Freitag, September 30, 2022
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Mit Nadelstichen in die Möbelproduktion

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Die Geschichte der Mundlos AG und des VEB Vereinigte Möbelwerke Magdeburg – von Heinz Möller

Die Geschichte des VEB Vereinigte Möbelwerke Magdeburg beginnt mit einer Nähmaschine. Doch was hat diese mit der Herstellung von Möbeln zu tun? Die Antwort besteht einfach darin, dass die Firma Mundlos Nähmaschinen bis ca. 1946/47 exis-
tierte und dann ihre Tätigkeit einstellen musste. In den Gebäuden der Mundlos-Werke entstand in einem längeren Prozess eine Möbelfertigung.

Der Firmengründer Heinrich Mundlos erblickte am 23. Dezember 1836 in Barby das Licht der Welt. Er hatte zwei Söhne, die das Unternehmen fortführten. Mundlos gründete 1863 als innovativer Unternehmer in Magdeburg eine Nähmaschinenfabrik. Zunächst orientierte man sich bei der Produktion von Nähmaschinen am System der Marke Singer, später an dem des US-Amerikaners Elias Howe. Mitte der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts führte er die Dampfmaschine im Unternehmen ein und steigerte damit die Effektivität seiner Werkzeugmaschinen. 1882 kam die erste von Mundlos selbst konstruierte, sehr leichtgängige Nähmaschine unter der Marke Victoria heraus und verhalf dem Unternehmen zum Durchbruch. Da verzeichnete das Unternehmen Mundlos schon eine beachtliche Größe mit 95 Arbeitern und zwei Angestellten.
In der Folgezeit entstand eine Reihe von Neuerungen und Erfindungen, die sich auch in Patentanmeldungen widerspiegelten. Der Firmenstandort und Hauptsitz ab 1884 war in Magdeburg-Neustadt an der Lübecker Straße 8. Jetzt standen hier schon 180 Arbeitnehmer in Lohn und Brot. Um 1890 wurde das Sortiment auf fünf Nähmaschinengrößen erweitert. 1901 kam die erste Ringschiffmaschine auf den Markt, 1910 kam der patentrechtlich geschützte „Schnellläufer“ auf den Markt. In den Jahren bis zum ersten Weltkrieg zeichnete sich Mundlos durch Neuentwicklungen auf dem Nähmaschinensektor aus. Die Mundlos AG wurde 1920 gegründet, eine Satzung und Bilanzberichte zeichnen ein umfassendes und interessantes Bild der Tätigkeit auf. 1925 begann die Fertigung der Schnellnäh-Zickzackmaschine, die sich in den Privathaushalten durchsetzte, 1927 die erste elektrisch angetriebene Gewerbenähmaschine. Als Heinrich Mundlos am 27. April 1928 in Magdeburg starb, waren etwa 1.300 Mitarbeiter in seinen Werken beschäftigt.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Mundlos durch das nationalsozialistische Regime zur Rüstungsproduktion verpflichtet. Er hatte mit seinem Betrieb Zulieferungen auf dem Holz- und Metallsektor zu leisten. Folgerichtig wurde die Mundlos AG nach dem Krieg unter Sequester gestellt. Die Sowjetische Militäradministration verfolgte konsequent den Kurs der Demontage der Betriebe mit Kriegsproduktion. Rudolf Mundlos, jüngster Sohn des Firmengründers, musste die Demontage des Werkes 1945 leiten. Am 25. Mai 1946 war die Demontage beendet. Rudolf Mundlos (1886 – 1969) versuchte noch, die Nähmaschinenproduktion wieder in Gang zu setzen. Doch die Stadtverwaltung Magdeburg entschied aber auf der Grundlage eines Befehls der Sowjetischen Militäradministration – SMAD, dass in den Räumen die Holzverarbeitung und Möbelproduktion weitergeführt werden sollte. Eine volkswirtschaftlich sachliche Entscheidung, fehlte es doch nach dem Krieg an Fenstern, Türen und Möbeln. Mit der Benennung einer Straße in Magdeburg als Heinrich-Mundlos-Ring würdigte man einen Teil der Magdeburger Geschichte und erinnert so an die Zeit der Nähmaschinenproduktion und das Wirken der Familie Mundlos.

Der gesamte Betrieb ging am 1. Oktober 1946 in das Eigentum der Provinz Sachsen über. Das Möbelwerk Magdeburg entstand in den Betriebsräumen der Mundlos AG und wurde erstmalig als „Industriewerke Sachsen-Anhalt Möbelfabrik Magdeburg“ in einem Schreiben der Landesregierung vom 21. Oktober1947 erwähnt. Im März 1948 erhielt das Möbelwerk die Aufforderung zur Ausgabe eines Mittagessens an die Mitarbeiter. Am 14. Mai 1955 wurde ein Freundschaftsvertrag mit der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft „Philipp Müller” in Angern geschlossen. Alle Küchenabfälle der Betriebskantine des Möbelwerkes wurden gesammelt und der LPG zur Verfügung gestellt. Die Möbelfabrik stellte Fachkräfte zum Ausbau der Kultur- und Verwaltungsräume bereit und sorgte für die Möblierung. Im Gegenzug konnten Kinder der LPG-Mitglieder am Kinderferienlager der Möbelfabrik teilnehmen. Die LPG-Mitglieder stifteten zu den Betriebsfeiern Schweine, die geschlachtet und verarbeitet die Fleisch- sowie Wurstverköstigung bei den Firmenpartys absicherte.

Am 3. November1955 beschlossen zwei Tischlermeister aus Magdeburg das Zepter selber in die Hand zu nehmen und gründeten eine Produktionsgenossenschaft Handwerk – PGH. In den folgenden Jahren wuchs die PGH auf 30 Mitglieder und verzeichnete einen Umsatz von 500.000 Mark. Hergestellt wurden Möbel für Ferienheime und Gesundheitseinrichtungen. Im Jahr 1972 verstaatlichte die damalige Staatspartei SED fast alle verbliebenen Privatunternehmen in der DDR. Vermutlich war dies auch das Ende der bis dato florierenden PGH. 1972 wurde sie verstaatlicht und ging in das Möbelwerk ein.

Eine wichtige Etappe in der Entwicklung des Betriebes begann Mitte 1959 mit der Vorbereitung der Angliederung des VEB Holzverarbeitung Magdeburg an den VEB Möbelfabrik Magdeburg. Die Vorbereitungsarbeiten fanden in einer Beratung am 19. Dezember 1959 ihren Abschluss. In dieser Beratung waren die Betriebsleitungen beider Betriebe anwesend. Der VEB Holzverarbeitung fertigte Umkleidespinde und Wohnraummöbel. Ziel der Angliederung war die Intensivierung der Produktion und Errichtung eines Erweiterungsbaus auf dem Gelände der Lübecker Straße 8, dem späteren Fertigungsbereich 411. Damit sollten die Betriebsstätten Morgenstraße und Münchenhofstraße einer anderen Verwendung zugeführt werden. Der damalige Rat des Bezirkes Magdeburg hat dann eine Entscheidung über den Aufbau einer neuen Produktionshalle in der Lübecker Straße beschlossen. Zu Beginn der sechziger Jahre erfolgte die Umstellung des Betriebes wie die der Möbelindustrie der DDR auf Spanplattenanwendung und Einsatz von Möbelfolie zur Oberflächengestaltung. Die bisher verwendete Tischlerplatte wurde abgelöst.

Ein nächster Meilenstein ist das Datum 1. Januar 1967. Hier erfolgte der Zusammenschluss des VEB Möbelwerke Magdeburg mit dem VEB Möbelfabrik Schönebeck. Damit war die Gründung des VEB Vereinigte Möbelwerke Magdeburg vollzogen. In den Folgejahren entwickelte sich der Betrieb zu einem leistungsfähigen Möbelproduzenten der DDR. Die älteren Mitarbeiter des Betriebes haben sich in der Vergangenheit intensiv für ihren Betrieb eingesetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte der Ausbau des Betriebes durch die eigenen Arbeiter im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes, oft sogar auf freiwilliger Basis und ohne Entlohnung. Das Arbeitsklima wurde durch eine Vielzahl kollektivbildender Maßnahmen gestaltet und führte zu einer hohen Verbundenheit der Mitarbeiter mit ihrem Betrieb. Kultur- und Sportveranstaltungen mit dem Betriebskollektiv oder in einzelnen Arbeitskollektiven waren üblich. In den Folgejahren wurden viele neue Erzeugnisse entwickelt und sowohl im Inland als auch im Ausland verkauft.

Am 1. Oktober 1979 erfolgte in der DDR eine Kombinatsgründung in der Möbelindustrie. Es entstanden sieben Möbelkombinate, der VEB Möbelkombinat Dessau war eine der Neugründungen mit mehr als 50 Betrieben in den Bezirken Halle und Magdeburg. Der VEB Vereinigte Möbelwerke wurde ab sofort vom Wirtschaftsrat des Bezirkes dem neuen Kombinat unterstellt. Die Wendejahre ab 1989 führten zu einer völlig neuen Situation für die Menschen im Osten. Der erhoffte Aufschwung entstand nicht. Der Betrieb wurde von der international agierenden Steinhoffgruppe aufgekauft und sofort zerschlagen. Das Anlagevermögen und der Auftragsbestand wurden nach Polen verlagert, die Betriebsgeschichte endet damit.

Eine umfangreiche Chronik der Betriebe Mundlos Nähmaschinen und VEB Vereinigte Möbelwerke Magdeburg ist im Entstehen und soll im Herbst 2021 erscheinen. Für den Teil der Geschichte des Möbelwerks hatte der Autor umfangreiche Hilfe durch Hans Rexin und Victor Ertl, beide ehemalige Mitarbeiter des Betriebes. Das Buch ist durch viele Bilder der handelnden Personen und anderes Bildmaterial lebendig gestaltet. Eine Betriebschronik soll an die vielen Mitarbeiter und ihr Wirken erinnern. Sie soll bewirken, dass die Vergangenheit nicht vergessen wird. In der DDR haben viele Menschen intensiv gearbeitet und können Stolz auf diese Zeit sein, ohne dass dabei der Wunsch nach Restauration entsteht. Geschichte kann präzisiert werden, indem lebende Zeitzeugen oder deren Nachfahren vorhandene Dokumente und Bilder zur Fortschreibung der Chronik bereitstellen. Der Autor Heinz Möller ist für alle Hinweise dankbar.

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