Mit der Geburt beginnt das Sterben

… oder Feste feiern wie sie fallen. Eine Anregung für ein Gespräch | Von Ines Lacroix

Sicher wissen Sie, dass man z. B. in Mexiko am Tag der Toten Día de Muertos traditionell der Verstorbenen gedenkt. Der Tag der Toten (im November) ist keine Trauerveranstaltung, sondern ein farbenprächtiger Umzug. Nach dem Volksglauben kehren die Seelen der Verstorbenen an diesem Tag zu den Familien zurück, um sie zu besuchen. Die Straßen werden mit Blumen geschmückt, Symbole des Todes und der Vergänglichkeit, Skelette und Schädel in den unterschiedlichsten Ausführungen stehen in den Schaufenstern, Konditoreien produzieren Totenschädel aus Zucker, Schokolade, Marzipan u. a., die die Namen der Toten tragen.

Und dann gibt es noch das Brot der Toten, das ist ein süßes Brot, das oft Anissamen enthält und mit Knochen und Schädeln aus Teig verziert ist. Die Knochen können in einem Kreis angeordnet sein, der den Kreislauf des Lebens symbolisiert. Ein ständiges Kommen und Gehen.

Wenn man sich in diesen Tagen solcher Traditionen erinnert, gerät der ohnehin distanzierte europäische Umgang mit dem Tod mit dieser Lebensart erneut in Kollision. Wie empfinden wir den Tod in Zeiten von Corona? Als eine neue Art von Pest, Schicksalsschlag der Natur, kriegerisches Ergebnis unzivilisierten Handelns, Fluch Gottes? Vielleicht sorgen die Wissenschaft und oder der Glaube später mal für eine ausreichende Aufklärung.

Sooft wie dieser Tage das Wort Tod durch die Medien und unseren Geist wandert, kann sich dem wohl niemand entziehen. Anlass genug mit der Angst vor der Endlichkeit umgehen zu lernen, einen unbeschwerteren Umgang mit dem Ende zu lernen. Respektlos in dieser Zeit, wo allerorten gestorben wird? Wann, wenn nicht jetzt!

Ein Gespräch darüber nimmt uns vielleicht etwas von dem Schrecken, der derzeit die Welt in Atem hält. Unseren Kindern und Enkelkindern bleiben die schlimmen Bilder in den Medien nicht verborgen. Man kann natürlich wie ein berühmtes kleines Äffchen alle Öffnungen im Kopf verschließen aber verschwinden wird das Problem nicht so schnell. Also liebe LeserInnen seien sie mutig, reden sie miteinander. Bücher bieten hier einen gute Gesprächsgrundlage für die ganze Familie:

DAS SCHÖNE LEBEN DER TOTEN von Milena Moser – Eine sehr persönliche Geschichte über die mexikanische Totenkultur. Mosers Partner, selbst schwer krank sieht seinem Ende ohne Furcht entgegen. „Ein Jahr in der Hölle, aber auch ein tolles Jahr, zog er zwölf Monate nach der Diagnose Bilanz. Im Schnitt kaum glücklicher oder unglücklicher als vor der Diagnose, nur die Ausschläge nach beiden Seiten sind größer. Insgesamt vielleicht sogar ein bisschen glücklicher, weil ich so lebe, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind.“

OPHELIAS SCHATTENTHEATER von Michael Ende – Schatten, die niemand mehr will, finden im Handtäschchen von Fräulein Ophelia ihren Platz. „Eines Tages, als Fräulein Ophelia mit ihrem Auto in einen Schneesturm geriet und stecken blieb, stand plötzlich vor ihr ein riesengroßer Schatten, der noch viel dunkler war als all die anderen. Bist du auch einer von denen, fragte sie, die niemand will?. Ja, sagte der Schatten langsam, ich glaube so kann man das schon sagen. Willst du auch zu mir, fragte Fräulein Ophelia. Würdest du mich auch annnehmen?, erkundigte sich der große Schatten und kam näher. Ich habe zwar schon mehr als genug, meinte das alte Fräulein, aber irgendwo musst du ja wohl bleiben.“

ENTE, TOD UND TULPE von Wolf Erlenbruch – Eine zauberhafte Bildgeschichte über den Tod, so heiter tröstend wie traurig schön.

Und noch so viele andere Bücher bei Verlagen wie arsedition, Kain und Aber, Beltz&Gelberg, Nord/Süd, Hanser und und und. Beste Empfehlungen erhalten Sie sicher bei einem Spaziergang. Durch des Frühlings holden belebenden Blick gestärkt, treten Sie durchs hohe Tor und Frau Fritsche von der Buchhandlung Wahle auf dem Breiten Weg bringt Ihnen ein buntes Büchergewimmel hervor. Und wenn man schon soviel von Tod und Teufel, Himmel und Hölle gelesen hat, lässt es sich leichter über das Unausweichliche reden. Vielleicht!

In diesen Tagen, wo auch der Frühling sein Auferstehungsfest feiert ( es tirilieren schon die Spatzen durchs Land, ab 17 Grad Celsius verflüchtigt sich Corona) wird es Zeit, sich jeden Tag auf neues Leben zu freuen aber um die Endlichkeit zu wissen. Also feiern Sie, wenn gleich im kleinen Kreis zum Beispiel mit frisch gebackenem Anisbrot, das passt gleichermaßen zu Kakao und Bier. Ein fröhlicher Umzug mit Musik, vielleicht aus Mexiko, durchs eigene Wohnzimmer, warum nicht? Ob im November oder Ostern, man kann die Feste feiern wie sie fallen.

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