Nur ein Gläschen – Der 1. FC Magdeburg wird am 22. Dezember 55 Jahre alt.

Der 1. FC Magdeburg wird am 22. Dezember 55 Jahre alt. Er war der erste reine Fußballclub der DDR. Im Verein will man das Jubiläum jedoch nicht größer begehen. Um die Gründung ranken sich dennoch interessante Geschichten. | Von Rudi Bartlitz

folgt uns für weitere News

Es mag stets Gründe geben, ein Jubiläum nicht ausgiebig zu würdigen oder es gar festlich zu begehen. Das kann zum einen daran liegen, dass es sich nach Ansicht der Betroffenen um keinen „richtig runden“ Geburtstag handelt. Es kann zum anderen aber auch sein, dass sich der Jubilar gerade nicht in Feierstimmung befindet. Beim 1. FC Magdeburg – bei dem sich am 22. Dezember zum 55. Mal der Tag jährt, an dem der Club aus der Taufe gehoben wurde – scheint beides zuzutreffen.

Als sich an jenem Dezemberabend 1965 Abgesandte des SC Magdeburg und dessen Sektion Fußball (selbstverständlich in Anwesenheit von Würdenträgern diverser staatlicher und Parteileitungen) im kleinen Saal des Ernst-Thälmann-Kulturhauses, des heutigen AMO, trafen, herrschte dort eine etwas zwiespältige Stimmung. Komisch allein schon, dass die Initiative für die Zusammenkunft gar nicht aus den eigenen Reihen gekommen war (das hätte bei dem Anliegen ohnehin niemand gewagt), sondern quasi aus Berlin. Denn dort hatte die DDR-Führung zuvor festgelegt, dass die Fußballabteilungen aus zehn bestehenden Gemeinschaften, in denen die olympischen Sportarten dominierten, herausgetrennt und zu eigenständigen Klubs werden sollten.

Das kam durchaus einer Revolution im DDR-Fußball gleich. Und so mischte sich ins Thälmann-Haus, bei aller Fremdbestimmtheit aus Berlin, ebenso Aufbruchsstimmung. Denn mit der „Bildung eines eigenen Leistungszentrums im Bezirk Magdeburg“, wie es hieß, verbanden sich durchaus Hoffnungen für einen Aufschwung des hiesigen Fußballs. In den Sportklubs hatten sich die Kicker bis dato zwischen all den Leichtathleten, Schwimmern und Ruderern benachteiligt gefühlt. Ihr Groll richtete sich unter anderem gegen staatlich verordnete, eindimensionale Trainingspläne, die keinen Unterschied zwischen den Sportarten machten. Hans Meyer, der spätere Bundesliga-Trainer, sagte einmal: „Hätte ich unter der Woche nach den Vorgaben trainieren lassen, hätte am Wochenende niemand mehr laufen können.“ Mehr Eigenständigkeit, mehr Finanzen, mehr professionelle Strukturen – so lauteten jedenfalls die Hoffnungen, auch beim nunmehr neuen 1. FC Magdeburg.

Im Spätsommer 1965 waren solche Erwartungen aber noch weitgehend Wunschdenken. Nicht nur in Magdeburg. Der Fußball bereitete der politischen Führung Sorgen. Die Nationalmannschaft hatte die Qualifikation für die WM 66 in England verpasst und in den Europapokal-Wettbewerben scheiterten die ostdeutschen Vertreter früh. Lange war das kein Problem gewesen. „Fußball hatte in den Verbänden oder der Partei kaum Fürsprecher. Entscheidende Personen wie Walter Ulbricht oder Manfred Ewald (allmächtiger Chef des Sportdachverbandes DTSB, d. Red.) interessierten sich wenig, weil dieser Sport aus olympischer Sicht nicht medaillenträchtig war“, sagt der Sporthistoriker Hanns Leske, der sich ausgiebig mit dem DDR-Kickerwesen befasste.
Fußball war jedoch ein Werkzeug, um das Volk zu erreichen. Das wussten sie selbst im SED-Politbüro. Ein beliebter Sport – beinahe zu beliebt. Westfernsehen war zwar verboten, im Osten guckte man trotzdem Bundesliga, die 1963 gestartet worden war. Da-rauf wollte die Staatsführung reagieren, zumal zwei Großereignisse nahten: die Olympischen Spiele 1972 und die Fußball-WM 1974. Beides ausgerechnet auf dem Boden des Klassenfeindes. Für eine konkurrenzfähige Nationalmannschaft brauchte man ein höheres Niveau im Ligabetrieb. Und das wiederum ging nicht ohne stärkere Klubs.
Gut gesagt und sicher nicht falsch gedacht. Aber in Magdeburg sah die Realität anfangs anders aus. Statt des von der SED geforderten Aufschwungs ging es erst einmal mit vollem Karacho in die Gegenrichtung. Der Super-Gau: Ein halbes Jahr nach der Clubgründung fand man sich als Tabellenletzter plötzlich in der verschmähten DDR-Liga, der zweithöchsten Klasse, wieder. Dabei war an jenem Dezembertag 65 doch alles scheinbar so glattgelaufen. Die Direktive aus Berlin (Klubgründung unbedingt noch vor Jahresfrist) war hundertprozentig erfüllt. Mehr noch: Magdeburg besaß den ersten reinen Fußballklub der DDR (nur Rostock schaffte es, die Ausgliederung noch vor Jahresende zu vollziehen). Ein neuer Name war gefunden, der auch bei den Oberen Gnade fand. Denn „1. FC“, argwöhnten Linientreue, das erinnere sehr an Westvereine. „Ja“, sagt Bernd Tiedge, heute Leiter des Arbeitskreises Traditionspflege bei den Blau-Weißen (der damals bei den FCM-Junioren kickte), „ein wenig stolz waren wir auf den Namen schon. Das klang irgendwie nach Bundesliga.“ Andere bekundeten im Club-Namen die Nähe zu ihren „Trägerbetrieben“, wo die meisten Akteure formell angestellt waren, oder zur Region (HFC Chemie, Carl Zeiss Jena, Energie Cottbus, 1. FC Lok Leipzig, Hansa Rostock). FC Stahl oder FC Börde hätten in Magdeburg also durchaus nahegelegen …

Relativ schnell gefunden war das bis heute unveränderte Club-Emblem; selbst wenn zunächst eine symbolisierte blau-weiße Fahne ebenso im Gespräch gewesen sein soll. Die Crux: Sie hätte wahrscheinlich zu sehr an das Banner von Hertha BSC erinnert, des offiziell ungeliebten Vereins aus der Frontstadt. Apropos Blau-Weiß. Bis heute ist weitgehend unklar, wie die Gründungsväter gerade auf diese Farbkombination kamen. Recherchen dieser Zeitung stießen bisher jedenfalls ins Leere. Überzeugende historische Analogien für Blau-Weiß, das bis heute in den Club-Liedern und Slogans („Einmal blau-weiß, immer blau-weiß“) geradezu hymnisch besungen wird, scheinen nicht zu existieren. Und im neuen, 2020 eröffneten FCM-Traditionskabinett findet sich laut Tiedge in all den Unterlagen ebenso kein Hinweis auf die Herkunft oder die Bedeutung der Club-Farben.

Bekannt ist vielmehr, dass die FCM-Vorgänger SC Aufbau und SC Magdeburg oft in den Stadtfarben Grün-Rot in die Stadien der Republik einliefen. Eine mögliche Erklärung könnte also sein: Nach der Herauslösung der Fußballer aus dem SC Magdeburg beharrten die damals erfolgreicheren SCM-Handballer darauf, weiter in Grün-Rot auflaufen zu können. Also mussten sich die „Abtrünnigen“, auch um ihre Eigenständigkeit zu manifestieren, eigene Farben zulegen. Vielleicht hat einer dann einfach nur gesagt: „Nehmen wir eben Blau-Weiß. Das wäscht sich gut …“

Weil wir gerade bei lustig sind: Recht eigentümlich gestaltete sich irgendwann zu Beginn des neuen Jahrtausends – zu einer Phase, als auch der heutige Oberbürgermeister Lutz Trümper einige Zeit das Club-Präsidentenamt innehatte – die Suche nach einem eigenen FCM-Maskottchen. Weil, meinten damalige Macher, jeder Club, der etwas auf sich hält, so etwas haben sollte. Also kam man nach eingehender Suche und genauer Güterabwägung auf den – Luchs. Warum gerade er, das wiederum wusste keiner so genau zu sagen; einige meinten zu wissen, wegen der dem Tier nachgesagten Geschmeidigkeit und Angriffslust. Als für das possierliche Tierchen ein treffender Name gesucht wurde und man nicht so recht vorankam, schrieb ein Fan ans Lokalblatt: „Nennt ihn doch einfach Luchs Trümper.“ Spätestens zu dem Zeitpunkt, als der Verein ein „Modell“ des künftigen Wappentieres der Öffentlichkeit präsentierte, ahnte jeder: Das war es dann endgültig. Das Maskottchen in spe ähnelte eher einem aus Versehen in die Backröhre geratenen und darin angeschmorten Kater als einem vor Kraft trotzenden Luchs. Fortan gab es kein Lebenszeichen mehr von ihm.

Um die Clubgründung rankt sich noch ein weiteres kleines Geheimnis. Immer wieder kamen in der Vergangenheit Zweifel auf, ob das mit dem Gründungstag 22. Dezember seine Richtigkeit habe. Einige Zeitzeugen wollen sogar wissen, dass es bereits am selben Tag, also dem 22., eine Nachricht in der „Volksstimme“ gegeben habe, die die Gründung des FCM verkündete. Demzufolge müsste die Veranstaltung bereits am 21. Dezember stattgefunden haben – oder es war, kleiner Scherz, vorauseilender Gehorsam der Redakteure. „Wir wissen es einfach nicht“, sagt FCM-Historiker Tiedge. „Eine Urkunde, die den tatsächlichen Geburtstag des 1. FC Magdeburg dokumentarisch belegt, ist jedenfalls nirgends auffindbar.“ Der Verein erklärte deshalb salomonisch, den 22. Dezember als Gründungstag festzuhalten.

Dass sich mit den neuen Clubs nach einiger Anlaufzeit Erfolge einstellten, war unübersehbar. Es begann die rosigste Zeit des DDR-Fußballs: die besten Spieler in den neuen Leistungszentren konzentriert, die aussichtsreichsten Talente dorthin „delegiert“, man genoss mehr Freiheiten als früher, es gab eine in Ansätzen unabhängige Bezahlung, eigene Trainingspläne. Die Erfolge: Bei Olympia 1972 in München holte die DDR Bronze, vier Jahre später in Montreal sogar Gold. Und 1974 gewann der 1. FC Magdeburg, wichtiger noch, weil gegen Profiteams errungen, den Europapokal der Pokalsieger im Finale gegen den AC Mailand. Der einzige internationale Titel für eine Klubmannschaft aus dem Osten. Im selben Jahr kam es zum einzigen Duell der beiden deutschen Staaten: In der WM-Vorrunde gewann die DDR 1:0 gegen die Bundesrepublik, Torschütze: Jürgen Sparwasser. Ein historischer Sieg.

Die Clubgründung leitete auch in Magdeburg, wenngleich mit einiger Verzögerung, einen Aufschwung ein. An der Elbe hatte Heinz Krügel nach dem Abstieg im Sommer 1966 das Traineramt übernommen. Was danach kam, waren die viel gepriesenen „goldenen Jahre“ des FCM. Krügel, der ein Team ausnahmslos aus Talenten des früheren Bezirkes Magdeburg aufbaute, wurde hier zum erfolgreichsten Klubtrainer der DDR: Mit den Blau-Weißen gewann er drei Meisterschaften und zwei Mal den FDGB-Pokal sowie eben als Krönung den Europacup der Pokalsieger. Tiedge ergänzt: „Auch im Nachwuchs wurde eine Erfolgsserie hingelegt. Davon künden mehrere DDR-Meistertitel bei den Junioren.“

Was dann 1976 mit Krügel geschah, gehört zu den schwärzesten Kapiteln der 55-jährigen Clubgeschichte. Krügel wurde kaltgestellt. Von einem Tag auf den anderen. Weil er sich nach Europacup-Sieg, Meisterschaften und Pokalsiegen nicht mehr von Partei- oder Verbandsfunktionären in seine Arbeit reinreden lassen wollte. 1976 wurde der unbequeme Krügel von seinen Aufgaben entbunden und lebenslang gesperrt. Begründung: Er hätte die Entwicklung der Olympiakader des FCM ungenügend gefördert. Nach seinem Rauswurf war er als Objektleiter bei der BSG Motor Mitte Magdeburg zuständig – für vier Reinigungskräfte, drei Platzarbeiter und einen Hausmeister. Erst im Frühjahr 1990 wurde er rehabilitiert.

Was sich mit Abschluss der Ära Krügel bereits angedeutet hatte, wurde in den Folgejahren immer offensichtlicher: Der FCM bewegte sich in permanenten Wellen, vollführte eine – wenn man es übertrieben ausdrücken will – über fünf Jahrzehnte währende Berg-und-Talfahrt. Nach dem Oberliga-Abstieg 1966 und den „goldenen Siebzigern“ folgte zur Wende ein weiterer absoluter Tiefpunkt, nachdem man – wieder kurzes Aufflackern nach oben – 1990 nur knapp die Meisterschaft verpasst hatte. Im folgenden Schicksalsjahr des Ostfußballs, in dem über die Zugehörigkeit zur ersten und zweiten Bundesliga entschieden wurde, dann der Einbruch: nur Rang zehn. Auch in der anschließenden Qualifikation für weitere zwei Plätze in Liga zwei scheiterte man.

Und es hätte noch schlimmer kommen können. „In der Wendezeit war einfach kein Geld mehr da“, erzählt Tiedge, der zu jener Zeit in der Clubleitung arbeitete. „Hätten wir nicht Uwe Rösler für 1,2 Millionen DM an Dresden verkauft, wäre die Saison nicht finanzierbar gewesen.“ Am Abstieg des FCM in die Diaspora des Amateurfußballs änderte das langfristig nichts. Der Topf dieses einst so stolzen Vereins kochte von nun an fast ein Vierteljahrhundert auf absoluter Sparflamme. Selbst eine Insolvenz wurde nicht ausgelassen. Im Juni 2002 war der FCM wirtschaftlich am Ende, die Mannschaft einfach zu teuer. Auf stolze 8,455 Millionen Euro beliefen sich laut Tiedge die Forderungen der 80 Gläubiger. Dennoch gelang es, das Schlimmste abzuwenden, das verjüngte Team machte in der vierthöchsten Spielklasse, der Oberliga, weiter. „Bereits zu jener Zeit schmiedeten Optimisten Pläne“, berichtet Tiedge, der nach der Insolvenz zwischen 2002 und 2003 als sogenannter Notpräsident fungierte, „binnen acht Jahren in die zweite Liga aufzusteigen.” Das wäre sogar vorfristig 2007 – Anmerkung: wieder ein kleines Wellenhoch – fast gelungen, wäre da nicht im endscheidenden Spiel daheim gegen St. Pauli ein Remis dazwischengekommen.
Es sollte noch einmal lange acht Jahre dauern, bis der FCM (unter Geschäftsführer Mario Kallnik und Trainer Jens Härtel) zum nächsten Gipfelsturm ansetzte, der ihn in einer Art Parforce-Ritt zunächst in die dritte Liga (2015) und drei Jahre später sogar für eine Saison in die zweite Bundesliga führte. Seither heißt es wieder: Hui, anschnallen bitte, es geht erneut bergab! Das zweite Jahr in Folge müht man sich mittlerweile vergebens, den Abgründen der dritten Liga zu entkommen. Diese allgemeine Gemengelage (plus Corona natürlich) dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass man am Krügel-Platz derzeit wenig Lust verspürt, am 22. Dezember auf die Geschichte des Traditionsklubs laut anzustoßen, die Trinkbecher an die Wand zu schmettern. Erst der 60. Geburtstag, so wurde dieser Zeitung bedeutet, „wird wieder offiziell begangen.“ Nichtsdestotrotz halten die Fans, die der Club seit langem in der gesamten Republik besitzt, am leicht verballhornten alten Loriot-Bonmot fest: Ein Leben ohne den FCM ist zwar denkbar, aber sinnlos. Zumindest darauf ein Gläschen!