Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Nichts geht ohne Optimismus

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Zweimal musste das Internationale Figuren Theater Festival BLICKWECHSEL coronabedingt abgesagt werden. Mitte November kann es nun stattfinden. Frank Bernhardt, der die künstlerische Leitung am Puppentheater Magdeburg innehat, über Optimismus und ein Festival in drei Akten …

Kompakt Zeitung: Herr Bernhardt, wenn man eine so aufwändige Veranstaltung wie das BLICKWECHSEL Festival zweimal absagen, beziehungsweise verschieben muss, mit welcher Einstellung geht man an den dritten Anlauf heran?

Frank Bernhardt: Im Theater funktioniert nichts ohne den inneren Optimismus. Als wir uns im April 2020 zur Absage entschlossen hatten, waren wir bemüht, das Programm in das nächste Jahr zu übertragen. Alles war organisiert – vom Ablaufplan bis hin zur Finanzierung. Und ein Jahr lang waren wir voller Hoffnung, dass es 2021 stattfinden kann, bis wir im April 2021 abermals absagen mussten. Da für uns die Option, das Festival überhaupt nicht stattfinden zu lassen, nicht existierte, entstand die Idee, die Veranstaltung erneut zu verschieben und sie in drei Etappen, – oder wenn wir in der Theatersprache bleiben wollen – drei Akten zu zeigen.

Das heißt, das Festival findet so statt, wie ursprünglich geplant, nur aufgeteilt auf November 2021, März und Juni 2022?
Nein, es gab einige grundlegende Änderungen. Das Festival wird beispielsweise nicht wie in den Jahren zuvor durch La Notte eröffnet. Dies war jedoch von Beginn an für das 13. BLICKWECHSEL so vorgesehen und liegt nicht an der coronabedingten Verschiebung.

Aus welchem Grund verzichten Sie darauf?
Als wir 2003 zum ersten Mal mit La Notte starteten, war unser Ziel, raus aus dem Theater und hinein ins Urbane zu gehen. Damals war Magdeburg nicht annähernd so durchsaniert wie heute und dadurch konnte man an interessanten Plätzen ein Spannungsfeld zwischen der Geschichte des Ortes und der jeweiligen Inszenierung erzeugen. Diese Plätze werden jedoch immer rarer und es ist schwierig, einen verwunschenen Ort zu finden, der vorher noch nie bespielt wurde. Aus diesem Grund wollten wir neue Wege gehen …

Welche weiteren Änderungen bringen diese neuen Wege mit sich?
Geplant waren ursprünglich künstlerische Interventionen, wie beispielsweise Walking Acts, im Stadtzentrum, um Aufsehen zu erregen, die Menschen neugierig zu machen oder sie einfach zu überraschen. Dazu sollte es ein klassisches Bühnenprogramm an unterschiedlichen Orten geben. Auf die Interventionen müssen wir verzichten, aber die Motivation, alles andere zu zeigen und auf drei Monate in diesem und im nächsten Jahr aufzuteilen, war groß.

Und diese Herausforderung ist Ihnen offensichtlich gelungen …
Wir konnten nicht nur unsere Partner, sondern auch unsere Geldgeber von unserem Festival in drei Akten überzeugen. Die Schwierigkeit bestand darin, dies neben dem regulären Theateralltag zu planen und unsere Partner zeitlich passend einzubinden – sowohl die Spielstätten außerhalb des Puppentheaters wie auch die Gastspieler haben einen coronabedingten Nachholbedarf und dadurch einen eng gestrickten Terminplan. Und ob uns die Herausforderung gelingt, die Leidenschaft des Publikums so zu entfachen, dass es unser Programm über alle drei Etappen verfolgt, muss sich erst noch zeigen.

Was erwartet das Publikum zum Auftakt vom 16. bis 20. November?
Wir haben es geschafft, an den ersten fünf Festivaltagen ein großes Spektrum aufzufahren, das vom klassischen Objekttheater, Puppen- und Figurentheater bis hin zum Physical Theatre und szenischen Installationen reicht. In unserem Innenhof sorgen wir mit Illuminationen und Feuerschalen für ein passendes Ambiente, das nach den Vorstellungen zum Verweilen und zum Austausch einlädt. Persönlich finde ich jeden Programmpunkt reizvoll, was mir jedoch sehr am Herzen liegt, ist unsere Koproduktion mit der Schweizer Gruppe Trickster-p „book is a book is a book“. Diese szenische Installation ist für jeweils 28 Personen, die sich auf eine Reise durch den „Buchraum“ begeben. Ein eigens dafür neu gestaltetes Buch ist die Grundlage, um – verbunden mit Kopfhörern – den Weg zwischen die Seiten des Buches und damit zur eigenen Fantasie, zu Träumen, zu Erinnerungen zu finden.

Eine Reise, auf die man sich einlassen können muss …
Die Arbeit für ein kleines Publikum und für die individuelle Rezeption ist eine neue Entwicklung im Theaterbereich. Das Erlebnis des Theaterbesuchs für das Individuum auf diese Weise noch intensiver zu machen, zeigt eine ganz andere Wirkung, als wenn hier auf der Bühne etwas passiert und dort die Menschen im Zuschauerraum das Werk nur rezipieren. Wir zeigen im Rahmen des Festivals auch Produktionen für vier und fünf Besucher. Auf diese Weise kann man Menschen viel besser erreichen und das ist wichtig für die Transformation der Gesellschaft. Wie kann ich Prozesse mitgestalten? Welche Aufgabe hat dabei das Theater? Wir müssen nach neuen Wegen suchen, um den gesellschaftlichen Diskurs besser zu gestalten. Solch kleine Formate bieten ganz andere Möglichkeiten zum Austausch, auch wenn es damit schwer wird, ökonomische Kennziffern zu erfüllen, wodurch wiederum eine Sensibilität entwickelt werden muss, wie Politik künftig Kultur fördert. Aber auf jeden Fall müssen wir den Mut haben, Neues auszuprobieren – und diesen Weg gehen wir auch mit unserem Festival. | Fragen: Tina Heinz

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