Samstag, Oktober 16, 2021
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Wo Menschen mit Down-Syndrom die wahren Stars sind: In der Magdeburger Gieseler-Halle erlebte das nur für sie geschaffene traditionelle Sportfest nach einjähriger Pause eine Neuauflage. | Von Rudi Bartlitz

Es ist schon einige Zeit ins Land gegangen, seit in der ehrwürdigen Magdeburger Gieseler-Halle letztmals die deutsche Nationalhymne erklang. Am Wochenende war es wieder einmal so weit. Der Anlass: das traditionelle Sportfest für Menschen mit Down-Syndrom. Eine Veranstaltung, die für die Teilnehmer bewusst einen kleinen Hauch von Olympia herbeizaubern will. Mit dem Einmarsch der Aktiven, mit Begrüßungsreden, mit der feierlichen Eröffnung, und eben mit Hoffmann von Fallerslebens Lied der Deutschen – live gesungen übrigens.

Es waren zu Herzen gehende Szenen, als einige Teilnehmer, die Hand ganz nach Stars-and-Stripes-Manier fest ans Herz gepresst, laut mitsangen. Bei einigen rannen sogar Tränen. Und es passte ins Bild, dass mit dem früheren Magdeburger Ruderer Andre Willms ein zweifacher Olympiasieger als Erster das Wort an die Teilnehmer richtete. „Wir wollen zeigen“, erklärte er, „dass auch wir uns nicht von Corona unterkriegen lassen. Was die Fußballer mit der Rückkehr in die Stadien konnten, das können wir auch.“

Und wie die knapp 100 Teilnehmer, die aus vielen Teilen Deutschlands gekommen waren, es konnten! Gleich beim ersten Wettbewerb, einer Pendelstaffel, ging es hoch her. „Ich bin der Schnellste“, rief Nils dem Hallensprecher ebenso laut wie überzeugt ins Mikrofon. „Ich gewinne. So wie der aus Afrika.“ Wie sich später herausstellte, meinte er wohl Jamaikas Sprint-Ikone Usain Bolt. Oder Clemens. Der junge Mann mit der Startnummer 35 war derart von der Staffel begeistert, dass er nicht nur seinen Part lief, sondern den Parcours gar nicht wieder verlassen wollte und die anderen Starter im gemächlichen Tempo auf deren Runden begleitete. Da ließ er sich von keinem Ordner beirren.

Auch bei den anderen Disziplinen, ob nun Weitsprung, Medizinballwerfen und Hindernis-Slalom, beim Basketball, beim Mini-Golf oder bei den Workshops im Tanzen und im Trommeln („Drums Alive“) – die Begeisterung war einfach überschäumend. Auch wenn natürlich generell im Sport in vielen Formen eine Inklusion angestrebt werde, sagte einer der Veranstalter, „dieses Event ist ausschließlich für Menschen mit Down-Syndrom da, hier stehen einmal nur sie im Mittelpunkt, sind sozusagen die Stars. Das spüren sie ganz genau.“ Es gibt wohl nur ganz wenige Sportveranstaltungen in Deutschland, die von den Teilnehmern mit ihrer besonderen Art derart auf bezaubernde Weise bereichert werden. Bei denen so viele lachende Gesichter und schier überbordende Freude zu sehen sind. Glück kennt, das wird hier offensichtlich, keine Behinderung. Enttäuschungen über schlechte Platzierungen oder Niederlagen? Fehlanzeige.

„Verlierer gibt es bei uns nicht“, versicherte der Geschäftsführer des Stadtsportbundes (SSB), Jörg Bremer, dann auch im Kompakt-Gespräch. „Dementsprechend lautet unser Motto: Sieger ist hier jeder.“ Seit 2004 wird die Veranstaltung in Magdeburg durchgeführt. Neben Frankfurt/Main ist sie eines von zwei zentralen Sportfesten in Deutschland, die sich ausschließlich an Menschen mit Down-Syndrom wenden. Zum neunten Mal hat der SSB den Hut dafür auf. Unterstützt wird er unter anderem vom Kneipp-Verein, dem Verein für Versehrtensport, dem Förderverein für Sportler mit Down-Syndrom und dem Apothekerverband. Bremer: „Natürlich freuen wir uns ebenso über die Hilfe zahlreicher Sponsoren wie Lotto-Toto, der Stadt oder der Sparkasse. Ohne sie und ohne Kleinsponsoren wie beispielsweise Pflanzen-Richter oder den Obsthof Hornemann wäre eine solche Veranstaltung nicht denkbar.“

Angetan vom Magdeburger Trubel war der Vorstandsvorsitzende des Landessportbundes, Tobias Knoch, der die gut vierstündigen Wettbewerbe in und vor der Gieseler-Halle live miterlebte. „Was in Magdeburg organisiert wird, ist etwas ganz Besonderes. Was hier für Behinderte getan wird, geht weit über den Sport hinaus. Das hat auch ganz wichtige soziale Aspekte. Denn es muss für unsere Gesellschaft normal sein, Behinderte immer besser in den Sport zu integrieren. Deshalb ist es für uns als Landessportbund selbstverständlich, präsent zu sein.“

Nachdem das Down-Sportfest 2020 der Pandemie zum Opfer gefallen war, sahen es die Veranstalter als sehr wichtig an, unterstreicht Bremer, die Wettbewerbe in diesem Jahr auf jedem Fall durchzuführen. „Wir wollen, soweit es die Situation erlaubt, zur Normalität zurück. Den Sportlern ihr Fest zurückgeben.“ Zwar sei die Zahl der Teilnehmer (die Jüngste konnte noch gar nicht richtig laufen, die Älteste war 56) und der Wettbewerb in diesem Jahr ein wenig „entschlackt“ worden, um eine zu hohe Kontaktdichte zu vermeiden. Dennoch seien etwa 250 Menschen, darunter auch Betreuer, Eltern, Geschwister und Verwandte der „Olympioniken“ – die alle in einheitlichen grünen T-Shirts antraten, versehen mit eigener Startnummer und dem Namen – dem Ruf nach Magdeburg gefolgt. Vielleicht vermag ein abgewandelter Spruch am besten den Geist dieses Tages versinnbildlichen: down war am Ende keiner.

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