Montag, November 28, 2022

Nach drei Wahlperioden und 21 Jahren Amtszeit als Oberbürgermeister verlässt Dr. Lutz Trümper das Rathaus der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt.

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Wie prägt ein Mensch in so langer Zeit das Amt und wie das Amt wiederum einen Menschen?
Ein Porträt über nötigen Pragmatismus, der oft einsam macht.

Von Thomas Wischnewski

Donnerstag, 30. Juni 2022, 14 Uhr: Der bisherige Magdeburger Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper (SPD) übergibt im Otto-von-Guericke-Saal im Alten Rathaus die Amtsgeschäfte an seine Nachfolgerin Simone Borris symbolisch durch Überreichung der Amtskette. Damit ist die Ära Trümper als Verwaltungschef der Stadt abgeschlossen. Das Buch über die vielen Spuren, die sich mit der Person des gebürtigen Oscherslebener verbinden, ist jedoch noch lange nicht geschrieben. Wie kommt man einem Menschen nahe, der meist unnahbar war und wie will man seine Zeit an der Spitze der Stadt im Rahmen eines Zeitungsbeitrages fassen? Beides ist ein schwieriges Unterfangen.

Sich an den wichtigsten Stationen im Lebenslauf des studierten Lehrers für Chemie und Biologie sowie später auf dem Fachgebiet für Physikalische Chemie promovierten Naturwissenschaftlers abzuarbeiten, führt kaum näher an den Menschen heran. Als er bereits Dezernent für Zentrale Klinikumsentwicklung am hiesigen Uniklinikum war, zog Trümper 1994 für die SPD in den Stadtrat ein. Nachdem Lutz Trümper 1998 erneut als ehrenamtlicher Stadtrat für die SPD ins Rathaus eingezogen war, schienen die Weichen für einen Fortgang seiner politischen Karriere schon gestellt. Dr. Reinhard Höppner (SPD) holte Trümper im Mai 2000 als Staatssekretär ins Ministerium für Raumordnung, Landwirtschaft und Umwelt. Im selben Jahr befand sich der 1. FC Magdeburg in einer tiefen Krise, vor allem finanziell. Klaus-Dieter Runge und Hans-Georg Moldenhauer wollten für den Verein jemanden gewinnen, der frei von allen Geschehnissen um Schulden und zweifelhafte Verträge war. Obwohl zunächst der damalige Vorsitzende des Stadtrates Gerhard Heinl (CDU) Präsident des Vereins werden sollte, fiel das Augenmerk auf Lutz Trümper, der eigentlich nur den Bereich der Finanzen im Verein verantworten sollte. Im November 2000 wurde er von der Vereinsversammlung zum Präsidenten gekürt.

Manche behaupteten später, dass die Präsidentschaft das Sprungbrett für die OB-Kandidatur 2001 gewesen sei. Doch dagegen sprechen mehrere Tatsachen. CDU-Mann Gerhard Heinl hätte für den Sozialdemokraten Lutz Trümper sicher niemals Steigbügelhalter sein wollen. Außerdem wollte zu diesem Zeitpunkt der amtierende OB Willi Polte noch einmal selbst antreten. Trümper war damals Kreisvorsitzender der SPD und Polte hatte dann kurzfristig den Rückzug von einer neuen Kandidatur erklärt.

Als sich Lutz Trümper nach gewonnener Stichwahl gegen Hans-Werner Brüning (damals PDS) bei der OB-Wahl durchgesetzt hatte, übernahm er – 45 Jahre alt – am 1. Juli 2001 die Amtsgeschäfte von Willi Polte. Zu dieser Zeit begegnete ihm von vielen Seiten aus Skepsis. Willi Polte hatte elf Jahre lang das Amt mit seiner emotionalen Strahlkraft ausgefüllt. Lutz Trümper erschien wenig mitreißend, eben unnahbar und es eilte ihm das Vorurteil eines technokratischen Verwalters voraus. Tatsächlich ist Lutz Trümper auch heute kein Mensch, der anderen sofort mit Offenherzigkeit oder gar überschwenglichen Gefühlen entgegentritt. Eine kühle Distanz zu wahren, zieht sich wie ein roter Faden durch die vergangenen 20 Jahre. Das mag einigen als ein Mangel erscheinen, dafür kommt eine andere eher vorteilhafte Seite zum Tragen. „Bei aller Präsenz als Oberbürgermeister im politischen Feld und als Chef der Verwaltung war Lutz Trümper ein Mann bördischer Bodenhaftung geblieben und stets frei von selbstdarstellerischen Attitüden.“ Das sagt jedenfalls einer über ihn, den er heute noch als einen seiner wenigen Vertrauten oder gar Freunde bezeichnet. Was vielen vielleicht ebenso wenig bewusst ist, dass Lutz Trümper damals den Tod seiner ersten Frau überwinden musste. Wahrscheinlich hat er dies auch dadurch bewältigt, sich in einen Berg an Arbeit zu stürzen.

Die damaligen Beigeordneten wie beispielsweise Werner Kaleschky oder Dr. Rüdiger Koch waren alle älter als der neue Oberbürgermeister. Während der ersten Sitzung der Beigeordneten mit dem OB – die Runde findet turnusgemäß jeden Dienstagvormittag statt – staunten alle nicht schlecht, als Dr. Trümper zu dem Berg an Drucksachen, die er übers Wochenende durchgearbeitet zu haben schien, immer wieder konkrete Fragen stellte. Der OB hatte sich in alle alktuellen Sachverhalte eingearbeitet. Dieser Auftakt mag ein Indiz für Fleiß sein, allerdings hat Lutz Trümper über die Jahre immer wieder unter Beweis gestellt, dass er mit Fakten zu allen Vorgängen aufwarten konnte. Kaum jemand konnte ihm in Sachen Zahlen, Daten und Fakten bzw. in der Kenntnis über den Verlauf eines Vorhabens das Wasser reichen.

Wer bei Lutz Trümper einen Termin bekommen hatte, aber eher mit wenig Sachkenntnis über das eigene Anliegen aufwarten konnte, dem wurde so schnell kein neues Gespräch mit dem OB eingeräumt. Auch Mitarbeiter aus der Verwaltung schickte Trümper wieder weg, wenn sie mit Ausflüchten auftraten oder keine konkreten Argumente vorbringen konnten. Das klingt vielleicht ein wenig wie das Klischee, der wäre ein „harter Hund“. Doch es zeigt eher einen Hang nach Effizienz und Klarheit. Während einer Klausurtagung des Finanzausschusses zum Kommunalhaushalt – in der Zeit als Lutz Trümper noch ehrenamtlicher Stadtrat war – hatte er rethorische Überflieger, die als Beigeordnete ihr Dezernatsbudget verteidigen wollten, auf den Boden der Haushaltswirklichkeit zurückgeholt. Aus der Analyse der Ist-Situation leitet der Politiker Trümper stets strategische und strukturell-inhaltliche Vorschläge ab. Dies wurde vor allem in den vergangenen zehn Jahren nach außen hin sichtbar. 2013 erlebte Magdeburg eine Flut durch die Elbe wie lange nicht. Lutz Trümper stand an erster Verantwortungsstelle und schulterte auch unbequeme Entscheidungen, bei denen die Abwägungen für größere Schäden getroffen werden mussten. Selbst der damalige Innenminister Holger Stahlknecht war eher nur dann an den Flut-Brennpunkten zu sehen, wenn er selbst keine risikovolle Entscheidung treffen musste. Die meiste Öffentlichkeit auch national bekam Lutz Trümper 2015 als er im November wegen inhaltlicher Differenzen mit der damaligen SPD-Landesvorsitzenden Katrin Budde aus der Partei austrat. Pragmatismus vor Parteidisziplin. Als oben die Verteilung von Flüchtlingen vorgeschrieben wurde, wurde verdrängt, wie das die Kommunen leisten konnten. Trümper wollte nicht, dass die Landesparteispitze das Gesicht verliert und zog seine Konsequenz. Das brachte ihm wachsenden Respekt in der Bürgerschaft ein.
In den folgenden Jahren bestimmten große Bauvorhaben wie die Tunnelbaustelle und der geplante Brückenneubau über die Elbe die Urteile über den Oberbürgermeister. Wegen der Kostensteigerungen flog ihm viel Kritik entgegen. Die Komplexität dahinter, die rechtlichen Hürden sowie die sich ändernden Bau- und Preisbedingungen interessierten Kritiker wenig. Oben ist man immer Schuld, wenn unten etwas anders wird als geplant. Wer Oberbürgermeis-ter ist, ist eben für alles verantwortlich, sogar für solche Sachen, für die er gar nicht verantwortlich sein kann. Egal ob Bundes-, Landes- oder private Zuständigkeiten – an einem in Magdeburg sichtbar gewordenen Missstand muss der OB stets eine Wange mit hinhalten. Während der Verordnungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie war es erneut Lutz Trümper, der rationale Entscheidungen kommunizierte und nicht mit Kritik gegenüber Maßnahmen des Bundes sparte. Ohne diese zurückliegende Krisenkommunikation wären die analytischen Fähigkeiten des Menschen Trümper sicher nie so deutlich ins Licht getreten. Ein Mensch beweist sich in der Krise. Lutz Trümper hat vor dem Hintergrund solcher verantwortungsvollen Krisensituationen Führungsstärke bewiesen und klare Kommunikation gewagt. Vielleicht hätten das andere gleichermaßen gut gekonnt. Aber es waren nun einmal keine anderen da.

Ein anderer ehemaliger Mitarbeiter aus dem Umfeld des scheidenden OBs will wissen, dass Lutz Trümper über die lange Amtszeit wirklich wenig Vertraute zugelassen hat. Das mag einerseits im Kern seiner Persönlichkeit begründet sein, andererseits wirft dieses distanzierte Verhalten ein Licht auf das Arbeitsumfeld Rathaus und politische Gremienarbeit. Als „Schlangengrube“ wurde die höhere Verwaltungs- und Politiksphäre im Rathaus schon bezeichnet. Erleben musste das Lutz Trümper als er ursprünglich noch einmal über eine OB-Kandidatur nachdachte. SPD-Fraktionsstadtratsvorsitzender Jens Rösler und Beigeordneter Holger Platz initiierten eine juristische Prüfung am OB vorbei, ob dies kommunalrechtlich überhaupt möglich oder gar verhindert werden könnte. Zu dieser Zeit, im Jahr 2020, war Trümper bereits wieder Mitglied der SPD.

Aus dem unmittelbaren Umfeld der Verwaltung hört man als Oberbürgermeister kaum Kritik. Da ist man sanft im Umgang, während ehrenamtliche Abgeordnete mit verbaler Prügel im Stadtrat nicht geizen. Dafür wird in den Fluren und Büros umso mehr hinter vor gehaltener Hand getuschelt. Einen angemessenen Spiegel erhält man als Mensch auf diese Weise nicht. Also was tun? Das Stadtoberhaupt hat versucht, den Unwägsamkeiten des Amtes mit Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit zu begegnen. Er stellte sich hinter Leute, wenn diese aus seiner Sicht ungerecht behandelt wurden. Beispiele dazu wurden öffentlich kaum kolportiert. Doch so unterstütze Lutz Trümper über mehrere Jahre persönlich einen syrischen Flüchtling. Er hat das an keine Glocke gehängt. Genauso wenig, dass er sich 2005 aufgrund einer Diagnose kurzfristig einer Krebsoperation unterziehen musste. Nach außen hin blieb das für die meisten unbemerkt.

Was bleibt also als Fazit über 21 Jahre Amtsinhaberschaft an der Spitze der Landeshauptstadt? Positiv ist die Dynamik der Stadtentwicklung zu nennen, für die Willi Polte schon manche Weiche gestellt hatte. Am Ende ist die Ansiedlungsentscheidung von Intel, einer Giga-Fabrik für Halbleiter am Eulenberg, zu erreichen, wie eine Krönung der Zeit als Oberbürgermeister. Solche Ereignisse sind seltener als ein Sechser im Lotto. Lutz Trümper sagt, dass er keinen Tag seiner Amtszeit bereue und meint damit die schönen wie auch die schweren Momente. Sie alle machen jemanden dazu wie er ist. Vielleicht konnte er in den vergangenen Wochen deshalb häufig fröhlich auftreten, weil er den meisten Ereignissen stets mit rationaler Analyse und Distanz begegnet war. Nur beim ersten Aufstieg des 1. FCM in die zweite Liga – da standen ihm vor Glück die Tränen in den Augen.

Berührbar ist der Mensch Lutz Trümper auf jeden Fall. Seine Frau, seine Tochter und seine Enkel wissen das bestimmt am besten. Die Distanz im Privaten über die Amtsgeschäfte hatte er seiner heutigen Lebensgefährtin versprochen. Das ist nötig, weil man einen Schutzraum vor der Kühle und der Einsamkeit im Amt eines OB braucht. Es ist nicht sicher, dass ein offenherziger Lutz Trümper die Geschicke der Stadt besser gelenkt hätte. So wie er sie lenkte, hat er sich mit der langen Verantwortung tief in die Geschichte Magdeburgs eingeschrieben. Egal, wie einst über die Kosten des Tunnels oder der Brücke geurteilt würde, am Universitätsplatz steht ein Theaterbau, der genauso wenig im Rahmen seiner Planungen blieb. Es scheint so zu sein, dass heute viel mehr Magdeburger das Scheiden eines Lutz Trümpers aus dem Amt bedauern, als solche, die das fröhlich stimmt. Dass „Lutze“ loslassen kann, gründet sich vielleicht auch darauf, dass ihm im Rathaus sicher Respekt entgegengebracht wurde, aber weniger Herzlichkeit als von machem Menschen auf der Straße.

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