Samstag, Oktober 16, 2021
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Mit einem lauten Knall startet das Puppentheater Magdeburg in die neue Spielzeit und schont weder Wolf noch Publikum.

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Von Tina Heinz | Ein irrer Blick, ein spitzer Schrei, ein Adler segelt leblos vom Himmel. Rotierende Persönlichkeiten, zuckende Verrenkungen zu harten Bässen, noch mehr irre Blicke. Anna Wiesemeier, Linda Mattern, Leonhard Schubert und Richard Barborka geben zur Premiere von „Schonzeit“ am 3. September alles. Puppentheater-Intendant Michael Kempchen ist sich beim Auftakt zur Spielzeit 2021/22 jedoch sicher, dass die vier Ensemblemitglieder ihre Leistungsgrenze noch nicht erreicht haben. Ein Lob, das zu Höchstleistungen anstacheln soll, haben die vier doch keine Wünsche übriggelassen – weder in puppenspielerischer, gesanglicher oder mimischer Hinsicht.

Schonzeit, bezogen auf die 100-tägige Gnadenfrist, die der Jäger dem Wolf nach der Geburt seiner Jungen gewährt, könnte plump als eine Fortsetzung von Rotkäppchen bezeichnet werden. Der österreichische Autor Andreas Jungwirth macht daraus jedoch mehr, als nur die Biografien aus dem Grimmschen Märchen fortzuschreiben und die Figuren glücklich bis an ihr Ende leben zu lassen. So dunkel wie der Wald ist das eine oder andere Geheimnis. So zwiegespalten wie die Pfade sind die Persönlichkeiten. Die eine Figur ist auf der Suche nach einer besseren Zukunft, eine andere wiederum nach der Wahrheit, während die dritte zwischen Freiheit und Sicherheit hin- und hergerissen ist.

Das Mädchen – inzwischen nicht mehr so jung, aber noch immer unschuldig – wird als einziger Charakter ohne Puppe dargestellt. Die Figuren von Mutter, Großmutter, Jäger und Wolf muten ein wenig skurril an und changieren je nach Situation zwischen witzig, lächerlich, abschreckend, furchteinflößend oder verrückt. Unterstützt wird dieser Eindruck, abgesehen von der Mimik der vier Darsteller, zusätzlich von der elektronischen Up-tempo-Musik. Und egal, ob das Publikum Sympathie für den einen oder anderen hegt, gemein ist allen eins: Als Zuschauer kann man sich in die Ängste, Sorgen, Zweifel und Hoffnungen aller Charaktere einfühlen.

Die Figuren und die Kulisse für „Schonzeit“ hat der dänische Zeichner Simon Bukhave entworfen. Überhaupt mischen die Dänen, die für düstere Geschichten bekannt sind, kräftig an dieser Inszenierung mit. Neben dem Illustrator stammt auch Nis Søgaard aus Dänemark, der Regie führte und mit Simon Bukhave das Bühnenbild entwarf. Ebenso wie Komponist Filip Nikolic, der zurzeit in Los Angeles lebt und arbeitet. „Wir kennen uns schon lange“, erzählt Simon Bukhave, „Nis, Filip und ich sind in derselben Gegend aufgewachsen … in einer Kleinstadt, mit der Nähe zur Natur.“ Die Arbeit am Projekt „Schonzeit“ habe ihn daher stark an seine Jugend erinnert.

Für den Zeichner, der vor allem für seine Comics in Schwarz-Weiß bekannt ist, war die Kooperation eine Premiere. „Ich wusste nicht viel über die Abläufe und die Arbeit an einem Puppentheaterstück. Deshalb konnte ich mit einer gewissen Freiheit und Leichtigkeit an die Sache herangehen“, schildert Simon Bukhave. Erschwert hingegen wurden die Arbeiten durch die Corona-Maßnahmen. Nicht nur der Zeitplan war durcheinandergeraten. Auch die Kommunikation musste aufgrund der Reise-Restriktionen leiden. „Wir haben viel per Video-Chat erledigt. Nis hatte mir im Vorfeld Bilder und Clips geschickt, damit ich überhaupt eine Vorstellung davon habe, wofür ich Musik komponiere“, erzählt Filip Nikolic.

Das Ergebnis kann sich trotz der Erschwernisse sehen lassen. Und da sich Michael Kempchen, wie er sagt, weigert, das Theater erneut zu schließen, gibt es genug Möglichkeiten, sich der „Schonzeit” zu widmen. Es lohnt sich. Auch mehr als nur einmal.

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