Dienstag, Juli 5, 2022
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Mobilität beginnt im Kopf

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Das Wort Verkehrswende wird heute häufig in den Mund genommen, wenn über das Thema Mobilität geredet wird. Der Individualverkehr sollte zurückgedrängt werden, öffentlicher Nahverkehr Vorrang erhalten. Die Möglichkeiten des ÖPNV in Ballungsräumen sind noch nicht ausgeschöpft. Neue Konzepte, die Individual- sowie Schienen- und Busverkehre miteinander verbinden, müssen erarbeitet und geprüft werden. Fahrradnutzung kann mit einem Ausbau von Radwegen in vielen Regionen gefördert werden. Aber dennoch darf das Auto nicht einfach politisch verteufelt werden. Denn ohne die Geschichte des Automobils und der damit einsetzenden Massenmobilität wären viele technische und gesellschaftliche Errungenschaften gar nicht möglich gewesen. Regionen und Orte sind miteinander verbunden worden. Menschen konnten flexibler auf sich ändernde Arbeitsbedingungen reagieren bzw. wurden aufgrund individueller Mobilität plötzlich ganz andere Karrierechancen möglich.

Allerdings hat die Selbstverständlichkeit von Massenmobilität per Auto auch Bequemlichkeiten erzeugt, die kritisch betrachtet werden müssen. Wer die Vorteile des Fahrens über viele Jahre nutzt, kommt häufig gar nicht mehr auf die Idee, dass eine Wegstrecke anders überwunden werden kann als ausschließlich mit einem Pkw. Mitunter werden beispielsweise Mobilitätsangebote des Öffentlichen Nahverkehrs gar nicht erst in Betracht gezogen oder Preis- und Zeit-Vergleiche mit der Deutschen Bahn nicht angestellt. Mobilität beginnt eben im Kopf und wer etwas anders machen will, muss zunächst eine Idee dafür entwickeln können. Werden nie Erfahrungen mit anderen Bewegungsmitteln gemacht, kommen diese oft nicht ins Bewusstsein. Es soll heute tatsächlich Heranwachsende geben, die von ihren Eltern täglich überall hinchauffiert werden und es schwer haben, dieses Bequemlichkeitsverhalten ablegen zu können.

Ein ganz anderer Kostenaspekt wird beim Thema Automobilität selten mitgedacht. Jeder Autofahrer rechnet beim eigenen Gefährt in der Regel mit den Anschaffungskosten, Steuern, Versicherung, Reparaturen, Wartung, Kraftstoffkos-ten. Den tatsächlichen Preis des Autofahrens erfassen sie damit allerdings nicht. Die Beträge, die jeder aus seinem Geldbeutel bezahlt, sind nur ein kleiner Teil der Gesamtkosten. Rund 48,5 Millionen Fahrzeuge in Deutschland erzeugen neben Privatbeträgen einen gewaltigen Berg an gesellschaftlichen Kosten.

Die Mobilitätsforscher Stefan Gössling, Jessica Kees und Todd Litman untersuchten in einer Forschungsarbeit die Kosten für drei gängige deutsche Autotypen: Opel Corsa (Kleinwagen), VW Golf (Mittelklassewagen) und Mercedes GLC (SUV). Ihren Berechnungen legten sie eine Fahrleistung von 15.000 Kilometer pro Jahr zugrunde. Demnach würde ein Opel Corsa während ei-nes Autofahrerlebens 599.082 Euro, ein VW Golf 653.561 Eu-ro und ein Mercedes GLC 956.798 Euro kos-ten. Diese hohen Zahlen entstanden, weil die Ökonomen die Kosten über eine Lebenszeit von 50 Jahren geschätzt haben. Einberechnet sind in den Beträgen Kosten, die von der Gesellschaft getragen werden. Im Durchschnitt verursacht jedes Auto also pro Jahr 5.000 Euro Kosten für die Gesellschaft. Kein Autofahrer berechnet die Instandhaltung der Infrastruktur, die Kosten, die der Gesellschaft für Luftverschmutzung und Landverbrauch entstehen. Aus den Kfz-Steuern kann der Unterhaltungsaufwand für Straßen, Brücken und Parkplätze nicht abgedeckt werden. Zumindest zeigen solche Untersuchungen, dass uns beim Thema Mobilität selten alle Aspekte bewusst werden, sondern häufig nur solche Dinge, mit denen wir unmittelbar konfrontiert werden. (tw)

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