Nichts Halbes und nichts Ganzes

Wie die Sachsen so sind oder die Leute von der Küste, dafür finden wir leicht Charakterisierungen. Auch Berliner Eigenheiten sind bekannt, solche von Menschen aus entfernten Ländern ohnehin. Die einen haben solche Marotten, andere wiederum andere. Wie steht es jedoch um die Art der
Magdeburger? Welche liebenswerten oder seltsamen Züge beschreibt die Spezies entlang der Elbkilometer 318 bis 335 am besten? Eine Forschungsreise. | Von Thomas Wischnewski

Den Magdeburger als solchen gibt es ja nicht, genauso wenig wie den Deutschen oder irgendjemanden mit anderen Wurzeln. Dennoch erfreuen wir uns daran, regionale Besonderheiten eines Menschenschlagesherauszuarbeiten und sie als Klischees zu pflegen. Für uns Hiesige ist die Spurensuche schwierig. Wo wollte man damit beginnen?

Mit einem Blick in die Magdeburger Geschichte verliert sich die Kontinuität im Mai 1631, als die Siedlung am Elbstrom fast vollständig zerstört wurde. Ein Jahr danach soll eine Zählung der Schweden noch 449 Leute ergeben haben. Das reicht kaum, um da-raus geschichtsträchtige Merkmale der Magdeburger abzuleiten. Aufschlussreicher ist vielleicht die spätere Entwicklung. Und da hilft ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung: 1685 nach dem Potsdamer Edikt kamen etwa 15.000 hugenottische Glaubensflüchtlinge nach Brandenburg-Preußen. Das entvölkerte Magdeburg war nach Berlin und Potsdam ein Schwerpunktort der Einwanderung. Die Einwohnerzahl schnellte von 1683 bis 1685 von 5.000 auf 13.000 in die Höhe. Der nächste große Bevölkerungszuwachs begann mit der Industrialisierung. Von 1816 bis 1880 stiegt die Einwohnerzahl von 28.000 auf 97.500. Als damals preußische Festung beherbergte die Stadt zeitweise mehr Militärs als Zivilisten. Später, in nur fünf Jahren, von 1885 bis 1890, verdoppelte sich die Einwohnerzahl von 114.000 auf über 200.000. Die Spitze des Bevölkerungswachstums erreichte Magdeburg 1940 mit 346.600 Menschen.

Die Stadt kann über viele Jahrzehnte lang als ein Schmelztiegel für Dialekte, regionale Prägungen und Traditionen begriffen werden. Dass dieser Aspekt vielleicht heute noch ein wenig schimmert, könnte man vermuten. Jedenfalls wird uns Magdeburgern gern unterstellt, Gäste nicht gleich mit offenen Armen und einem breiten Lächeln im Gesicht zu empfangen. Lobeshymnen auf die eigene Stadt und ihre Entwicklung werden oft mit Zurückhaltung geträllert. Wir kennen unser höchstes Loblied hierzulande gut: „Da kannste nich meckern.“ Dabei – und das ist fatal – hätten wir Magdeburger doch viele Gründe, die Brust stolz geschwellt zu tragen. Schließlich haben die Menschen hier jederzeit etwas aus einem Vakuum gemacht. Otto von Guericke die Luftpumpe und die Bürger bauten ihre Stadt nach jeder Zerstörung wieder ganz neu auf. Auf den Wunden der Vergangenheit ist die nun entstandene Stadt errichtet. Da gibt es spannende, abwechslungsreiche Sichtachsen und Verbindendes als auch Abgrenzendes zwischen Historie und Moderne. Geschmäcker sind verschieden und so reiben sich Magdeburger oft an neuen Vorhaben. Vielleicht sind das sogar atmosphärische Nachwehen gegenüber den einschneidenden Verlusten durch Krieg und Mangelwirtschaft. Man könnte daraus eine gewisse Sehnsucht nach Beständigkeit ableiten. Endlich sollte die einprägsame Silhouette die sachsen-anhaltische Landeshauptstadt prägen. Man möchte gern einmal fertig sein, obwohl man doch weiß, dass es so etwas nicht gibt.

Auch der Blick auf die soziale und kulturelle Genese ist hilfreich: Über 150 Jahre lang bildeten vor allem Arbeiter den Hauptanteil der Magdeburger Bevölkerung. Die Tätigkeiten waren schnell erlernbar und erforderten keine höhere Bildung. Überhaupt brachte die Stadt Ottos des Großen im Vergleich zu anderen kulturhistorisch bedeutsamen deutschen Städten seit dem Mittelalter nur einen geringeren Anteil an Bildungsbürgertum hervor. Herausragende, überregional bekannte Persönlichkeiten mit Magdeburger Wurzeln waren dann eher die Industriegründer. Die Schar intellektueller Geister mit nationaler oder gar europäischer Strahlkraft war eher klein..

Heute existiert eine ganz andere soziale und geis-tig-kulturelle Vielfalt. In der vorhandenen – wenn auch geschrumpften – Industrie sind hochqualifizierte Mitarbeiter tätig. Der Anteil der Akademiker ist nach oben geschnellt. Allerdings darf man demografische Aspekte für das Fassen einer Magdeburger Stimmung nicht ausklammern. Der Altersdurchschnitt der Stadt liegt bei rund 45 Jahren. Der zahlenmäßige Überhang erfahrener Menschen hat gewiss Auswirkungen auf die Verbreitung von skeptischen Meinungen und auf die Lust auf weniger Veränderung und strahlt möglicherweise auf nachwachsende Generationen aus.

Beim Fußball fallen die Magdeburger Fans jedoch aus allen Rahmen, die dem Leuteschlag sonst so angedichtet werden. Ein schlimmer Gedankengang wäre, die Liebe zum 1. FCM wäre eine Art emotionaler Ersatz, weil die Stadt sonst wenig zu bieten hätte. Doch das ist Unsinn. Natürlich finden sich in der Landeshauptstadt alle möglichen Herzensbekundungen, genauso, wie diesen manche Meckerei entgegen winkt. Ich kenne übrigens eine Menge gebürtige Magdeburger, die ausgezogen sind, um anderenorts ihr Glück zu suchen. Ja, sie haben der Stadt wahrscheinlich aus Mangel an Chancen den Rücken gekehrt, insbesondere nach 1990. Aber da, wo sie jetzt wirken, sind Magdeburger als offenherzige und freundliche Leute bekannt. Mir gegenüber wurden solche in Hamburg, Köln, Düsseldorf oder München häufiger positiver beschrieben als manch andere deutsche Landsleute. Magdeburger sind eben ein unfertiges Völkchen, nichts Halbes und nichts Ganzes, gern mal am Nörgeln und dann wieder herzerfrischend sentimental, eigentlich unbeschreiblich, so wie jede größere Menschengruppe niemals in eine kleine Beschreibung gepresst werden kann. Wenn schon, dann sind die Magdeburger vielleicht eine Art Wunderwandler, die noch in jedem Jahrhundert anders hervortraten als ihre Vorfahren zuvor.

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