Samstag, Oktober 16, 2021
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Pars pro toto

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Der Iwan konnte seine Knarre in den Dreck hauen, dann hat er sie wieder aufgenommen und hat weiter geschossen.“ So und ähnlich kam es mitunter in Erzählungen überlebender Frontsoldaten vor, denen ich als kleiner Junge nach dem zweiten Weltkrieg aufmerksam lauschte. Der Iwan, ja, so nannten sie an der Ostfront die gegnerischen sowjetischen Soldaten. Und für die Sowjets waren die Deutschen die Fritzen. (Nebenbei: Betont wurde von den Deutschen die erste Silbe dieses russischen Vornamens, also Iwan, während die übliche Aussprache des Namens mit der Betonung auf der zweiten Silbe liegt, also Iwan.)

Ohne weitere Gedanken könnte man nun schlussfolgern, dass alle Russen, zumindest die männlichen, Iwan heißen, und die Deutschen nennen sich alle Fritz. Wir wissen, dass dem natürlich nicht so ist. Die Darstellungsweise, mit der wir es hier zu tun haben, wird in der Sprachwissenschaft „pars pro toto“ genannt. „Pars pro toto“ bedeutet, dass ein Teil für das Ganze steht. Also der Name Iwan stand als Bezeichnung für alle sowjetischen Soldaten, und umgekehrt, auf der sowjetischen Seite, war Fritz stellvertretend die pauschale Bezeichnung für die deutschen Wehrmachtsangehörigen.

Pars pro toto wird als sprachliches Stilmittel eingesetzt. Vielleicht haben Sie auch schon Romane gelesen, in denen so Ähnliches stand wie: „Die Lederjacke auf der anderen Straßenseite gab sich ganz unauffällig, beobachtete jedoch aufmerksam jede der Bewegungen der Menschenmenge …“. Selbstverständlich hat eine Lederjacke keine Augen und kann nicht beobachten, aber ihr Träger, der war ja der schon an einer vorausgegangenen Stelle erwähnte und kurz beschriebene Spion. Der Verfasser des Romans bemüht sich mit diesem Stilmittel, auf die Wiederholung des Wortes „Spion“ zu verzichten, und führt zur Benennung der Person ein äußerliches Merkmal, eben das Kleidungsstück Lederjacke, an.

Pars pro toto ist auch in unserem Alltag gar nicht so selten. „Unser täglich Brot gib uns heute …“, heißt es im Gebet der gläubigen Christen. In Ihrer Fantasie, liebe Leserinnen und Leser, können Sie sich ausmalen, was außer dem Brot noch gemeint ist und was die Menschen zu ihrer Ernährung alles benötigen. Wenn Sie hören, dass es 1948 zur Währungsreform in Westdeutschland pro Kopf 40 Mark der neuen DM-Währung gab, dann ist „pro Kopf“ der pars-pro-toto-Ausdruck, denn gemeint ist damit jede Person; ein Kopf allein ist nicht lebensfähig. Sollte Sie Ihr Vorgesetzter zu einem Gespräch „unter vier Augen“ rufen, dann werden Sie mit Ihrer ganzen Person, eben nicht nur mit den Augen, voller Aufmerksamkeit in seinem Zimmer sitzen. Vielleicht müssen Sie auch einmal Ihren pubertierenden Sprössling zur Ordnung rufen: „Du machst, was ich will, solange deine Füße unter unserem Tisch sind!“, d. h. solange du in meinem Haus wohnst. „deine Füße“, das steht für deine ganze Person. Und mit „unserem Tisch“ ist sicherlich auch gemeint, dass du ein Zimmer mit Bett in dem Haus hast, du gut beköstigt wirst und deine Mutter wahrscheinlich auch deine Wäsche wäscht. Wissen Sie, was Fit ist? Nichts gegen die Qualität dieses Geschirrspülmittels, aber ertappen Sie sich nicht auch manchmal dabei, dass Sie „Fit“ sagen, wenn einfach nur von einem Spülmittel die Rede ist? Meine Mutter nannte jedes Küchenmesser mit einer kurzen Klinge, mit dem man z. B. Kartoffeln schälen oder Möhren schnippeln kann, ein „Zwillingsmesser”“. Zwilling war Inhaber einer Fabrik für Küchenmesser in Solingen, und er stellte die beschriebene Art von Küchenmesser in solchen Mengen und in solcher Qualität her, dass fast alle Hausfrauen Deutschlands zu seiner Zeit seinen Namen kannten und – pars pro toto – ihn auf diese Form von Messer übertrugen, auch wenn Konkurrenten sie nachahmten, oder, nach der Teilung Deutschlands, der Ostteil nicht mehr aus Solingen beliefert wurde.

Im Jahre 2005 stand in großen Lettern in manchen Zeitungen: „Wir sind Papst!“. Wir, du und ich, sind wir tatsächlich Papst? Es war Kardinal Ratzinger, ein Deutscher, der im Vatikan den Heiligen Stuhl übernahm. Und haben Sie schon mal die Sendung „Deutschland sucht den Superstar“, abgekürzt DSDS, im Fernsehen von RTL gesehen? Nein, das gefällt Ihnen nicht? Gehören Sie nicht zu Deutschland? Hier haben wir es mit dem Gegenteil von pars pro toto zu tun. Das sprachstilistische Ausdrucksmittel, um das es hier geht, nennen wir „totum pro parte“. Das bedeutet, dass das Ganze für einen Teil steht. Der Titel der Sendung DSDS soll suggerieren, dass alle Deutschen ganz erpicht und gespannt darauf sind, endlich die besten Sänger, Künstler, Entertainer usw. unseres Landes kennenzulernen; der Sender versucht dabei, ein Gemeinschaftsgefühl, ein Wir-Gefühl, zu schaffen. Totum-pro-parte-Ausdrücke sind auch besonders häufig bei der Berichterstattung über Sportereignisse anzutreffen: „Deutschland musste beim Kampf um die Europameisterschaften im Fußball ausscheiden.“

Gemeint sind hier natürlich nicht alle Bewohner unseres Landes, lediglich die im Spiel eingesetzten Fußballer der deutschen Nationalmannschaft und ihre Trainer haben eine Niederlage erlitten. Durch die Verwendung des totum pro parte wird an das Gefühl appelliert, das ganze Land müsse jetzt eine Niederlage verkraften.

Nehmen wir aber auch die positive Darstellung: „Deutschland holte bei den Olympischen Spielen der Neuzeit im Laufe der Jahre insgesamt 578 Goldmedaillen.“ Es waren natürlich die Sportler, die mit ihren riesengroßen Anstrengungen und mit viel Schweiß solche Leistungen erreichten. Beim Hörer, beim Zuschauer oder beim Leser möchte man mit dieser Ausdrucksweise ein Gefühl der Verbundenheit, der Verbundenheit der Bürger des Landes untereinander und natürlich auch mit den Athleten schaffen.

Am 27. September 2021 werden Sie in den Zeitungen lesen: „So hat Deutschland gewählt.“ Deutsche Kinder und solche Deutsche, die sich selbst von der Wahl ausgeschlossen haben, haben natürlich nicht gewählt. Also bedeutet der Satz, dass anstelle des Ganzen nur ein Teil, und da auch nur ein Teil der wahlberechtigten Bevölkerung, zur Wahlurne gegangen ist. Die Zeitungsüberschrift basiert auf dem Tatbestand der Darstellungsweise totum pro parte.

„Überall steckt der Amerikaner dahinter”, pflegte meine Schwiegermutter zu sagen, wenn böse Nachrichten gesendet wurden. „Der Amerikaner“, „Amerika“ – was ist damit bei uns fast immer gemeint? Die USA sind gemeint. Obwohl Amerika, dieser Doppelkontinent, auch noch Kanada, Mexiko, Brasilien usw. usf. umfasst. Die Bezeichnung des ganzen Kontinents muss also dafür herhalten, einen, wenn auch nicht kleinen, geografischen Teil zu benennen.

Selbst bei einer Gerichtsverhandlung, sei es ein Strafprozess oder eine Zivilsache, kann es passieren, dass totum pro parte angewandt wird. Im verkündeten Urteil heißt es: “Das Gericht ist zu der Überzeugung gelangt, dass …”. Die Frage ist: Wer ist das Gericht? Es ist vielleicht die Richterin, die, in ihrer Funktion als Einzelrichter der Verhandlung, ohne Schöffen und sonstige Beisitzer, ganz allein zu dieser Überzeugung gelangt ist, natürlich, und das sei auch zu ihren Gunsten gesagt, unter Abwägung aller be- und entlastenden Momente und unter Einhaltung der geltenden Gesetze.

Und wenn wir in unsere DDR-Vergangenheit zurückschauen. „Die Partei, die Partei, die hat immer recht.“, so hieß das Lied der Partei, gesungen mit einer einprägsamen Melodie. Waren es aber nicht doch einzelne Personen oder Personengruppen, die letztlich Entscheidungen für oder gegen etwas trafen? Totum pro parte!

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, etwas nachdenken, werden Sie weitere Beispiele von pars pro toto und totum pro parte finden können. Aktuell will die GdL (= Gewerkschaft der Lokomotivführer) die DB (Deutsche Bahn AG) durch Streiks zu Verhandlungen zwingen. Wenn dann GdL und DB am Verhandlungstisch sitzen, dann sind die Verhandlungsführer als pars pro toto tätig, bemüht, jeweils in ihren eigenen Reihen ein totum-pro-parte-Wir-Gefühl zu wahren.

Ihr Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer
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