Montag, September 26, 2022
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Ein vom FCM erarbeitetes Gutachten spricht Heinz Krügel vom Verdacht frei, als Mitglied
der Waffen-SS an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein. Präsident Fechner: Kein Anlass, das Andenken an den Ex-Trainer in Frage zu stellen. | Von Rudi Bartlitz

Hoch droben, strahlend auf den Schultern seiner jubelnden Spieler sitzend, so sah man ihn jüngst wieder in der Zeitung. Ein Lachen, das, wie sich später noch herstellen sollte, durchaus ansteckend wirkte. Als der Hallesche FC jetzt den 60. Jahrestag seines ersten DDR-Pokalsiegs feierte, erinnerte man noch einmal an den unbestrittenen Vater des Erfolgs: Übungsleiter Heinz Krügel. Für den damals 41-Jährigen, kurz zuvor vom Chefposten der Nationalmannschaft entbunden, sollte es der Grundstein für eine Karriere werden, die ihn ein Jahrzehnt später zum erfolgreichsten Klubtrainer der DDR-Fußballgeschichte überhaupt werden ließ – beim 1. FC Magdeburg. „Mit seiner burschikosen Art und seinen lockeren Sprüchen“, merkte die „Mitteldeutsche Zeitung“ an, „hatte Krügel schon in Halle seine Spuren hinterlassen, ehe man ihm in Magdeburg ein Denkmal setzte.“

Ja, dieses Denkmal haben sie ihm an der Elbe später wirklich gesetzt. Im Sinne des Wortes. Direkt vor dem Stadion. Zum Dank für den einzigen Europapokal-Titel einer ostdeutschen Vereinsmannschaft, zum Dank für drei Meisterschaften. Als gegen Krügel 1976 von der DDR-Sportführung unter fadenscheinigen Gründen ein rigoroses Berufsverbot verhängt und er zu einem besseren Platzwart degradiert wurde, waren Empörung und Unverständnis unter den Fans groß. Öffentlich artikulieren konnten sie ihren Protest damals nicht. Aber fast noch schlimmer wirkte dann, was Anfang 2021 – kurz vor dem 100. Geburtstag der im Oktober 2008 verstorbenen Trainer-Legende – mehrere ostdeutsche Regional-Zeitungen schrieben. Plötzlich lag ein dunkler Schatten über Krügels Lebenswerk. Er sah sich Vorwürfen ausgesetzt, im Zweiten Weltkrieg Angehöriger der berüchtigten Waffen-SS gewesen zu sein und dies später beharrlich verschwiegen zu haben.

Die „Volksstimme“ („Schatten auf dem Denkmal“) und die „Mitteldeutsche Zeitung“ („Der Heinz von der Waffen-SS“) hatten über Krügels Wehrmachtszeit zwischen 1940 und 1945 berichtet. Als Quellen stützten sie sich u. a. auf ein bereits 2014 erschienenes Buch („Die Fußball-Nationaltrainer der DDR zwischen SED und Staatssicherheit. Eine biografische Dokumentation”) des Mittweidaer Hochschul-Professors Otto Altendorfer sowie jüngste Veröffentlichungen des Dresdner Fußballhistorikers Uwe Karte.
Die Vereinsspitze reagierte umgehend und setzte einen Arbeitskreis ein. Man wollte wissen, was dran ist an den Vorwürfen – bevor man sich öffentlich äußert. Präsident Peter Fechner, der der Gruppe vorstand, erklärte: „Wir halten es für sehr wichtig, dass wir uns diesem Thema annehmen. Wir wollen unseren Beitrag zur Wahrheitsfindung in Bezug zur Person Heinz Krügel leisten.” Jens Janeck vom Fanrat fügte hinzu: „Die Fans bewegt die Diskussion um Heinz Krügel. Der Arbeitskreis ermöglicht eine ergebnisoffene und wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema von Seiten des 1. FC Magdeburg und seinen Fans.“
Jetzt nun, eineinhalb Jahre später, legte der Arbeitskreis, dem Historiker und Rechtsanwälte angehörten, die Ergebnisse seiner umfangreichen historischen Recherchen, die sich durch Corona verzögerten, vor. Dazu wurden Materialien aus neun Archiven in drei Staaten gesichtet. Der vielleicht wichtigste Satz in einer dazu vom Verein veröffentlichten Mitteilung: „Laut den zugänglichen Quellen ist eine Beteiligung von Heinz Krügel an Kriegsverbrechen nicht nachweisbar.“ Mitglied der Waffen-SS sei er gewesen, wird festgestellt, habe der Nazipartei NSDAP jedoch nicht angehört. Im Gespräch mit der KOMPAKT-Zeitung sagte Fechner dazu: „Krügel war bei seinem Wehrmachtseinsatz in keinem Fall ein Entscheidungsträger. Aus Sicht des FCM gibt es keinen Anlass, das Andenken an ihn als ehrenvollen Trainer des 1. FC Magdeburg infrage zu stellen. Gleichwohl gehört die Vergangenheit von Heinz Krügel in der Waffen-SS zu seiner Biografie und soll auch nicht verschwiegen werden.“

Dem Vorwurf, Krügel habe nach Kriegsende seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS verschwiegen, tritt der FCM-Arbeitskreis entgegen. „Die Zugehörigkeit und letzte militärische Verwendung innerhalb der Waffen-SS“, heißt es, „wurde von ihm mehrfach in Fragebögen und Selbstauskünften nach Ende des 2. Weltkrieges benannt. Diese Archivunterlagen waren immer verfügbar und spätestens nach der politischen Wende 1990 jederzeit der Öffentlichkeit, auf Anfrage, zugänglich.“ Krügel selbst habe „nach dem Krieg kein Geheimnis zu seiner Person zur Zeit des Nationalsozialismus gemacht“.

Bis Ende Juli soll der Recherche-Bericht des Arbeitskreises öffentlich vorliegen. Nach den Worten Fechners plant der Verein jetzt, am Krügel-Denkmal vor der MDCC-Arena eine Informationstafel mit dessen gesamter Biografie anzubringen. „Damit die historischen Zusammenhänge künftig noch besser eingeordnet werden können.“ Der Trainer bleibt also auf seinem Sockel. Immer eingedenk dessen, dass es ein Leben nur in schwarz oder weiß, in gut oder schlecht nicht gibt. Ein Leben ohne Brüche existiert nur in der Propaganda.

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