Moral ist kein (k)ein Aal

Ethik, Gewissen und Sitte, Normen, Werte und Recht, Tugenden, Menschlichkeit und Moralismus, Hypermoral und Unmoral, Gaunermoral, moralische Dilemmata, Haltung, Skrupel, Reue … Begriffe sind das, die mit dem Wort Moral zusammenhängen, allesamt aber schwer zu definieren sind. Wenn man sie zu fassen meint, erweisen sie sich als schwammig und werden am Ende zur Ansichtssache.

KOMPAKT ZEITUNG: Was nun, Herr Professor Wolf, ist Moral nach Belieben zu formen, ist sie biegsam, gar klitschig wie ein Aal? Oder kann man auf sie bauen?

Gerald Wolf: Ich glaube, dass Moral als Grundeinstellung etwas recht Stabiles ist, sowohl die des Einzelnen wie auch die der Gesellschaft. Vor allem was das Gefühl für das Gute und das Böse anbelangt. Jeder trägt dafür eine innere Messlatte mit sich herum. Die Frage ist allerdings, woran wir diese Messlatte ausrichten und inwieweit wir uns im Einzelfall daran halten.

Das, was wir gemeinhin als Moral bezeichnen, wird es erlernt, oder ist uns diese „innere Messlatte“ angeboren, also im Erbgut verankert und von daher hirngemacht?

Zunächst die Frage, was überhaupt ist Moral? Die Antwort fällt viel schwerer als man zunächst glauben mag. Um Gewissen geht es da, um sittliche Normen und sittliches Empfinden, und das ist zunächst Sache eines jeden Einzelnen. Damit wirkt er auf seine Familie ein, auf seine Freunde und Kollegen, und diese wiederum nehmen ihrerseits Einfluss auf seine Moralvorstellungen. Die Wechselseitigkeit reicht bis in die höchsten Ebenen, in die der Gesellschaft, für die sich jedoch „höhere Instanzen“ als Moralgeber aufschwingen, die Politiker, Glaubens- und Interessengemeinschaften und, ganz wesentlich, die Medien. Gleich, ob von innen heraus entwickelt oder als Vorgaben von außen verinnerlicht, immer erscheint uns unser moralisches Empfinden als gegeben, als selbstverständlich, ist aber längst nicht einfach mit dem gleichzusetzen, was Gesetze, Verordnungen und Paragrafen vorschreiben.

Wie ist das gemeint?

Wenn ich nachts eine kurvige Landstraße entlangfahre und immer wieder brav abblende, sobald ein Auto entgegenkommt, dann ist der Umgang mit dem Lichtschalter natürlich nicht angeboren. Jedoch befolge ich die Abblend-Regel bestimmt nicht einfach deshalb, weil ich befürchte, andernfalls die Polizei auf den Hals zu kriegen. Nein, wir alle machen das aus einer inneren Haltung heraus. Denn jeder weiß, wie unangenehm, ja gefährlich es ist, von entgegenkommenden Autos geblendet zu werden. Nicht auszudenken, wenn man durch die eigene Unachtsamkeit einen Unfall verursachte, gar den Tod eines Menschen. Wir würden dann von schlimmster Reue gebeutelt.

Kann man das, was hinter einem derart miesen Gefühl steckt, wissenschaftlich erklären?

Es ist eine Art von innerem Wächter. Missachten wir ihn, entstehen strafende Gefühle. Nicht umsonst spricht man von Gewissens-„Bissen“. Solche inneren Strafmechanismen haben für das Leben in der Gemeinschaft eine große Bedeutung. Ganz sicher war das schon zu Urzeiten so. Umgekehrt, wenn wir etwas Gutes tun, ein weinendes Kind trösten, jemandem eine helfende Hand entgegenstrecken, fühlen wir uns auch selbst gut. Strafende wie Belohnungsgefühle bewirken, dass Regeln des Miteinanders, wenn sie tief innerlich als notwendig, gut und richtig erachtet sind, auch eingehalten werden. Wir sind nun mal durch und durch soziale Wesen, und das bereits von Natur aus. Ebenso ist unsere tierische Verwandtschaft ausnahmslos sozial organisiert. Alle Affenarten befolgen entsprechende, nämlich moralanaloge Regeln. Die sozialen Grundtendenzen sitzen uns allen zusammen tief im Mark, das heißt natürlich: im Gehirn. Sie gelten für uns Menschen durchaus nicht etwa nur deshalb, weil wir die Gemeinschaft und deren Regelwerk als zweckmäßig, als vernünftig, erachten.

Woher sollen Ihrer Ansicht nach diese Tendenzen, diese Regeln, stammen? Und die Bereitschaft, sie zu befolgen?

Sie sind über alle Bevölkerungsgruppen dieser Erde hinweg erkennbar, mithin müssen die Grundlagen durch unser Erbgut definiert sein. Gene diktieren die Verschaltung von Nervenzellen im Gehirn und bewirken so ‒ unter anderem ‒ die Programmierung von Verhaltensmustern und -tendenzen. Wir erfahren dies aus dem inneren Erleben heraus, durch Gefühle und die mit ihnen gepaarten Motivationen. Zwar können wir sie benennen, vermögen aber niemanden direkt nachempfinden zu lassen, wie (kursiv!) sie sich für uns „anfühlen“. Freude oder Zorn zum Beispiel, Angst oder Schmerz, Durst oder Sympathie. Und ebenso nicht das für das moralische Empfinden so bedeutsame Schamgefühl, das der Empörung, der Reue oder, umgekehrt, das wohlige Gefühl, das uns nach einer guten Tat durchflutet.

Aber ein Neugeborenes kann sich weder schämen, noch kann es auf etwas stolz sein. Ist das nicht ein Anzeichen dafür, dass solche Gefühle eben doch nicht den Genen entstammen, sondern erlernt werden müssen?
Dies ist ein weitverbreiteter Trugschluss. Zum Beispiel vermag ein Kind erst etwa im achten Monat Angst vor Fremdem zu entwickeln. Obwohl es mit Unbekanntem nie schlechte Erfahrung gemacht hat, kann es das dann plötzlich. Anweisungen aus unserem Erbgut sind es, die auch nach der Geburt noch die Hirnreifung steuern. Und das ganz wesentlich durch die fortschreitende Verschaltung von Nervenzellen. Mit ihr entstehen Programme, die – unter anderem – für die Angstfähigkeit sorgen. Freilich werden die Hirnreifungsprozesse bald mehr, bald weniger mit den Erfahrungen in der Umwelt verquickt.

Wie kann man sich das in Bezug auf Moral vorstellen?

Wenn ein Schüler wegen Faulheit von seiner Lehrerin einen Tadel erhält, muss er eine ganze Menge gelernt haben, um den Grund zu begreifen: Wieso seine Ergebnisse in der Mathearbeit falsch sind und dass er, wäre er fleißiger gewesen, es genauso wie die anderen gepackt hätte. Am schlimmsten für ihn aber ist, dass die anderen, insbesondere die Kathi, die er insgeheim anbetet, ironisch grinsen. Denn das verursacht ein verdammt peinliches Gefühl: Scham. Indes, wie dieses Gefühl „geht“, ist nicht erlernbar. Auch nicht das Erröten durch Weitung der Hautgefäße des Gesichtes, und dass die Körperhaltung – nun schamgebeugt – automatisch nachlässt.
Da fragt man sich, ob wir nicht viel zu wenig auf die moralrelevanten Gefühle vertrauen. Könnten Sie sich eine Gesellschaft vorstellen, die gänzlich ohne Polizei, ohne Paragrafen und Richter auskommt?
Durchaus. Die erforderlichen sozialen Regelmechanismen aber funktionieren nur in Gesellschaften, in denen jeder jeden kennt. Man weiß das von naturnah lebenden Gruppen wie auch von kleinen, abgeschiedenen Siedlungen in Zivilisationen unserer Art. Jemand, der gegen die Moral der Gruppe verstößt, fühlt sich durch die Anderen geächtet, und er wird auch geächtet. Sein Ziel ist dann, nichts wie weg, dorthin, wo ihn keiner kennt. Und in der Anonymität der großen Städte bedarf es eben einer installierten Ordnungsmacht. Je größer die Gesellschaften, umso wichtiger sind sie, all die Instanzen mit ihren Vorschriften und Ordnungshütern und staatlichen Strafmaßnahmen.

Nun gibt es aber doch auch schwere, durch das Recht geahndete Entgleisungen, z. B. solche, für die man als Insasse in einem Gefängnis zu büßen hat. Schlimmer noch: Soldaten können zu Bestien werden, ja, eine ganze Bevölkerung kann moralisch degenerieren. Denken wir an die Nazizeit, an den Stalinismus, das Pol-Pot-Regime, an Nordkorea, den IS.
Abscheu bemächtigt sich unser, aber leider nicht aller, nicht immer oder zumindest nicht im ausreichenden Maße. Die Macher und Mitmacher bedienen sich verheerender Ideologien, und gaukeln zu ihrer moralischen Rechtfertigung vor, die Anderen, die da auf der anderen Seite, seien wegen ihrer Rasse, wegen ihrer Religion oder ihrer wie auch immer gearteten Auffassungen minderwertig. Nicht Nachsicht verdienten sie, nein, oberstes sittliches Gebot sei deren Unterwerfung oder deren Vernichtung gar! Und, das lehrt nun mal die Geschichte, ein Großteil des Volkes verinnerlicht solche „Lehren“ und pflegt sie als höhere Moral.
Im Kleinen funktioniert so etwas als Gaunermoral. Innerhalb der kriminellen Gruppe mögen hehre Moralvorschriften gelten, aber eben nicht im Sinne der großen menschlichen Gesellschaft und schon gar nicht in dem der Menschlichkeit. Hier wie da wird die Moral tatsächlich zum Aal.

Es gibt quasi-moralische Zwänge, denen man sich, ohne eigentlich zu wollen, schwerlich entziehen kann. Wie ist das nach Ihrer Ansicht einzuordnen?

Das Anpassungsbedürfnis zeigt sich auf allen Ebenen, dem Partner, der Familie und den Kollegen gegenüber, in der Politik, ja sogar – es sollte sich eigentlich von selbst verbieten – in der Wissenschaft. Der Einrichtung also, die der Wahrheit verpflichtet ist und nur der Wahrheit. Niemals dem Konsens und schon gar nicht der Politik oder dem Geld. Obschon es in der Gegenwart an Beispielen nur so wimmelt. Zu denken sei an den „Klimaschutz“ und an die Energiepolitik oder an irgendwelche Mittel und Mittelchen zum Gesundheitsschutz und deren illusorische Heilsversprechen. Und die Wissenschaft? Sie hält sich für gewöhnlich zurück.

Oder man streitet sich, wie gerade jetzt zur Zeit der Corona-Pandemie.
Das ist das gute Recht der Wissenschaftler, ja, eine Gewissens-Pflicht. Wissenschaft kann ohne Meinungsstreit nicht gedeihen. Sobald sich die Wissenschaft Wünschen, Haltungen, Ansichten von außerhalb unterordnet, verletzt sie nicht nur ihr Ethos, sondern ist über kurz oder lang am Verlieren. Und mit ihr die Gesellschaft, die die Wissenschaft fördert, die ihrerseits der Gesellschaft im Ringen um die Wahrheit und bei der Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu dienen hat. Bei der Beurteilung der Corona-Situation sind gegenwärtig bald mehr, bald weniger scharf zwei Lager von Wissenschaftlern zu erkennen, das der Politikfernen und – das der Anderen, von der FAZ kürzlich als „Hofvirologen“ verspottet.

Nun gibt es Sachlagen, bei denen die üblichen moralischen Prinzipien in Frage stehen. Ich denke an Kampfeinsätze, an Notwehrsituationen, an Katastrophen.
Sie meinen moralische Dilemmata. Erfahrungen dieser Art gehören zum Schlimmsten überhaupt. Allein die Vorstellung, man gerate auf der Autobahn in eine Massenkarambolage ‒ Tote, Schwerverletzte, überall Menschen, die um Hilfe schreien. Sie möchten helfen, wissen aber nicht wie. Oder Sie sind in Erster Hilfe durchaus geschult, können aber nicht allen helfen. Menschen sterben, weil Sie sich nicht um sie, sondern um andere kümmern.

Ein anderes Beispiel: Sie müssen zusehen, wie ihr Kind oder ihr Partner leidet und schließlich stirbt, weil kein Spenderorgan zur Verfügung steht. Und Sie selbst? Vielleicht gehörten Sie bislang zu jenen, die aus einem vermeintlich moralischen Grundsatz heraus eine Organspende verweigern?
Fazit: Moral ist ein Anker, an dem wir festmachen können. Sie vermag sich aber auch wie ein Aal zu schlängeln, und oft gerade dann, wenn weit eher Verlässlichkeit anstünde. Indes, was wären wir, was wäre die Menschheit, ohne sie, ohne die Moral?!
Fragen: Thomas Wischnewski

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