Dienstag, November 29, 2022

Nein? Doch! Oohhhh!

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Ist der Sieg des 1. FC Magdeburg beim HSV so etwas wie eine Trendumkehr? Mit neuem System aus dem Tabellenkeller.

Ob Frankreichs Edel-Komödiant Louis de Funes zu Lebzeiten ein Fan des Magdeburger Fußballs war, entzieht sich unserer Kenntnis. Gesetzt einmal den Fall, der begnadete Komiker hätte Blau-Weiß geliebt und noch erlebt, die Nachricht vom sensationellen 3:2-Erfolg beim Hamburger SV hätte mit ziemlicher Sicherheit wieder jenen Kult-Dialog ausgelöst, mit dem sich de Funes für immer einen Platz in der Filmgeschichte sicherte: „Nein? Doch! Oohhhhh!”.
Ja, die Ungläubigkeit über das Husarenstück der Sachsen-Anhalter hielt am zurückliegenden Wochenende lange an. Bei Anhängern wie bei diversen Experten. So richtig glauben wollten es zunächst nur jene, die es mit eigenen Augen gesehen hatten: die 8.000 (!) mitgereisten Magdeburger Fans und diejenigen, die die Partie live im TV verfolgten. Zu eindeutig waren die Vorzeichen gewesen: hier der Bundesliga-Dino und ausgemachte Top-Favorit für den Erstliga-Aufstieg, der Hamburger SV, dort der als Tabellenletzter angereiste krasse Außenseiter 1. FC Magdeburg, das Greenhorn. Die Wettquoten bei den Buchmachern fielen entsprechend deutlich aus.
Nachdem die Begegnung vor den 54.000 Zuschauern im Volkspark-Stadion so einigermaßen Fahrt aufgenommen hatte, rieben sich viele, die meinten, die Spielweise des FCM ein wenig zu kennen, verwundert die Augen. Was war das denn? Nichts da mehr von dem von Cheftrainer Christian Titz eingeführten und favorisierten absoluten Ballbesitz-System. Das so weit geführt hatte, dass sein Team zwar den höchsten Ballbesitz der gesamten Liga (63 Prozent) besaß, nichtdestotrotz von der untersten Stufe des Tabellenkellers grüßte. Und Titz schien trotz ausbleibender Erfolglosigkeit – gepaart mit wenig Ideen und Toren – und einer immer stärker aufkommenden Kritik von außen (selbst Ex-FCM-Torjäger Christian Beck monierte dies zuletzt in seiner Volksstimme-Kolumne) wenig geneigt, daran etwas Substanzielles ändern zu wollen.
Bisher lief es doch in der Regel so: Das Spiel war meist erst ein paar Minuten alt, da musste sich der Betrachter vorkommen wie in diesem älteren Hollywood-Klassiker mit dem Murmeltier in der Zeitschleife. Viel Ballbesitz, wenig Chancen, kaum Tore = am Ende wenig Punkte. Sein Team habe, so sah es Titz jedenfalls, viele Partien dominant bestritten und gute Möglichkeiten herausgespielt. Die Rufe nach einer Abkehr vom bisherigen System wurden, wie gesagt, zuletzt lauter. Doch bis zur Hamburg-Partie wies Titz sie vehement zurück. Außerdem habe man die Spielidee bereits angepasst. „Wenn das nicht wahrgenommen wird, dann ist das nicht unser Verschulden”, reagierte Titz bei einem Fan-Forum laut MDR etwas gereizt. Bliebe nur zu fragen – angepasst, woran? Seine Mannschaft spiele „einen guten strukturierten Fußball mit einer klaren Idee”, fügte der Coach hinzu. Die Gretchenfrage, die sich dem FCM stellte, musste, satirisch überspitzt, folglich lauten: Wie lassen sich die Qualitäten eines Teams verbessern, ohne dass sich irgendetwas ändert?
Es gibt genügend Mannschaften, sogar noch eine Spielklasse höher als die Blau-Weißen, die irgendwann erkennen mussten: So wie wir uns das vorstellten, so geht es nicht. Unser System greift nicht. Die Gründe dafür mögen unterschiedlich sein, das Resultat auf dem Platz ist das Gleiche. Egal, ob die Klubs nun FC Augsburg oder Eintracht Braunschweig (besaß nach den ersten sechs Begegnungen nur einen einzigen Punkt!) heißen. Sie taten das, was auf der Hand lag, worauf es ankommt: Sie änderten etwas. So wie es Magdeburgs Handball-Trainer-Legende Alfred Gislason, um einmal ein Beispiel aus einer anderen Sportart zu zitieren, jüngst zur Rolle von SCM-Nationalspieler Philipp Weber als Spielmacher sagte: „Wir haben es probiert, aber es hat nicht so funktioniert. Dann muss ich als Trainer etwas anderes machen.“ Aber bleiben wir beim Fußball. Selbst ein Welt-Trainer wie Pep Guardiola, von dem alle dachten, er hasse Mittelstürmer, hat nach dem Einkauf von Erling Haaland seine Taktik so angepasst, dass sie wie maßgeschneidert zu den Vorzügen des hünenhaften Norwegers passt. Haaland ist kein mitspielender Stürmer, wie ihn Guardiola eigentlich liebt, sondern ein Vollblut-Neuner, ein Vollstrecker.
Dann kam für den FCM Hamburg. Diesmal war vieles anders – und vieles davon besser. Ergebnis einer, vielleicht sogar ungewollten?, Systemumstellung. Auf einmal beharrte die Mannschaft nämlich nicht mehr auf Teufel komm raus auf Ballbesitz. Am Ende wiesen die Zahlen nur noch 29 Prozent aus. Unvorstellbar in den Begegnungen zuvor. Ein Nachteil war es jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Das gleiche Bild bei gespielten Pässen. Gab man sich früher offenbar erst zufrieden, wenn die 500er-Schallmauer weit, weit übertroffen war, so spuckten die emsigen Zählmaschinen diesmal einen Wert von 251 aus; der Gegner erreichte das Doppelte – und verlor. Weiter: Aus einer gefestigten Abwehr, die teils mit einer Fünfer-Kette operierte (in der Elfadli so etwas wie einen unorthodoxen Libero gab), wurden dem HSV enge Zügel angelegt. Und in der Offensive erreichte der FCM mit seinen fein herausgespielten Kontern plötzlich jene Effektivität, von der Titz in den vorausgegangenen Begegnungen nur träumen konnte.
Damit immer noch nicht genug: Das vom Trainer oft beschworene „Spielglück“ – es lächelte den Sachsen-Anhaltern auf einmal aus allen Stadion-ecken entgegen. Gerade in der irrwitzigen Schlussphase (Originalton ARD: „Was für ein Spektakel!“), als zwei hundertprozentige Torchancen der Einheimischen entweder auf der Linie oder durch die Querlatte verhindert wurden. „Ja“, räumte ein glücklicher Titz ein, „da wurde es noch einmal richtig dramatisch.“
Selbst wenn es gängigen journalistischen Prinzipien zuwiderlaufen mag, am Ende eines Beitrages eine „Phrasenschwein“-Formulierung zu benutzen, sei`s drum: Der wackere Magdeburger Fan kann nur hoffen, dass aus dem HSV-Spiel jetzt die richtigen Lehren gezogen werden und nicht schon gegen Heidenheim (am Freitag unter Flutlicht) wieder in alte Muster verfallen wird. Denn es geht offensichtlich anders. Besser eben. 

Text: Rudi Bartlitz, Seite 23, Kompakt Zeitung Nr. 220

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