Freitag, September 30, 2022
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Nachwachsende Probleme mit dem Nachwuchs

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Die Suche nach Arbeitskräften und Auszubildenden ist in vielen Branchen groß. Angebot und Nachfrage driften immer weiter auseinander. Und es ist keine Besserung in Sicht. Eine Bestandsaufnahme.

Kinder sind unsere Zukunft! Dieser Satz wird oft bemüht, aber eigentlich falsch verwendet. Zunächst sind es die Generationen der Erwachsenen, die Kindern eine Zukunft ermöglichen sowie für die eigene sorgen müssen. Mit der eigenen Zukunft stehen wir als Gesellschaft seit gut 30 Jahren nicht im Einklang, zumindest wenn wir die demografischen Aspekte der Entwicklung betrachten. Heute zeigen sich seit Jahrzehnten beschworene Schwierigkeiten im sogenannten Fachkräftemangel. Laut Statistischem Landesamt Sachsen-Anhalt lebten per 31. Dezember 2021 179.385 Jugendliche im Alter von 15 bis unter 25 Jahren im Land. Die Anzahl hat sich seit 1990 von damals 360.703 Jugendlichen halbiert. Damit ist auch der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung Sachsen-Anhalts von 12,6 Prozent auf 8,3 Prozent gesunken. Auch deutschlandweit lag der Anteil dieser Altersgruppe zuletzt nur noch bei 10 Prozent.

Neben der geringer werdenden Anzahl junger Menschen bleibt der Anteil der Schulabsolventen mit einer Zugangsberechtigung für ein Studium hoch. Im Jahr 2020 lag die Studienberechtigtenquote in Deutschland bei 46,8 Prozent. Damit steigt der Druck für Betriebe, genügend Nachwuchs zu gewinnen. Anfang September stellte die neue Chefin der Bundesarbeitsagentur, Andrea Nahles, die Lage am Ausbildungsmarkt vor. Nach den Erhebungen der Behörde wurden insgesamt 519.500 betriebliche Ausbildungsplätze gemeldet. Diesen gegenüber standen jedoch bundesweit nur 407.600 Bewerberinnen und Bewerber. Junge Menschen sind also am Arbeitsmarkt so begehrt wie nie. Schulabsolventen haben demnach so viele Auswahlmöglichkeiten wie nie zuvor.

 Derzeit gibt es 324 anerkannte Ausbildungsberufe in Deutschland. Theoretisch müssten eigentlich alle Jugendlichen mit einem Wunschberuf versorgt werden können. Doch so wie von Jahr zu Jahr die Zahl unbesetzter Ausbildungsstellen steigt, wächst auf der anderen Seite die Zahl der unversorgten Bewerber. Die Diskrepanz ergibt sich daraus, dass Angebot und Nachfrage regional oft nicht zusammenpassen. Während es beispielsweise auf die angebotenen Ausbildungsplätze für medizinische Fachangestellte, Mediengestalter oder Tierpfleger ausreichend Bewerber gibt, bleiben viele Stellen im Einzelhandel, im Handwerk und im Hotel- und Gaststättengewerbe unbesetzt. Ein großer namhafter Einzelhandelsbetrieb in Magdeburg erhielt in diesem Jahr nicht eine Bewerbung für eine Ausbildung zum Fachverkäufer.

Der Run auf die Hochschulen ist dafür nach wie vor ungebrochen während viele Ausbildungsberufe kaum nachgefragt werden. In den Südländern wie Bayern und Baden-Württemberg kommen inzwischen auf einen Bewerber zwei Ausbildungsplätze. In Berlin ist dagegen die Anzahl der Bewerber höher als die angebotenen Stellen. Jugendliche sind bei Aufnahme ihrer Ausbildung in der Regel noch nicht volljährig und leben im elterlichen Haushalt. Um eine gewünschte Ausbildung in einem anderen Bundesland aufzunehmen, müssten Wohnraum und Lebenshaltungskosten durch die Eltern getragen werden. Beim angespannten Wohnungsmarkt in München wird das zum Beispiel für die meisten nicht zu leisten sein.

Ein weiterer Trend unterläuft den Ausbildungsmarkt. Jugendliche treffen ihre Berufswahl heute nicht nur aufgrund von Verdienstmöglichkeiten. Faire Arbeitszeiten und die Vereinbarkeit mit Freizeit oder später Familie spielen inzwischen eine große Rolle. Einerseits weniger junge Menschen, die ins Berufsleben drängen und die Ansprüche nach kürzeren Arbeitszeiten verschärfen die Diskrepanz zwischen Leistungsgesellschaft und Wohlfühlgemeinschaft. Heute könnte man das Fazit ziehen, dass Ausbildungsberufe eher mit sinnvollen Tätigkeiten als dem großen Geld punkten. Hinzu kommt, dass die gesellschaftliche Anerkennung für sogenannte „normale“ Berufe eher weiter sinkt. Laufbahnen mit einem akademischen Ausbildungsweg stehen nach wie vor hoch im Kurs.

Ein weiteres Defizit, dass heute öfter in Betrieben beklagt wird, sind abnehmende Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten. Dem gegenüber stehen von Jahr zu Jahr veröffentlichte bessere Notendurchschnitte. Dies ist eher ein Indiz dafür, dass die Leistungsanforderungen in Schulen aber auch an Hochschulen gesenkt werden. Außerdem steigt derzeit die Skepsis auch bei jungen Menschen, dass der Krieg in der Ukraine keine rosigen Aussichten schafft. Bedenkt man, dass heute in vielen Arbeitsbereichen auch noch Quotenregelungen beachtet werden sollen, verschärft dies zusätzlich die Kluft zwischen Ausbildungsangebot und -nachfrage. Auch die Zuwanderung nach Deutschland konnte bisher die Lücken der demografischen Entwicklung in keiner Weise schließen.

Unter dem anhaltenden Trend wird die Suche nach Arbeitskräften für viele Betriebe mittlerweile zu einer Existenzfrage. Aktuell sind knapp 1,1 Millionen Menschen in Deutschland zwischen 64 und 65 Jahre alt. Diese Gruppe geht also in Kürze in die Rente. Bei den 14- und 15-Jährigen, die im selben Zeitraum eine Lehre beginnen können, gibt es nur 740.000 Jugendliche. Zahlreiche Arbeiten werden in einigen Jahren offenbar nicht mehr geleistet werden. Die Nachwuchsprobleme bleiben deshalb ein nachwachsendes gesamtgesellschaftliches Problem.

Von Thomas Wischnewski

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