Praxis fern von Politik

Das Leben muss sich radikal ändern – vor allem für den Klimaschutz. So singt es ein großer Chor. Das kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinen katastrophalen Folgen steht am Pranger. Die Welt ist aus den Angeln. Manche Forderung nach Veränderung klingt einleuchtend. Aber warum will sich die Praxis nicht so schnell ändern, wie es politisch gewünscht wird?

Der Jahresbeginn in Magdeburg ist für Bürger*innen und Umweltschützer*-  innen eine Katastrophe. Nicht nur der Winter fällt komplett aus mit Temperaturen bis zu 15°C und ohne Schnee.“ So beginnt eine Pressemitteilung des BUND Magdeburg mit Aufrufen zu Demonstrationen gegen Baumfällungen in Magdeburg. Gegen Kahlschlag muss man auf die Straße gehen. Aber, dass wir wegen milden Frühlingstemperaturen in einer Katastrophe stecken, ist schwer zu verstehen. Winterliche Katastrophenberichte stellten sich bisher dann ein, wenn viel Schnee fiel, Verkehrswege und Ortschaften abgeschnitten waren. Jetzt ist es also umgekehrt. In Deutschland wird ein Drittel der gesamten Energie für die Wärmeerzeugung aufgewendet. Wenn Winter also besonders mild ausfallen, sinkt der Energieeinsatz gewaltig und damit die Produktion von CO2. Bei jedem Rufen nach CO2-Vermeidung müsste eigentlich jeder milde Wintertag Anlass zum Jubeln sein. Die deutschen Klimaziele ließen sich in kürzester Zeit realisieren. Doch die Realität passt offenbar nicht so gut mit mancher politischen Proklamation zusammen. Das Phänomen ist nicht neu und man hört stets zu viele Reden, die sich meistens über jede Praxis und alle realen Möglichkeiten erheben.

Am 23. Januar tagte der Magdeburger Stadtrat im Rathaus. Während der Bürgerfragerunde forderte ein Professor, dass im jüngsten Baugebiet für Einfamilienhäuser in Diesdorf alle Häuslebauer verpflichtet werden sollten, ihre Gebäude klimaneutral errichten zu lassen. Immerhin gestand er dem Oberbürgermeister auf dessen Nachfrage zu, dass er und seine Frau, die ebenfalls als Professorin tätig ist, schon das Heizungssystem von Öl auf Gas umgestellt und auf dem Dach eine Photovoltaikanlage installiert hätten. Junge Familien sollten die Investitionen aber sofort aufbringen können. Wünsche wiegen hier wohl schwerer als die Wirklichkeit.

Digitalisierung ist auch so ein Schlagwort, dass seit Jahren von jedem Rednerpult perlt. Unternehmen investieren in moderne Technik und Lösungen, wenn es ihnen nutzt und es wirtschaftlich leistbar ist. Dennoch lassen die Appelle nicht nach, mit denen beschworen wird, wie alle irgendwann das Nachsehen hätten, wenn sie sich dem Fortschritt nicht schnell genug stellten. Man kann gut reden, wenn Reden der Beruf ist. Es ist auch leicht zu fordern, wenn man selbst nicht gefordert ist, wenn es weder eigenes Geld ist noch eigene Ressourcen sind, die aufgebracht werden müssen. Die Theorie war der Praxis schon immer weit voraus. Die Geschichten für eine gute Zukunft wurden erzählt, so lange sich Menschen Geschichten erzählen. Und das Worten eine große Kraft innewohnt, kann man am Glauben an eine Religion erkennen. Die Erzählung über Jesus von Nazareth erzeugte ein weitweites Netz an Kirchen und Klosteranlagen, führte zur Gründung eines eigenständigen Staates und einem Milliarden-Vermögen religiöser Institutionen. Der Glaube an einen Gott soll hier gar nicht infrage gestellt sein. Der Vergleich zeigt nur, welches Potenzial dahinterstecken kann. Es war in der Geschichte und auch heute nie anders, dass Ideen Menschen bewegten und reale Dinge hervorbrachten. Insofern sollen die Erzählungen mit ihren Ideen auch weitergehen. Die Historie zeigt andererseits auch, dass sich viele Orakel eben nicht erfüllen, dass manches geistige Wagnis von der Wirklichkeit hinweggefegt wurde. Dieser Mechanismus aus Werden und Vergehen wird bleiben. Doch die Fülle, mit der heute vielfach Forderungen aufgebauscht werden, ist häufig irritierend.

Menschen mit DDR-Vergangenheit haben oft die Predigten von Parteifunktionären im Ohr, die vorgaben zu wissen, wie alles würde. Das Licht am Ende des Tunnels, die rosarote Zukunft und den Sieg des Sozialismus führten sie alle im Munde. Es scheint heute oft vergessen, dass wassermühlenartig dahingebetete politische Floskeln der Praxis kein Bein stellen können. Jeder, der darüber spricht, was alles zu tun oder zu lassen sei, blicke auf die eigenen kleinen Möglichkeiten im Alltag. Große Visionen mögen schön und schillernd sein, aber sie werden nicht realer, indem man sie fortlaufend wiederholt. Manche bleiben im Reich der Träume. Mehr Reden macht noch keine gute Politik, vor allem nicht, wenn Praxis sich so wenig von politischer Theorie beinflussen lässt. Ideen kann man wählen, die Wirklichkeit nicht. Nur viele Redner stört das meistens nicht. Von Thomas Wischnewski

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