Patentierte Liegestühle und Schrankwände in Hochglanz

Ein Auszug aus der Geschichte der Möbelindustrie in Sachsen-Anhalt | von Heinz Möller

Das Jahr 1979 brachte für die Möbelindustrie der ehemaligen DDR eine den gesamten Industriezweig umfassende Kombinatsbildung (Zusammenschluss von Industriebetrieben eines Produktionszweiges zu einem Großbetrieb in sozialistischen Staaten). Gegründet wurden sieben Möbelkombinate, beruhend auf dem Territorialprinzip der Produktionsorganisation. Der VEB Möbelkombinat Dessau wurde am 1. Oktober 1979 mit 55 Betrieben gebildet und war damit ein mittelgroßes Kombinat. Es umfasste die ehemaligen Bezirke Halle und Magdeburg. Im Kombinat gab es mehrere territoriale Zentren. Der Harzer Raum war ein lose zusammenhängendes Zentrum von Möbelbetrieben, im Südharz befand sich ein weiteres Zentrum mit engen Kooperationsverflechtungen. Neben den beiden Räumen Dessau und Naumburg/Weißenfels existierten noch die Ballungsräume Magdeburg, Harzer Raum Wernigerode und Blankenburg sowie Stendal/Havelberg.

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Raum Dessau
Im Raum Dessau entstanden im 19. Jahrhundert mehrere Betriebe der Holz- und Möbelindus-trie mit einer Anzahl von je 100 bis 200 Mitarbeitern. Im Jahr 1857 wurde die Fa. Tuchmann & Sohn mit einem Dampfsägewerk gegründet, das mit über 100 Mitarbeitern arbeitete. Hier fertigte man Kisten, Gestelle und Leisten aus verschiedenen Holzarten aus Deutschland. Verkauft wurden die Erzeugnisse im Inland sowie in der Tschechoslowakei und Holland. Der Bezug von böhmischem Rundholz erwies sich nach einiger Zeit als unrentabel und wurde eingestellt. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus setzte der Arisierungsprozess ein, Juden verloren ihr Eigentum, jüdische Grundbesitzer wurden direkt verfolgt. Der Grundbesitz der Tuchmann & Co. o.H.G. unterlag im Nazireich dem Reichskommissar für die Behandlung feindlichen Vermögens. Am 7. Januar 1936 vollendeten die beteiligten Partner vor dem Anhaltischen Notar Dr. Hermann Riemeyer die Enteignung mit einem Vertrag über die Gründung der Gustav Märker & Co. mit Sitz in Dessau. Inhalt des Gesellschaftervertrages war der Betrieb des Dampfsäge- und Hobelwerkes, der Holzhandlung sowie Holzbearbeitung und der Kistenfabrik. Mit Gründungsdatum vom 10. Januar 1936 durch die beteiligten Partner Kaufmann Gustav Märker (wohnhaft in Mexiko), Kaufmann Otto Beel aus Berlin sowie Kaufmann Günther Wolff aus Köthen wurde die Firma Tuchmann & Sohn weitergeführt. Als Eigenkapital bringen Gustav Märker 210.000 Reichsmark, Otto Beel 40.000 Reichsmark und Günther Wolf 10.000 Reichsmark ein. Aus dem Jahr 1941 ist ein Schriftverkehr erhalten, der die Behandlung des Grundbesitzes an der Köthener Eisenbahn Kühnauer Straße zum Inhalt hatte. In dem Schriftverkehr stellte der Nazistaat fest, dass Hans Tuchmann ausgewandert ist. Als Zwangsverwalter fungierte bis zum Kriegsende ein Herr Pohlmann.

Am 2. Juli 1948 wurde in Halle ein neuer Gesellschaftervertrag abgeschlossen. Geschäftspartner im neuen Vertrag waren Gustav Märker zugleich als Vertreter für seine fünf Kinder und seine Ehefrau Gertraude Märker. Die neue Gesellschaft führte das bisherige Einzelunternehmen weiter. Betrieben wurde die GmbH als Dampfsäge- und Hobelwerk, Holzgroßhandlung und Sperrholzhandlung, Kistenfabrik Import und Export. Das Stammkapital beträgt jetzt 100.000 Reichsmark mit einem Anteil von Gustav Märker in Höhe von 75.000 Reichsmark. Gustav Märker und seine Familie haben offensichtlich vor Gründung der DDR den Staat verlassen. Mit Wirkung vom 6. Dezember 1950 etablierte der Rat der Stadt Dessau mit Johannes Weißbach einen neuen Treuhänder über die Firma Gustav Märker GmbH Kühnauer Straße 7. Zwei Jahre später, am 29. März 1952, teilte der Oberbürgermeister der Stadt Dessau dem Amtsgericht mit, dass die Firma Gustav Märker in Volkseigentum überführt und der VVB Holzeber in Eberswalde unterstellt wurde. Der Treuhänder Weißbach wurde am 1. Februar 1952 von seiner Funktion entbunden. Eine Vereinigung volkseigener Betriebe (VVB) stellte ein wirtschaftsleitendes Organ dar, dem mehrere Betriebe zugeordnet waren. Erste Gründungen fanden 1948 noch vor Entstehung der DDR statt. Die WB Holzeber – Holzwerke Eberswalde – war so ein Gebilde. Unterstellt waren mehr als 25 Sägewerke, meist im Raum Sachsen- Anhalt. Dazu gehörte auch der VEB Vereinigte Sägewerke Dessau, beschäftigt waren 196 Mitarbeiter. Ein gesichertes Gründungsdatum für den Betrieb lässt sich noch nicht feststellen, die langjährige Hauptbuchhalterin Rieke des VEB Möbelwerke Dessau nennt den 1. Juli 1952 als Gründung des VEB Vereinigte Sägewerke Dessau Kühnauer Straße 9.

Die Gründung der Fa. Richard Kohl Fassfabrik GmbH in Roßlau erfolgte 1908, Kohl hatte 1929 beachtliche 230 Mitarbeiter. Buchenholz aus dem Harz, Kiefern und Eichen aus Anhalt und Preußen verarbeitete der Betrieb zu Fässern, Kübeln, Latten, Kantholz und Brettern und verkaufte sie im Inland nach Hannover, Braunschweig, Schlesien und Sachsen. Die Produktion von Sägewerkserzeugnissen, Verpackungskisten und Fässern war in Anhalt und im Harzer Raum weit verbreitet. Die Folgen für den Betrieb nach Ende des Zweiten Weltkrieges waren unübersehbar. Auf Grund von Befehlen der Sowjetischen Militäradministration wurden das gesellschaftliche Leben und die Wirtschaft wieder in Gang gesetzt. Zur Leitung der Wirtschaft gründete die Landesregierung als wirtschaftsleitendes Organ 1947 die Industriewerke Sachsen-Anhalt. Zugeordnet waren alle Industriebetriebe des Landes. Eine Untergliederung wurde nach Branchen vorgenommen. Die Tätigkeit der Industriewerke regelte eine Satzung, die im Entwurf vorliegt. Nach einem Vorschlag für die Industriegruppe Holz sollten holzverarbeitende Betriebe regional zusammengefasst werden. Für die Region Dessau-Roßlau wurde die Fassfabrik Kohl genannt.

Die Geschichte des Spanplattenwerkes Roßlau beginnt im Sägewerk Dessau und in der Fassfabrik Richard Kohl. Der Betrieb VEB Vereinigte Sägewerke Dessau bestand aus den Betriebsteilen
• Werk l und II in Jeber Bergfrieden
• Werk III in Dessau mit 90 Mitarbeitern
• Werk IV in Dessau Haideburg
• Werk V in Loitz.

Ein Datum der Zuordnung der Fassfabrik Roßlau zum VEB Vereinigte Sägewerke konnte nicht gefunden werden. Insgesamt waren 150 Frauen und 250 Männer im Sägewerk beschäftigt. Das Werk III verarbeitete Importholz aus verschiedenen Ländern wie Afrika, Burma und Skandinavien. Zum Werk III gehörte eine Abteilung für Fassdauben und eine Kistenfabrik. Auf Grund eines sinkenden Aufkommens an derartigen Hölzern wurde die Sägewerksproduktion nach Jeber Bergfrieden verlagert. Werk l und II waren Gemischtsägewerke. Im Werk IV wurden Eiche und Kiefer aus dem Inland verarbeitet. Das Werk V wurde vermutlich später zum eigenständigen VEB für Holzzulieferungen der Reichsbahn spezialisiert. Die große Zersplitterung in verschiedene räumlich getrennte Betriebsteile ist auffallend und wird zu einem Merkmal der sich entwickelnden Möbelindustrie.

In den Jahren 1959 bis 1960 wurde in Roßlau auf dem Gelände der Fassfabrik eine Spanplattenanlage vom Typ SPA 10 aufgebaut. Es war eine kleine Anlage mit der Kapazität von 10.000 Quadratmetern pro Jahr. Der Maschinenbau der DDR lieferte die erforderliche Technik. Am 1. Oktober 1960 erfolgte die Inbetriebnahme der Spanplattenanlage in Roßlau. Die Kapazität von 10.000 Quadratmetern wurde in den späteren Jahren auf 30.000 Quadratmeter erhöht. Betriebsleiter war ab 1970 Karl-Heinz Agthe. Unter seiner Leitung entwickelte sich der Betriebsteil mit der Spanplattenanlage zu einem leistungsstarken Vorfertigungszentrum im VEB Möbelkombinat Dessau. Die ehemalige Fassproduktion existierte seit der Jahrhundertwende mit einer Bausubstanz aus einer Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Die Bausubstanz musste in der Folgezeit intensiv instandgesetzt werden. Im Jahr 1963 wurde vom VEB Holzkombinat Dessau als Nachfolgebetrieb des VEB Sägewerke Dessau der Beschluss gefasst, die Fass- und Sägewerksproduktion einzustellen. Aus dem Betriebsteil wurde das Vorfertigungszentrum für Möbelbauteile entwickelt.

Eine weitere Voraussetzung für eine Massenfertigung von Möbeln war die Investition in die Neuentwicklung und Herstellung von Möbelfolie im VEB Möbelfolie Biesenthal, eine Investition von volkswirtschaftlicher Tragweite. Die DDR war weltweit mit führend bei der Neuentwicklung von Möbelfolie und später Exportweltmeister von Möbeln. Im Jahr 1964 wurde erstmalig in Roßlau in großem Umfang Melafol verarbeitet. Melafol ist eine Oberflächenfolie, die mit Kunstharz behandelt wurde und auf der sich eine beliebige Holzmaserung aufdrucken ließ. Diese Oberflächenfolie sorgte in der Folgezeit für die Ablösung von Furnier und führte zu einer völlig neuen Qualität der Möbel. Der Begriff Dekorfolie hat sich bald nach Einführung der neuen Folientechnologie für den Begriff Melafol durchgesetzt.

Der Betrieb Vorfertigung Roßlau wurde erfolgreich technologisch weiterentwickelt und rationalisiert. Es erfolgte die Umstellung von einer 19 Millimeter dicken Spanplatte auf 18 Millimeter und damit eine Leistungserhöhung auf 12.300 Kubikmeter im Jahr 1969/1970. Die Qualität der Spanplatten wurde auf möbelfähige Spanplatten erhöht. Ziel war es, im Betrieb Roßlau eine Spanplatte herzustellen, die den Anforderungen einer hochqualitativen Möbelfertigung entsprach. Zu entwickeln bzw. zu verbessern waren die Feindeckschicht und die Verbesserung der Mittelschicht. Ein Roßlauer Forscherkollektiv konnte im Rahmen eines Staatsplanthemas ein Verfahren zur Lösung der Probleme umsetzen. Gleichzeitig wurde das Dreischicht-System in Roßlau eingeführt, eine Umstellung auf das Vierschicht-System folgte 1974.

Eine hohe Auslastung der Spanplattenanlage konnte durch die hochqualitative laufende Instandsetzung erreicht werden. Für die Instandhalter wurde ein Prämienlohnsystem eingeführt, das die Senkung der Ausfallzeiten stimulierte. Der Ministerratsbeschluss der DDR aus dem Jahr 1972 zu Investitionen war eine wichtige Entwicklungsetappe auch für die Möbelindustrie. Ziel war die Leistungssteigerung bei der Herstellung von Konsumgütern. Im Betrieb Roßlau wurden Investitionen zur Steigerung der Vorfertigungsleistung in Höhe von 3,7 Millionen Mark eingesetzt. Mit dieser Investition erhöhte sich die Leistung in der Vorfertigung von Möbelteilen um 15 Millionen Mark. Eine besondere Aufgabe war zu Beginn der achtziger Jahre die Umstellung der Technologie auf die Herstellung formaldehydreduzierter Spanplatten. Diese Forderung wurde zu Beginn der 1980er Jahre von der BRD erhoben. Die Intention der BRD war dabei, dass die DDR diese Umstellung nicht realisieren konnte und ihre Stellung als Exportweltmeister verlieren würde. Unter Führung des Spanplattenwerkes Roßlau in enger Zusammenarbeit mit den Leuna-Werken konnte man die Umstellung in der Folgezeit realisieren.

Der Betrieb Roßlau war durch eine hochqualifizierte Abteilung Rationalisierung und Instandhaltung mit nahezu 35 Arbeitskräften in der Lage, die vorbeugende Instandhaltung und Modernisierung der Anlage zu gewährleisten. Insgesamt hatte der Betrieb mehr als 350 Mitarbeiter. Das Vorfertigungszentrum belieferte besonders die Möbelwerke in Dessau, Wittenberg, Zerbst, Magdeburg und Naumburg sowie zehn weitere Partner. Der VEB Kombinat WiWeNa Dessau war vielen Kunden der DDR durch die gleichnamige Schrankwand bekannt. Die Abkürzung WiWeNa bezog sich auf die Städte Wittenberg, Weißenfels und Naumburg. Das Kombinat wurde am 1. Januar 1969 gegründet und unterstand der Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB) Möbel Dresden. Geleitet wurde das neue Möbelkombinat WiWeNa ab Mitte der siebziger Jahre von Heinz Nimmig.

Aus dem Jahr 1972 stammte das Möbelprogramm Wi-We-Na 72. Bestehend aus umfangreichen kombinierbaren Unter-, Ober- und Aufsatzteilen erfüllte es sehr unterschiedliche Ansprüche. Eine polierte Palisander-Dekor-Folie schuf eine warme und angenehme Wohnraumatmosphäre. Ein Kleider-Wäsche-Schrank war ebenso lieferbar wie ein Schreibteil oder ein Barfach. Die Grundlage für die Herstellung dieser Schrankwände wurde in Roßlau gelegt. Menschen aus Sachsen-Anhalt haben über viele Jahre mit viel Kreativität und Ideenreichtum Erzeugnisse entwickelt und verkauft. Das Spanplattenwerk Roßlau war nach der Wende ein sanierungsfähiger Betrieb. Unter Leitung des Geschäftsführers Agthe wurden Überlegungen zum Weiterbetrieb angestellt. Die Treuhand hat wie in vielen Fällen diese Überlegungen nicht akzeptiert. Der Betrieb wurde demontiert und nach Pakistan und in andere europäische Länder verkauft.

Stadt Bernburg
Bernburg war der Standort eines nicht für die Möbelindustrie typischen Betriebes. Der VEB Spiegelchemie verarbeitete Glas zu Glastüren für Schrankwände. Gegründet wurde der Betrieb von Max Ermes am 22. Juni 1918. Ermes entwickelte das Verfahren der Spiegelherstellung weiter und erarbeitete mit seinen Erfindungen die Basis für die wirtschaftliche Herstellung der Spiegel. Er erhielt mehr als 20 Patente für die Spiegelherstellung. Wichtiges Hilfsmittel der Belegung von Glas mit einer spiegelnden Oberfläche war ein Aufgießtopf. Dieser besteht aus drei Abteilungen. Eine für die Ätzkalilösung, die Silberlösung und die Reduktionslösung. Mit diesem getrennten Auftragen der chemischen Bestandteile werden die unkontrollierte Entstehung von Knallsilber und eine anschließende Explosion vermieden.

Nach dem Krieg führte er mit seinem Sohn die Firma weiter und entwickelte weitere neue Anwendungen. Neue Spiegelarten bis hin zum einseitig durchsichtigen Spiegel entstanden, den viele Menschen aus Kriminalfilmen kennen. In Indien entstand ein Spiegelwerk nach Plänen von Max Ermes. Nach der Verstaatlichung des Betriebes ent- s­tand die Glasverarbeitung für die Möbelindustrie. Ermes war bis zu seinem Tod 1967 als Stadtrat in Bernburg tätig. In späteren Jahren wurden bis zu 200.000 Glastüren für Schrankwände produziert. Eine Privatisierung nach der Wende scheiterte nach mehreren Versuchen.

Raum Harzgerode, Gernrode und Bad Suderode
August Loch betrieb schon vor dem Krieg in Harzgerode einen Handwerksbetrieb Mechanische Böttcherei. Nach dem 2. Weltkrieg wurde in der gleichen Stadt die Firma August Loch & Söhne gegründet. Ab 1953 stellte die Firma Bottichwaschmaschinen her, ein nachgefragter Artikel in damaliger Zeit. Der VEB Plastopack Harzgerode entstand 1972 unter Leitung des Sohnes Karl Loch und produzierte Verpackungsmittel aus Plaste und Holz. Zum 1. Oktober 1979 wurde der Betrieb dem VEB Möbelkombinat Dessau zugeordnet. Über die Tätigkeit des Betriebes bis zur Wende ist leider nichts bekannt. Eine interessante Vorgeschichte lässt sich in Gernrode und Bad Suderode finden. Bad Suderode war Sitz zweier Möbelbetriebe, hier arbeiteten der VEB Klappmöbel und der VEB Wäschetruhen. Beide wurden zum 01. Oktober 1979 wie die anderen VEB dem neu gegründeten VEB Möbelkombinat Dessau angegliedert. Der Betrieb Klappmöbel stellte einen Kinderstuhl her.

Vor dem Krieg wurde die Firma Richard Jahn Spezialfabrik für Klappmöbel mit einer umfangreichen Produktion von Liege-, Feld- und Klappstühlen vermutlich als Vorläufer gegründet. Reinhard Jahn hat in seiner Firma mehrere Erfindungen entwickelt und als Patent eingereicht. Ein Patent vom 17. November 1932 enthielt die Erfindung einer Wäscheklammer aus Holz mit drei gleich starken abgerundeten Zinken. Diese Klammer sollte verhindern, dass durch scharfe Kanten einer flachen Wäscheklammer der Stoff der Textilie beschädigt wurde. Das Patent wurde zuerst in der Schweiz, dann in Österreich und zuletzt in Deutschland angemeldet. Ein weiteres Patent vom 26. November 1933 beschäftigte sich mit der Befestigung der Sitzbahn aus Stoff an Sitz- und Liegemöbeln. Erreicht werden sollte damit eine längere Haltbarkeit des Sitzstoffes. Ein zusammenschiebbares Bett war Gegenstand eines weiteren Patentes vom 8. Juli 1934. Jahn war offensichtlich ein sehr kreativer Firmengründer. Die Verbindung zum VEB Klappmöbel ist anzunehmen, aber nicht nachweisbar. 1922 entstand ebenfalls in Bad Suderode die Firma Otto Scheffler Liegestühle und Gartenmöbel. Mehr als 60 Mitarbeiter waren angestellt, im Jahr 1932 musste aber Konkurs angemeldet werden.

Die Stadt Gernrode hat eine große Vergangenheit bei der Zündholzherstellung. Im Zeitraum 1835-1943 gab es mit einer unterschiedlichen Lebensdauer der Betriebe drei Zündholzfabrikanten. Im Jahr 1922 gründete Willi Woelm in Gernrode eine Firma zur Produktion von Polstermöbeln, Polsterwolle, Polsterwatte und Matratzen. Im Jahr 1929 beschäftigte er sogar 118 Mitarbeiter. Die Fertigung von Polsterwaren wurde nach dem Krieg durch den VEB Polsterwaren Gernrode fortgeführt. Ein Gründungsjahr für den VEB ist leider nicht bekannt. Geführt wurde die Firma von dem langjährigen Betriebsdirektor Bernhard Lehmann. In den 1980er Jahren wurde das Modell Ruhland hergestellt.

Ein Großbetrieb darf nicht vergessen werden. Der VEB Möbelwerk Quedlinburg wurde von Familie Simon gegründet und war bis zur Wende erfolgreich tätig. Nach der Wende erfolgte die Reprivatisierung. Über die Entwicklung beider Betriebe in der Zeit der DDR ist leider wenig Material vorhanden.

Region Oberharz
Die Geschichte der Holz- und speziell der Möbelindustrie in Sachsen-Anhalt und besonders im Harzer Raum ist mit dem Waldreichtum verbunden. Im 19. Jahrhundert führten in größerem Umfang vorhandene Erze, Holz und die Existenz von billigen Arbeitskräften zu einer Entwicklung der Industrie im Ostharz. Die Holzwirtschaft profitierte vom Abbau der vorhandenen Erze, gleichzeitig erlebte das Hüttenwesen einen großen Aufschwung. Bergbau von Gesteinen und Erzen hatte einen hohen Bedarf an Grubenholz zur Folge, mit dem Aufkommen der Dampfmaschine entstanden Dampfsägewerke. Berg- und Hüttenwerke waren die Hauptabnehmer der Holzwirtschaft. Forstwirtschaft war ein einträgliches Geschäft, die Grafschaft Blankenburg erzielte um 1800 aus dem Holzexport einen Gewinn von 50.000 Talern pro Jahr. Exportiert wurde in hohem Maße verarbeitetes Holz, um eine hohe Wertsteigerung im eigenen Wirtschaftsraum zu erzielen.

Der Waldreichtum erforderte die Gründung von Sägewerken, die in großer Zahl im Harz geschaffen wurden. Voraussetzung für die Umwandlung der Sägewerke in Dampfsägewerke war die Spionage eines preußischen Beamten. Der Besuch des Bergmaschinen-Ingenieurs Carl Friedrich Bückling bei James Watt in England in der Zeit von 1780-1783 lieferte die Grundlage für den Bau einer Dampfmaschine in einer Werkstatt in Hettstedt. Bückling baute die Dampfmaschine und am 23. August 1785 wurde sie im Bergbau in Hettstedt eingesetzt. Ein Nachbau dieser ersten deutschen Dampfmaschine aus dem Jahre 1984 ist im Mansfeldmuseum in Hettstett zu besichtigen. Dampfsägewerke wurden in verschiedenen Regionen des heutigen Landes Sachsen-Anhalt aufgebaut. Die Sägewerke bestanden meist schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Eingeführt wurde die Dampfkraft in der Zeit von 1880-1890 in der Holzindustrie. Beispiele sind Tuchmann & Sohn in Dessau (gegründet 1857), Carl Braunsdorf Fassfabrik Zerbst 1873, Karl Hagedorn in Gernrode 1891, um nur einige Beispiele zu nennen.

Raum Benneckenstein
Die Herstellung von Holzerzeugnissen entwickelte sich im 19. Jahrhundert kontinuierlich. In Benneckenstein entstand eine Fertigung hölzerner Küchengeräte. Auf dieser Basis entwickelte sich der Handel mit den Gebrauchsartikeln in Form von reisenden Händlern mit Pferdefuhrwerk. Fortgesetzt wurde die Fertigung durch die Fa. Hantzsche in Benneckenstein zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Firmeninhaber Walter Hantzsche kaufte 1941 in Talheim nahe Heilbronn eine Holzwarenfabrik. Aufgrund der Kriegsproduktion wurde der Betrieb in Benneckenstein verstaatlicht. Nach dem Tod von Walter Hantzsche übernahm der Sohn Joachim die Firma in der BRD und führte sie bis 1983 weiter.

Begonnen wurde im Harz 1911 mit der Liegestuhlproduktion in Benneckenstein durch die Fa. Ließmann. Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein besitzt ein Modell eines Liegestuhls von Thonet, hat aber keinen Hinweis auf die Tätigkeit von Ließmann. Unter dem Namen der Erfinder Otto Ungewitter und Robert Ließmann jun. in Benneckenstein existiert ein Reichspatent Nr. 681543 von 28. Januar 1937 und trägt den Titel „Walter Hantzsche Harzer Holzwaren für Haus und Küche und Robert Ließmann Holzwarenfabrik Benneckenstein”. Inhalt des Patentes ist eine „Feststellvorrichtung für Stützholme der verstellbaren Rückenlehne eines zusammenklappbaren Liegestuhls”. Der Erfinder Otto Ungewitter ist als Person in der Betriebsgeschichte nicht erwähnt. Interessant ist aber die gemeinsame Nennung der Namen Hantzsche und Ließmann im Patent. Es gab also zwischen beiden Firmen Geschäftsbeziehungen und Partnerschaften. Die Firma Ließmann wurde 1972 verstaatlicht und war als VEB Stuhlfabrik Benneckenstein tätig. Zu Beginn der achtziger Jahre stellte die Firma Gartenmöbel für den Export in die BRD her. Nach der Wende erfolgte die Reprivatisierung, die Firma ist als eine der wenigen ehemaligen Möbelbetriebe in Sachsen-Anhalt noch heute tätig. Beide Firmen gingen in den siebziger Jahren in den VEB Harzer Holzindustrie Benneckenstein ein.

Eine Kuriosität muss noch erwähnt werden. In Benneckenstein bestand die Fa. Zeuss Holzfahrräder. Carl Gorpp gründete die Firma um 1900 und produzierte bis 1912 Holzfahrräder. Eine Anzeige verschwieg damals, dass es eine Bremse noch nicht gab… Für die Darstellung wurde einfach mit Nadelbaumreisig „gebremst”.

Mit diesem Artikel soll an die Tätigkeit vieler Menschen in der Möbelindustrie erinnert werden. In der DDR war es eine Zeit des Neuanfangs und Aufbruchs, die sich später in eine Zeit des Verfalls und der politischen Ignoranz wandelte. Menschen haben aber in der ganzen Zeit ihr Leben gestaltet, waren glücklich und schöpferisch tätig. Geschichte lässt sich nur mit dem Wissen und Unterlagen ehemaliger Zeitzeugen weiterschreiben. Gesucht werden alle Belege wie Texte, Fotos, Brigadetagebücher und die Erinnerungen noch lebender Zeitzeugen bzw. deren Nachfahren. Der Autor ist für alle Hinweise und die Hilfe zur Darstellung der Betriebsgeschichte dankbar. Für die Hilfe bei der Beschaffung von Unterlagen aus dem Landesarchiv Dessau danke ich Doris Hagelweide aus Dessau ganz herzlich ebenso wie Steffi Hoyer von der Harzbibliothek Wernigerode.