sektierer oft selbst zu Potentaten und kriegen es dann ihrerseits mit neuen Minderheiten zu tun. Und so gleicht die gesamte Menschheitsgeschichte einem Meer, auf dem aus kleinen Wellen große werden und große bald wieder in kleinere zerfallen. Viele Menschen versuchen, Wellen zu schlagen, meist aber bleibt es bei plätschernden Minderheiten. Andere haben mehr Erfolg, und einige wenige erzeugen wahrhafte Tsunamis.

Wenn ihre argumentative Basis stimmt, ist das gar nicht ungewöhnlich. Der Widerstand der Gegner mag anfangs noch so groß sein, sofern die Belege für die neue Erkenntnis unbestreitbar sind, gehört diese bald zum Weltwissen. Minderheiten, die dann noch immer glauben, widersprechen zu müssen, sterben von selbst aus. Da fallen einem Namen ein wie Galileo Galilei, James Watt, Isaac Newton und Charles Darwin, der von Thomas Alvin Edison, Max Planck, Albert Einstein oder die von Rudolf Diesel und Nicolaus August Otto, den Konstrukteuren der nach ihnen benannten Verbrennungsmotoren.

Ideologie statt Wissenschaft
In den Geisteswissenschaften ist das anders, ebenso in Religionen, in der Politik und in Ideologien. Hier geht es kaum jemals darum, ob etwas wahr ist, sondern dass etwas wahr ist. Argumente wie in den Hard Sciences gibt es nicht, nichts nach Art des Ohmschen oder des Hebelgesetzes und nichts, was man wie ein Gen oder ein ganzes Genom analysieren könnte. Wer mit seinen Ansichten dennoch eine Mehrheit hinter sich bringen will, kann sich daher nicht auf Sachargumente beschränken, weit mehr noch bedarf es griffiger Behauptungen. Wer damit um Macht und Pfründe ringt, wird Diskursen, bei denen die Pros und Cons öffentlich und frei ausgetragen werden, tunlichst aus dem Wege gehen. Ja, sie sind strikt kontraindiziert, wenn sich auf der Basis öffentlichkeitswirksamer Behauptungen bereits eine Macht- und Info-Elite herausgebildet hat. Selbst für Universitäten und Hochschulen gilt das, obzwar gerade sie sich als Anwalt von Wissenschafts- und Redefreiheit verstehen sollten. Von ein paar Ausnahmen abgesehen, machen dort alle mit. Ideologie tritt dann an die Stelle der Wissenschaft, und in einer Art von Obrigkeitsfrommigkeit werden selbst Absurditäten hingenommen. Nicht nur, wenn es um Karriere und Fördermittel geht. Man möchte nicht aus der Masse ausschären und sich möglichen Unannehmlichkeiten aussetzen.

Als, wie es so schön heißt, „gelernter DDR-Bürger“ kenne ich mich auf diesem Feld aus. Wenn auch die mit Tabus behafteten Themen damals meist andere waren, zumindest aber ist das volkspädagogische Prinzip im Deutschland von heute wieder ganz ähnlich. Nicht immer müssen ganze Themenfelder ausgeklammert werden, es genügt, missliebige Meinungen stimmlos zu machen. Oft erwächst gerade aus der Einseitigkeit, mit der ein Thema behandelt wird, die Kraft, um aus anfänglicher Indifferenz Mehrheiten zu generieren. Schlagkräftige Argumente („schlagkräftig“ mittlerweile auch im Wortsinne) tun das ihre, um Minderheiten, die vom Mainstream gepflegte Ansichten nicht verstehen können oder wollen, ins Off zu kicken. Beispiel: Klimawandel durch CO2. Wirkungsmächtig angelehnt an Holocaustleugner werden Andersdenkende zu „Leugnern“ gestempelt, ja zu Nazis, Faschisten und Rassisten, neuerdings gern zu „Verschwörungstheoretikern“.

Leugnen um der Wahrheit willen
Was nottut, ist der freie Austausch von Fakten und Argumenten. Verschlossen sind die Türen für jene, die sich über die Genetik menschlicher Verhaltensweisen und -leistungen austauschen wollen, über die populationsgenetische Vielfalt der Menschen (Rassen), über die Populationsdynamik in Deutschland und über die in der Welt, namentlich in den Entwicklungsländern. Auch fehlt die freie Diskussion über Geschlecht und Geschlechtsempfinden, inwiefern biologisch begründet oder Ergebnis von Einstellung und Kultur. Wenn es um politische Linientreue geht, machen die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu allen Zeiten gern mit. Zuverlässig, wie sie sind, wird von ihnen nicht oder kaum jemals über die Passfähigkeit von Religionen und Kulturen debattiert und ebenso wenig über die Christenverfolgung in der heutigen Welt.

Wie herrlich frei hingegen die Debatten sind, wenn es um quantenphysikalische Aspekte der Materie geht oder um die Genetik bösartiger Erkrankungen. Da stehen die Türen der Universitäten und Fachgesellschaften weit offen, gern auch für die Ansichten von Minderheiten. Undenkbar aber, wollte man, obschon als Minderheit, eine Diskussion zum Linksterrorismus anstoßen oder über Einseitigkeit in Parteien, zu der in Medien und im Bildungswesen. Genauso tabu ist die Frage nach der Schutzbedürftigkeit, der Passfähigkeit und den Kosten der Immigranten. Die Liste an Tabuthemen wird immer länger: die Zukunft des Industriestandorts Deutschlands, der Bildungsstand in der Bevölkerung, die fachliche und die moralische Kompetenz von Politikern, das Neutralitätsgebot von staatlichem Rundfunk, Zustände in Polizei und Bundeswehr. Die Gewinnung von Mehrheiten und die Unterdrückung missliebiger Minderheiten verlangt Aufwand: Agitation, Framing, Erwerb von Sachargumenten, Überwachung der Ideenlandschaften, Alarmbereitschaft bei Okkupationsgelüsten von der anderen Seite, Parieren abweichender Meinungen, erforderlichenfalls deren Diskreditierung und Diffamierung. Der Aufwand lohnt: Ämter winken und Mittel.

Ängste, zielführend oder verheerend
Weit effektiver noch sind Mehrheiten durch Ängste zu gewinnen, gleich ob durch solche mit realem Hintergrund oder mit eigens dafür erfundenem. Eindrucksvoll dominierte über eine lange Zeit hin die Angst vor einem Kernwaffenkrieg. Die ganze Welt stand unter diesem Bann. Obwohl sich die Gefahr kaum verringert hat, vielleicht sogar größer geworden ist, zieht sie als Mobilisierungsmittel nicht mehr. Weil abgenutzt. Viele weitere, politisch gepflegte Ängste gab und gibt es, oft in der Art von Weltuntergangsszenarien: Gentechnik, Waldsterben, Ozonloch, Überflutungen, Dürren, Vereisung, Meeresspiegelanstieg, Atomgefahr, Insektizide, Herbizide, Asteroideneinschlag, Landung von Aliens, Rinderwahn, Schweinegrippe, CO2, NOx, Feinstaub, Ressourcenverknappung, Artensterben. Manche Ängste mit Rundum-Erfolg, doch zumeist von nur begrenzter Wirkdauer.

Bei weitem nicht alle Gefahren, gleich ob real oder überzogen oder gänzlich erfunden, werden politisch zur Angsterzeugung genutzt. Nicht zum Beispiel die Gefahr, sich mit Grippeviren anzustecken. In Deutschland fordert die Influenza Jahr für Jahr hunderte, oft tausende Menschenleben, allein für die Periode 2017/2018 werden 28.000 Influenzatote angegeben. Doch war das kaum eine Schlagzeile wert. Ganz anders SARS-CoV-2. Es ist weltweit zum Politikum Nummer eins geworden. Über dessen Gefährdungspotenzial wird unter Fachleuten der ganzen Welt gestritten. Nicht hingegen seitens des politischen Establishments und den von ihnen erkorenen Experten und ebenso kaum in mainstreamnahen Medien. Obwohl die Schäden überzogener Maßnahmen enorm sind. Sie werden sich wirtschaftlich als auch in den Köpfen der Bürger womöglich über Jahre hinziehen. In gesellschaftspolitischer Hinsicht sind sie nicht kalkulierbar.

Gleichviel, ich bleibe dabei, eine Minderheit zu sein, eine Ein-Personen-Minderheit. Eine von jenen, die wann, was und wie denken und sagen (mitunter auch schreiben), was sie für richtig halten. Noch. | von Gerald Wolf

Vielleicht gefällt dir auch