Mittwoch, August 10, 2022
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Partizipien auf dem Vormarsch

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Herr Podzek war sehr geschickt. Er konnte Löcher in Kochtöpfen verschließen, Werkzeuge scharfschleifen, Schlüssel feilen und vieles andere mehr, was mit Gegenständen aus Metall verbunden war. Und für mich hatte er aus einem Stück Blech einen Schlittschuhkrickel angefertigt. Schlittschuhkrickel, das war damals unser Ausdruck für eine Art Schraubschlüssel, mit dem die Schlittschuhe an den Schuhen festgeschraubt wurden. Hackenreißer nannten wir die Schlittschuhe, deren hintere Klammern mit Dornen für das Eingreifen in den Absatz der Schuhe versehen waren. Wenn die zusätzlichen Lederriemen zur Sicherung nicht stabil genug waren, dann konnte der Schuhabsatz abreißen. Wir sprechen hier, liebe Leserin und lieber Leser, von einer Zeit, als es zwar keine so schönen Schlittschuhe wie jetzt, aber noch Winter mit Schnee und Eis gab, als Seen und Teiche noch von einer dicken Eisdecke überzogen wurden. Und an Herrn Podzek mussten wir eine Mark bezahlen, das war zu damaliger Zeit einiges Geld. Meine Mutter fragte ich: Warum wohnt denn Herr Podzek mit seiner Familie in einer Baracke? – Ja, Junge, das sind Flüchtlinge. – Sind wir auch Flüchtlinge? – Nein, wir wohnen schon immer hier.

Flüchtlinge, liebe Leserinnen und Leser, dieses Wort verstehen Sie. Aber wann haben Sie dieses Wort zum letzten Mal gelesen oder gehört? Es gibt noch den Weltflüchtlingstag, der am 20. Juni jeden Jahres begangen wird. Aber ansonsten? Spricht noch jemand von ‚Flüchtlingen‘? Selten, denn jetzt hören und lesen Sie fast nur noch von ‚Geflüchteten‘. Und damit sind wir bei den Partizipien der deutschen Sprache. Es gibt im Deutschen zwei Arten von Partizipien. Das sogenannte Partizip I (eins), auch Partizip der Gleichzeitigkeit, Partizip Präsens oder Partizip der Gegenwart genannt, treffen wir an in Sätzen wie: ‚Stehend verfolgen in der ukrainischen Kirche die Gläubigen den Gottesdienst.‘ ‚Die betrunkenen Fußballfans ziehen grölend durch die Innenstadt.‘ Wir erkennen, wie dieses Partizip I gebildet wird: Infinitiv des Verbs + d. In den beiden genannten Sätzen zeigt das Partizip I die Gleichzeitigkeit von zwei Handlungen an: Die Gläubigen stehen und verfolgen dabei den Gottesdienst; die Fans ziehen durch die Innenstadt und grölen dabei. Das Partizip II tritt viel, viel häufiger auf. Es ist die Form des Verbs, mit der wir die Vorvergangenheit, das sogenannte Perfekt oder Plusquamperfekt, zusammen mit den Hilfsverben ‚sein‘ und ‚haben‘ bilden. Sätze hierzu: ‚Er hat seine Frau geliebt und gehasst.‘ ‚Das Wildschwein war von der Kugel des Jägers getroffen.‘ ‚Der Mitarbeiter hatte einen groben Fehler begangen und wurde deshalb durch seinen Vorgesetzten gemaßregelt.‘ Nennen wir nochmals die hier aufgeführten Partizipien des Typs II, auch Partizipien des Perfekts oder der Vergangenheit genannt: geliebt, gehasst, getroffen, begangen, gemaßregelt. Jeder Deutsche versteht die Partizipien, weiß, wie sie gebildet werden und verwendet sie in seiner täglichen Umgangssprache, selbst wenn ihm das Wort ‚Partizip‘ nicht geläufig ist. Dieses Partizip als grammatische Kategorie ist also sehr produktiv, das heißt es wird sehr häufig gebraucht, nämlich um in der deutschen Sprache die sogenannten zusammengesetzten Zeiten und das Passiv zu bilden. Und die Partizipien beider Art können wie Adjektive verwendet und dekliniert werden: ‚Der Lehrer sah dem schreibenden Schüler über die Schulter zu.‘ ‚Mit einem Faustschlag brachte er den widerstrebenden Übeltäter zu Boden.‘ ‚Es gelang den Technikern, das zerborstene Rohr endlich durch ein neues zu ersetzen.‘ ‚Die zerrissenen Stasi-Dokumente sollten mittels einer Maschine wieder zusammengesetzt werden.‘

Wie schon erwähnt, kann das Partizip II (Partizip Perfekt) in manchen Fällen als Substantiv fungieren: der Erschossene, der Geflüchtete, der Verletzte, der Untergetauchte, der Ertrunkene, der Getaufte usw. Nochmal: abgeleitet sind sie von entsprechenden Verben. In früheren Grammatik-Lehrbüchern und in Wörterbüchern zur deutschen Sprache für Ausländer können Sie seitenlange Tabellen zur Darstellung der Verben finden: Infinitiv – Vergangenheitsform – Partizip II. Praktisch sieht dies so aus: sprechen – sprach – gesprochen, laufen – lief – gelaufen, braten – briet – gebraten, hus-ten – hustete – gehustet, spielen – spielte – gespielt usw. Nur nebenbei erwähnt: In der russischen Sprache gibt es vier Arten von Partizipien.

Der Ursprung des Wortes ‚Partizip‘ ist das lateinische Verb ‚participare‘ = teilhaben. Dieses Fremdwort hat in unserer Sprache schon umfangreich Eingang gefunden, und sei es manchmal auch nur, wenn Sie bei Ihrem Bankberater sitzen und er Ihnen anbietet, Anteile von diesem oder jenem Fonds zu kaufen, denn „schließlich sollen ja auch Sie beim Boom dieser Branche partizipieren“. In der deutschen Grammatik wird das Partizip häufig als ‚Mittelwort‘ bezeichnet. Man kann nicht genau sagen, ob es eher ein Verb oder doch mehr ein Adjektiv ist. Es steht so mehr in der Mitte, zunehmend sogar auch in der Nähe zum Substantiv. Denn von der äußeren Form bietet es sich an, das Partizip I wie ein Adjektiv (Eigenschaftswort) zur besseren Kennzeichnung des nachfolgenden Substantivs zu verwenden: ‚der lesende Arbeiter‘, ‚der schreibende Arbeiter‘ (beides Aktionen in der DDR, um die Werktätigen mehr an die Kultur heranzuführen), ‚der schauspielernde Sänger‘, ‚der sich verbessernde Dozent‘ usw.
Kehren wir aber wieder zu unseren Flüchtlingen zurück. Warum, so müssen wir uns fragen, ist dieses Wort bzw. der Gebrauch nicht mehr so recht zeitgemäß? Die Antwort ist einfach: wegen des Erfindens des Genderns! Gendern bedeutet ja, die Rolle der Frauen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben unserer Gesellschaft besser, sichtbarer, in unserer Sprache hervorzuheben. Und bilden Sie doch mal bitte von ‚Flüchtling‘ die weibliche Form! ‚Flüchtlingin‘ geht nicht, ein solches Wort finden Sie nicht im Duden und auch sonst nirgendwo. Aber das Partizip Perfekt des Verbs ‚flüchten‘ kennen Sie: ‚geflüchtet‘. Und dann mit großem Anfangsbuchstaben und in der Mehrzahl: ‚die Geflüchteten‘. Hierin sind Männer und Frauen, ja sogar die Kinder, mit eingeschlossen. ‚Die Geflüchteten aus der Ukraine‘, ‚weltweit über 100 Millionen Geflüchtete‘, und so weiter. Das Partizip II wird also zu einem selbstständigen Substantiv, geschrieben mit großem Anfangsbuchstaben. Medienvertreter und Politiker haben keine Sorgen mehr wegen des Genderns! Als noch niemand nur im Geringsten an das Gendern dachte, gab es schon das Partizip II als Substantiv: ‚der Erschossene‘, ‚die Verbände der Vertriebenen‘ (politisch in Westdeutschland), ‚die Gebrauchten‘ (Autos), ‚die Angemeierten waren wir‘ (wir fühlten uns hereingelegt), ‚der Gefangene‘ u. a.

Weiter oben haben wir versucht, die Rolle des Genderns in Bezug auf den Gebrauch des Partizips II zu beleuchten. Viel krasser, manchmal als erschreckend empfunden – jedenfalls durch die älteren Generationen –, ist jedoch die Verwendung des Partizips I in der Form eines Substantivs. Fangen wir mit den ‚Studierenden‘ an. Wenn Sie auf dem Bahnhof den Fahrplan der Züge studieren sollten, dann sind Sie noch lange kein ‚Studierender‘. ‚Studierende‘ hießen früher ‚Studenten‘ und ‚Studentinnen‘. In der Vorschrift einer Stadtverwaltung heißt es zur Benutzung der Wege und Straßen: „Die zu Fuß Gehenden haben die gekennzeichneten Überwege zu benutzen.“ Die Freunde wollen ganz einfach den bisherigen, bisher als normal empfundenen Ausdruck ‚Fußgänger‘ vermeiden. Inzwischen gibt es in der Arbeitswelt schon ‚Arbeitgebende‘ und ‚Arbeitnehmende‘.

Sind nun Partizipien also wie Adjektive oder Substantive zu behandeln? ‚Das schreiende Kind‘, ‚das wild schreiende Kind‘ – in beiden Fällen wird das Partizip I wie ein Adjektiv behandelt, bei ‚das wild schreiende Kind‘ wird das Partizip noch durch ein Adverb näher bestimmt. Adverb = ad-verb, das heißt zum Verb gehörend. Keine Probleme, Adjektive können durch Adverbien näher bestimmt werden. Adverbien sind in der Form her unveränderlich: ‚das laut schreiende Kind‘, ‚die sehr schöne Frau‘, ‚der schwer kranke Patient‘. Oder müsste hier nach Ihrer Meinung geschrieben werden: ‚der schwerkranke Patient‘? Beides soll möglich sein. Und wie ist es beim ‚schwer erkrankten Großvater‘? Lassen wir den ‚Großvater‘ weg: ‚der schwer Erkrankte‘. Ähnlich ‚der schwer Verletzte‘. Solche Konstruktionen werden Sie immer mehr finden. Dabei entsprechen sie nicht den „Regeln der deutschen Rechtschreibung“, denn, wie schon zwei Zeilen höher gesagt, gehört ein Adverb zum Verb oder zu einem Adjektiv, aber nicht zu einem Substantiv! Und ‚der Verletzte‘ ist eindeutig ein Substantiv. Die Schlussfolgerung wäre, in der Zukunft ‚der Schwerverletzte‘ zu schreiben. Und wenn die Sanitäter Mühe haben sollten, einen schweren Schwerverletzten auf die Trage zu legen, dann können Sie annehmen, dass er über 150 kg wiegt. Es gibt auch ‚marginal Beschäftigte‘. Grammatisch gesehen Adverb plus Substantiv, also bisher unmöglich. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, daran aber nichts Anstößiges finden, dann können wir dies als Zeichen der Akzeptanz werten und schlussfolgern, dass sich unsere Sprache zumindest in kleinen Schritten ändert.

Nun, liebe Leserin und lieber Leser, so wie das Leben komplizierter wird, so wird unsere schöne deutsche Sprache komplizierter. In der Zukunft werden Sie mehr und mehr von Mitarbeitenden, Geringverdienenden, Abgewanderten, Lehrenden, Einkaufenden, Hochbetagten, Schutzsuchenden, Angekommenen, Wohlhabenden, Inhaftierten, Verwahrten, Intensivversorgten, Unterrichtenden, Lesenden, Zuhörenden, Bahnfahrenden, Sporttreibenden usw. hören. Bleiben Sie aufmerksam, was unsere Sprache angeht. Wenn Sie kritisch sind, dann weisen Sie mit Recht darauf hin, dass die Überschrift ganz oben eigentlich lauten müsste: „Auf dem Vormarsch Substantive, die aus Partizipien abgeleitet sind.”
Dieter Mengwasser

Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

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