Donnerstag, Juni 30, 2022
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Janine Koska gehört zu den Initiatoren der seit zehn Jahren existierenden Jobmesse „hierbleiben“. Aktuell bereitet sie für den 13. und 14. Mai eine zweitägige Weiterbildungs-Konferenz für Führungskräfte und Personalverantwortliche in Mitteldeutschland vor. Experten aus ganz Deutschland sprechen und lehren zu den Themen Recruiting, Personalentwicklung, Trends und Unternehmenskultur. KOMPAKT ZEITUNG sprach mit ihr über den Wandel am Arbeitsmarkt.

Frau Koska, Sie blicken auf zehn Jahre Erfahrung für die Mitarbeitergewinnung und verfügen über enge Kontakte mit Unternehmen, die Fachleute suchen. Was ist heute anders als vor zehn Jahren?

Janine Koska: Wir befinden uns gegenwärtig in einer Zeit von Vollbeschäftigung. Aber das ist nur der eine Aspekt. Sachsen-Anhalt unterscheidet sich beispielsweise gegenüber von westdeutschen Ländern dadurch, dass wir nicht einen einzigen internationalen Großkonzern im Bundesland haben. Unsere Wirtschaft ist mittelständig geprägt und das spürt man auch an der Lohnlücke zwischen den alten und neuen Bundesländern. An der Landesgrenze zu Niedersachsen gibt es Unternehmen, die im Vergleich zu Sachsen-Anhalt in einigen Bereichen das Doppelte für Fach- und Führungskräfte zahlen und durch zeitgemäße Unternehmenskultur überzeugen. Das stellt hiesige Unternehmen bei der Mitarbeiterbindung und -gewinnung vor Herausforderungen. Unsere Arbeitswelt erlebt nämlich derzeit den größten Umbruch seit der industriellen Revolution: Vollbeschäftigung, demografischer Wandel und die voranschreitende Digitalisierung sind die zentralen Treiber am Arbeitsmarkt.

Was können denn hiesige Firmen tun?

Zunächst begreifen, dass nicht alles am Geld hängt. In der neuen Arbeitswelt haben auch die Kandidaten gestiegene Ansprüche an ihre Arbeitgeber. Firmen, die New Work Lösungen anbieten, schaffen sich automatisch einen Wettbewerbsvorteil.

Was sind das für Wünsche?

Die Liste ist lang, individuell und hängt von der Kandidatenzielgruppe ab: Insbesondere die jüngere Zielgruppe, die nach Sinnerfüllung im Job suchen, honoriert neue Ideen mit Zufriedenheit, Engagement und einer längeren Verweildauer – auch in Sachsen-Anhalt. Aber generell kann ich sagen: alles steht und fällt mit einer authentisch gelebten Unternehmenskultur. Es reicht heute nicht mehr, kostenfreien Kaffee und Äpfel im Betrieb zur Verfügung zu stellen. Berufsanfänger suchen Mitgestaltungsmöglichkeiten und wollen Verantwortung übernehmen. Ein Beispiel: Eine IT-Firma hat ihren Mitarbeitenden das Budget für die Einrichtung ihrer Arbeitsräume überlassen. Sie konnten sich selbst im Team Gedanken machen, Möbel, Accessoires und Wandfarben aussuchen. Man bekommt den Arbeitsplatz nicht vorgesetzt, sondern schafft selbst eine Wohlfühlatmosphäre.

Das hört sich gut an, funktioniert aber sicher nicht bei allen neuen Mitarbeitenden, weil die alten schon Tatsachen geschaffen haben.

Sicher. Aber irgendwann wird wieder umgestaltet und erneuert. Dann werden auch wieder alle einbezogen.

Wo liegen Gründe für die Veränderung von Bedürfnissen von Mitarbeitenden?

Wir sind im Wandel. Unsere Ansprüche und Werte an uns und an den Job sind andere als noch vor 30 Jahren.  Und besonders die Menschlichkeit im Recruiting ist stärker gefragt denn je. Der Mensch entscheidet darüber, für welche Firma man sich entscheidet. Kandidaten möchten das Unternehmen und die Kultur kennenlernen. Und ich glaube, dass die Transformationskompetenz eine Rolle spielt. Meine Generation erlebte Eltern, die aufgrund tiefgreifender Veränderungen durch die Deutsche Einheit, viel mit sich selbst beschäftigt waren. Da lagen Existenzängste in der Luft. Heute sind junge Menschen neugieriger, schauen nach vorn und sehen eher Chancen, als Risiken. Sie trauen sich, neue Aufgaben zu übernehmen, obwohl sie vielleicht noch keine langjährige Expertise haben.

Das könnte auch Selbstüberschätzung sein.

Die Erdung kommt bei der Lösung der Aufgaben. Es ist zunächst wichtiger, dass Menschen Potenziale haben, um sich den Herausforderungen im Joballtag zu stellen. Unternehmen müssen heute aufgeschlossener dafür sein, dass sich Mitarbeitende einbringen können und mit den Aufgaben wachsen.

Sie meinen Firmen wären nicht offen und flexibel genug gegenüber Bewerbern?

Ja, manchmal kann man solche Schlüsse ziehen. Es liegt an den Personalentscheidern, ob sich Herausforderungen in Chancen verwandeln, sich die Personalgewinnung beschleunigt und ob die Stimmen der Mitarbeitenden in die Entscheidungen einfließen. Mitarbeitende, die Produkte und Dienstleistungen realisieren, sind einerseits Kapital und zugleich gute Impulsgeber für Veränderungen, weil sie selbst hautnah den Wandel im Markt und bei Kunden erleben. Ich arbeite mit einer Firma zusammen, da treffen die Teams Personalentscheidungen und nicht der Chef. Denn sie erleben viel dichter Kompetenzen, Kreativität, Arbeitsergebnisse und Einsatzbereitschaft des Kandidaten. Chefs haben da einen viel größere Distanz. So formen sich echte Teams und es wächst gegenseitiges Vertrauen. Am Ende zählt immer der Eindruck über das Innere eines Unternehmens wie Atmosphäre, Werte und gelebte Kultur, ob der Kandidat oder die Kandidatin bleibt.

Solche Impulse wollen sie Führungskräften am 13. und 14. Mai in Quedlinburg vermitteln?

Genau. Der „HR Campus 2020“ wird an zwei Tagen den Teilnehmenden auf vielseitige Weise zeigen u. a. welche Ideen und Best Practices es gibt, um zum Mitarbeitermagnet zu werden. Oder wie man Mitarbeitende langfristig für den Job begeistert. Wir kennen alle das Schlagwort Bildung, dass viele im Munde führen: 40 Trainer und Mentoren aus der Wirtschaft werden sich intensiv mit der Zukunft unseres Mittelstandes auseinandersetzen und wirkungsvoll an unserem Mindset arbeiten. Aktiv mitgestalten – nur so gelingt uns der Wandel und wir bleiben auch Zukunft dem Wettbewerb einen Schritt voraus. Fragen: Thomas Wischnewski

Mehr Informationen zum HR Campus 2020 gibt es unter: www.hrcampus-mitteldeutschland.de

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