Morddrohungen gegen die Wissenschaft

Obwohl unser Leben durch die Wissenschaft wie nie zuvor bereichert und erklärt wird, besteht in Teilen der Gesellschaft Orientierungsnot. Letztere macht die Corona-Pandemie sichtbar. Eine Ursache dafür ist die halbherzige Vermittlung eines naturwissenschaftlichen Weltbildes und die Kommunikation darüber. | Prof. Dr. Peter Schönfeld

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Es wird uns mehr und mehr bewusst, dass wir auf eine ungewisse Zukunft zu leben. Anzeichen gibt es dafür in Fülle. Der fortschreitende Klimawandel, die weltweiten Migrationsströme oder die zunehmende Dominanz Chinas in der Weltwirtschaft machen uns Sorgen um das Überleben der Wirtschaft, Kultur und sozialen Sicherungssysteme. Aber auch das Gehör, das Populisten, Verquerdenkern und Verschwörungstheoretikern geschenkt wird, zeugt von einer in der Gesellschaft um sich greifenden Orientierungsnot. Aktuell ist es ein Virus, das das öffentliche Leben und unsere eigene Agenda fest im Griff hat. Das alles zusammengenommen sollte eigentlich zu einem Bedürfnis nach Orientierung anhand von harten Fakten und nachvollziehbaren Prognosen führen. Stattdessen erhalten die Kommunikatoren der Wissenschaft Morddrohungen.

Anerkennung wie zu Robert Kochs Zeiten, das war einmal

Nach der Gründung des 2. Deutschen Reiches vor 150 Jahren erlebten Medizin, Technik und Naturwissenschaften einen beispiellosen Aufschwung, der heute in Vergessenheit gerät. Ein Landarzt und Amateurforscher (Robert Koch) klärte den Lebenszyklus des Milzbranderregers auf und entdeckte später, in Berlin, die Ursache der Tuberkulose, an der in seiner Zeit jeder Siebte starb. Salvarsan wurde als Medikament gegen die weit verbreitete Syphilis (Paul Ehrlich) entwickelt und die Immunologie erhielt mit Seren gegen Diphterie und Tetanus Auftrieb (von Behring). Koch, Ehrlich und von Behring erhielten nicht nur Nobelpreise, sie wurden auch als Repräsentanten der modernen Medizin hochgeschätzt.

Bis vor kurzem wurde Epidemiologen und Virologen wenig Aufmerksamkeit geschenkt, weil krankmachende, bösartige Einzeller und Viren vermeintlich nur im fernen Afrika wüteten. Jetzt stehen solche Wissenschaftler im Rampenlicht. Aber die von ihnen geäußerten Empfehlungen, Mahnungen und Prognosen werden unterschiedlich aufgenommen. Im „Spiegel“ gab es dazu unlängst den Artikel: „Corona-Experten Fauci, Tegnell, Drosten: Gefragt, gefeiert, gehasst“. Die Hasser verkennen dabei, dass die Wissenschaft fortwährend Bekanntes hinterfragt und Neues erschafft, und die Virologen nur ein kleiner Teil des Fußvolkes dieser permanenten Revolution sind. Gegenseitiges Vertrauen ist die Basis unseres Zusammenlebens. Wir vertrauen dem Piloten, wenn wir in das Flugzeug einsteigen, dem Lebensmittelhändler, wenn wir bei ihm einkaufen oder dem Chi-rurgen, der uns ein neues Hüftgelenk einsetzt. Warum sollen wir dann den Virologen weniger vertrauen?

Im Mittelalter benannte der Klerus die Ketzer, heute sind es Vertreter der Vox populi. Wie konnte es dazu kommen, dass Menschen des 21. Jahrhunderts, deren Leben wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte durch die Medizin und die Naturwissenschaften verbessert wurde, zunehmend misstrauisch auf Fortschritt reagieren? Und das in Westeuropa, wo die Aufklärung entstand, Naturwissenschaften Industrialisierung ermöglichte und katalysierte, die Physik vor hundert Jahren völlig neue Einsichten in den Mikrokosmos gab und die Molekularbiologie das Rätsel der Vererbung löste.

Bildungsauftrag nicht erfüllt!

Zum Bildungsauftrag der Schule gehört die Vermittlung eines naturwissenschaftlichen Weltbildes. Mit diesem sollte ein Schulabgänger gerüstet sein, falsche Bilder von der Wirklichkeit, sogenannte Fake News, zu erkennen. Oberflächlich betrachtet kann sich unser Bildungswesen sehen lassen, denn heute erhalten etwas mehr als 50 Prozent der Schulabgänger eine Studienberechtigung. Eine von der Konrad-Adenauer-Stiftung initiierte Studie über die „Studier- und Ausbildungsfähigkeit“ kommt allerdings zu dem Ergebnis, dass die auf den Zeugnissen bescheinigten Kompetenzen nicht der Realität entsprechen. An dieser Tatsache haben aber nicht nur die Flut der Gymnasiasten und herabgesetzte Leistungsanforderungen Schuld. Das Üben, das Wiederholen und das Hausaufgabenmachen kommen seit Jahren zu kurz. Auch gilt es heute als verpönt, bei schwachen Leis-tungen ein Schuljahr zu wiederholen. Übersehen wird dabei aber, dass eine solche „Ehrenrunde“ zu einer kräftigen Stimulanz für ein späteres Studium werden kann.

In den Lehrplänen hat heute der Fachunterricht viel weniger Gewicht. Das neue Leitbild heißt „kompetenzorientierter Unterricht“. Damit wurde aber das Erlernen und Verinnerlichen von gesicherten Sachverhalten durch einen „Kompetenzenerwerb zur Problemlösung“ ersetzt. Die Folgen des „kompetenzorientierten Unterrichts“ wurden vor einiger Zeit im Vorwort einer Broschüre der Friedrich-Ebert-Stiftung („Können ohne Wissen?“) am Beispiel der Mathematik benannt: „Die Kompetenzorientierung habe letztlich den Mathematik-Schulstoff ausgedünnt und zu einer „Aushöhlung, Entfachlichung, Entkernung“ des Unterrichts geführt. Die Folge seien fachliche Defizite, die kaum mehr aufholbar seien.“ Zu diesem Zusammenhang passt auch ein „Brandbrief“ von 130 Professoren und Mathematiklehrkräften, der die mangelhaften Mathematikkenntnisse von Studienanfängern in den MINT-Fächern auf die aktuellen, reduzierten Bildungsstandards zurückführt (Der Tagesspiegel, 22.03.2017).

Kommt aber der Fachunterricht zu kurz, wird die Geschwätzigkeit bei den Schülern gefördert und das Nachfragen nach den Ursachen für bestimmte Erscheinungen verkümmert. Ich meine damit, es werden Fakten, wie „das Blut ist rot“, hingenommen. Warum es aber rot ist, wird nicht hinterfragt. Dadurch bleibt das Wecken von Neugier auf der Strecke. Das mag auch erklären, dass heute weniger Abiturienten ein naturwissenschaftliches Studium aufnehmen. Im Studienjahr 2005/2006 gab es noch 68.371 Studenten in Mathematik/Naturwissenschaften. 12 Jahre später (2017/2018) waren es 20% weniger Studenten (54.679). Und dass, obwohl die Berufsaussichten der Absolventen in diesen Fachrichtungen sehr gut sind.

Universitäten im Dauerstress durch Studentenzahlen…

2,8 Millionen Studenten stellen die Hochschulen und Universitäten des Landes unter Dauerstress. Zu diesem trägt auch bei, dass ein Teil der Studienanfänger mit den guten und sehr guten Noten gar nicht studierfähig ist, und mit „Brückenkursen“ nachgeschult werden muss. Trotz der Umsorge ist der Studienabbruch auch keine Seltenheit. Nach dem Bericht von 2018 des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) beenden, über alle Studienrichtungen gemittelt, ein Drittel der Studienanfänger das Studium nicht. In der Informatik und der Mathematik sind es 46% und 54%. Nach einer aktuellen Studie brechen in Greifswald und Rostock rund 60 % der Studierenden, die Lehramt für Gymnasien studieren, das Studium ab. Als Gründe geben die Studierenden u. a. an, ein Lehramtsstudium begonnen zu haben, ohne zu wissen, ob sie später überhaupt als Lehrer/-in arbeiten wollen. Die hohen Abbruchquoten sollten eigentlich nicht so sehr überraschen, denn auf dem schulischen Bildungsweg hat sich längst eine „Kultur des Durchwinkens“ etabliert. Leider findet das Thema Studienabbruch nicht den Weg in die Talkshows.

Mit der durch die Bologna-Reform verordneten strengen Befristung der Studiendauer (3 Jahre für den Bachelor, 2 Jahre für den Master) ähnelt der Aufenthalt der Studenten an der Hochschule der Passage des Wassers durch einen Durchlauferhitzer. Bei einer knapp bemessenen Studiendauer muss natürlich auch Zeit und Muße fehlen in anderen Studienrichtungen zu schnuppern. Dazu kommt noch die geringe Wertschätzung der studentischen Lehre innerhalb der Universität. Und hierzu noch die Sicht eines bekannten Wissenschaftlers, Hochschullehrers und Kommunikators der Wissenschaft aus der Schweiz. Gottfried Schatz bemerkte einmal dazu: „Die meisten unserer Universitäten sind keine sehr anregenden Plätze.“

Eine Einengung des Gedankenaustausches kommt auch aus dem Inneren der Hochschulen. Revolutionswächter im Iran sind die schlagkräftige Stütze des Gottesstaates. Ähnlich diesen haben selbsternannte Diskurswächter in letzter Zeit immer häufiger versucht zu bestimmen, was an einer Universität diskutiert werden darf und was nicht. Keine Frage, dass dadurch das universitäre Denken leidet. Redner wurden angefeindet, ausgeladen oder niedergeschrien von den Diskurswächtern. Jenen, die ins Visier genommenen wurden, wie z. B. der Historiker Jörg Baberowski und der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, war das Schicksal beschieden, allein im Regen zu stehen. Von dieser Repression sind bisher vor allem Vertreter der Geisteswissenschaften betroffen. Jetzt haben mehr als siebzig Wissenschaftler das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit gegründet, um den „Freidenkern“ ein Forum zur Präsentation ihrer Gedanken zu geben (FAZ, WISSENSCHAFTSFREIHEIT: Ausbruch aus der Tabuzone).

Chemie und Physik für die Allgemeinbildung unwichtig

In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte der Fernsehmoderator Frank Elstner eine Interviewreihe im Fernsehen geschaffen, in der er mit Nobelpreisträgern sprach. Diese Sendung, „Die stillen Stars“, erlebte 113 Folgen und war eine Bereicherung für jeden, der die hinter einer bahnbrechenden Entdeckung stehende Person kennenlernen wollte. Heute geben die Medien Schauspielern oder Sportlern viel Aufmerksamkeit. Stirbt einer von denen, ist das immer einen Kommentar in den „breaking news“ von ARD und ZDF wert. Zu einer solchen Popularität schafft es, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, kein verdienstvoller Naturwissenschaftler oder Chirurg.

Das geringe Interesse an den Naturwissenschaften drückt sich auch in deren Wertschätzung für die Allgemeinbildung aus. Nach einer 2007 an Gymnasien von Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein durchgeführten Befragung räumten die Lehrerinnen und Lehrer der Physik (23,7 %) und Chemie (6,5 %) letzte Plätze ein. Im Vergleich dazu vergaben sie an Deutsch (95,5 %), Mathematik (83,7 %) und Englisch (82,8 %) die ersten Plätze (Die Naturwissenschaften in Deutschlands Schulen und Hochschulen, www.uni-duisburg-essen.de/bfp/forschung/online.php). Das ist besonders deprimierend, weil es unendlich viele Beispiele dafür gibt, anhand derer die Rolle der Physik und Chemie für das Leben, die Umwelt und den Alltag illustriert werden können. Auch steht die verbreitete Ablehnung der Chemie im Kontrast zur Allgegenwart ihrer Produkte und ihrer Bedeutung als Fenster in das Innere des Lebens. Und wenn schon einmal in der Presse von der Wissenschaft die Rede ist, wirft das oft Fragen auf. Ein Beispiel sind Mitteilungen über Extrembergsteiger, die es mit „künstlichem“ Sauerstoff geschafft haben, über eine neue Route einen Achttausender zu bezwingen. Ein solches Abenteuer mit „künstlichem“ Sauerstoff hätte sicher die finanziellen Möglichkeiten der Bergsteiger weit überschritten.

Wegen des „Schattendaseins“ der Naturwissenschaften im gesellschaftlichen Bewusstsein muss man sich auch nicht über die Zunahme von Vorbehalten und Ablehnungen dem Neuen gegenüber wundern. Aktuelles Beispiel dafür ist der mRNA-basierte Impfstoff gegen COVID19. Dieser steht im Ruf aus dem Boden „gestampft“ worden zu sein. In Wahrheit haben zu dessen Entwicklung viele Jahre vorheriger Grundlagenforschung beigetragen. Nur dadurch war die schnelle Punktlandung bei der Entwicklung des Impfstoffs möglich. Ähnlich war es mit dem Insulin. Erst die Gentechnik machte es möglich, dass Insulin innerhalb kurzer Zeit in ausreichender Menge hergestellt werden konnte. Ohne die Gentechnik müssten für einen Insulin-abhängigen Diabetiker 50 Schweine zur Deckung seines Jahresbedarfs geschlachtet werden. Einen Vorbehalt gab es dabei auch, aber nicht gegen das künstliche Insulin, sondern gegen die dazu eingesetzte Methodik. Bedenken hatten aber nicht besorgte Mitbürger, sondern der damalige hessische, grüne Umweltminister Joschka Fischer. Dadurch zog sich das Genehmigungsverfahren zum Bau einer Anlage zur gentechnischen Herstellung von Insulin der Firma Höchst so lange hin, bis das Insulin im Ausland produziert wurde (Grüne Gentechnik: Deprimierende Entwicklung – Spektrum der Wissenschaft).

Um Bedenken gegenüber dem mRNA-Impfstoff abzubauen, empfehle ich den folgenden Beitrag: https://www.youtube.com/watch?v=0LnkoEOHSiM (Wirkweise und potentiellen Risiken der mRNA-Impfstoffe gegen COVID19).

Abschließend noch eine etwas andere Bemerkung. Es gibt unter uns Mitbürger, die trotz begrenzter Einsicht in sachliche Zusammenhänge der Überzeugung sind, für Alles die Deutungshoheit zu besitzen. Dazu zwei Beispiele: Nach der Fertigstellung eines neuen Impfzentrums vor wenigen Wochen waren einen Tag später die Wegweiser dahin und das Impfzentrum mit dem in grüner Farbe geschriebenen „Gift“ markiert, und das zu einem Zeitpunkt, an dem dort die Zahl der Infizierten pro 100000 eine neue Höchstmarke erklommen hatte. Das andere Beispiel betrifft den Friedhof in Göttingen. Dort gibt es eine Gedenkstätte für verstorbene Nobelpreisträger, ein Rondell von Gedenktafeln mit eine Säule in der Mitte, die vor wenigen Wochen Ziel eines Farbanschlags wurde. Mit weißer Farbe waren die Gedenktafeln beschmiert. Auf die Säule war gesprüht: „Alles Lüge“.