Montag, November 28, 2022

Probleme in allen Branchen spürbar

Folge uns

Burghard Grupe ist Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, die im nördlichen Sachsen-Anhalt die wirtschaftspolitischen Interessen von mehr als 12.600 Mitgliedsunternehmen vertritt. Mit der Kompakt Zeitung sprach er über die Situation des Handwerks und die Herausforderungen.

Kompakt Zeitung: Herr Grupe, in welcher Lage befindet sich das Handwerk derzeit?

Burghard Grupe: Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. In den vergangenen Jahren ist die Konjunktur stabil geblieben. Doch trotz der guten Geschäftslage geht die Zahl der Handwerksbetriebe zurück. In Krisenzeiten sah das anders aus – beispielsweise nach der Wende. Da gab es plötzlich andere Regeln, andere Gesetze, andere Märkte. Und viele Betriebe haben sich dieser neuen Herausforderung erfolgreich gestellt. Der Boom, der in den 90er Jahren einsetzte und vor allem in den baunahen Branchen eine Überkapazität zur Folge hatte, hielt trotz der daraus resultierenden schmerzhaften Schrumpfungsprozesse und hoher Arbeitslosigkeit weiter an.

Gibt es Zahlen, die diese Entwicklung widerspiegeln?

Nehmen wir beispielsweise die Zahlen der Mitgliedsbetriebe unseres Kammerbezirks. 1991 gab es 9.452 Mitgliedsbetriebe. Fünf Jahre später waren es 10.265. Der Höhepunkt wurde im Jahr 2008 mit 14.577 Betrieben erreicht. Seitdem gehen die Zahlen kontinuierlich zurück und aktuell sind in unserem Kammerbezirk 12.175 Mitgliedsbetriebe registriert. Ein ähnliches Auf und Ab ist an den Beschäftigten-Zahlen abzulesen. 1992 waren circa 60.000 Mitarbeiter in Handwerksbetrieben beschäftigt. 1995 waren es sogar 105.000. Anfang der 2000er Jahre sank die Zahl jedoch wieder. In den vergangenen zehn Jahren sind die Zahlen stabil geblieben – derzeit gibt es etwa 68.000 Beschäftigte in unseren Mitgliedsbetrieben. Ein deutlich negativeres Bild erzeugen allerdings die Lehrlings-Zahlen. Während 1991 noch 11.926 Lehrlinge ausgebildet wurden – davon haben 6.400 in eben diesem Jahr neu angefangen –, waren es im vergangenen Jahr nur 3.744 – und darunter gerade einmal 1.398 neue Lehrlinge.

Sind bestimmte Branchen von diesem Negativtrend besonders betroffen?

Die Probleme sind in allen Branchen spürbar. Am meisten zu leiden hat allerdings das Handwerk der Lebensmittelbranche, also beispielsweise Fleischer und Bäcker, und in der Baubranche – was unter anderem Heizung und Sanitär betrifft – sieht es auch nicht gut aus.

Was sind die Gründe dafür?

Zum einen liegt das am demografischen Wandel. Wenn es weniger junge Menschen gibt, ist das Potenzial für den Handwerksnachwuchs natürlich geringer. Besonders betroffen ist davon der ländliche Raum, wo die Bevölkerungszahl per se niedriger ist. Aber auch der Trend zur Akademisierung hat dazu einiges beigetragen. Für viele junge Menschen ist Handwerk einfach keine Alternative.

Und wie kann dies geändert werden?

Wir müssen mehr informieren – nur wenige wissen, dass es im Handwerk 130 Ausbildungsberufe gibt. Berufe, die in Zeiten der Digitalisierung Tradition und Innovation miteinander verbinden. Die Karrierewege müssen zudem geöffnet werden. Wer Geselle ist, kann Meister werden und im nächsten Schritt eine Weiterbildung zum Betriebswirt machen und bis zum Betriebsleiter oder Unternehmer aufsteigen. Die Ausbildung muss ebenfalls an Attraktivität gewinnen. So könnte man Lehrlinge beispielsweise mit einem Azubi-Ticket für den öffentlichen Personennahverkehr unterstützen. Aber auch die Selbstständigkeit muss attraktiver werden. Hier ist vor allem die Politik gefragt, den steuerlichen und bürokratischen Aufwand zu reduziert: Fragen: Tina Heinz

Anzeige
WEITERE
Magdeburg
Bedeckt
4.1 ° C
4.5 °
3.2 °
83 %
1.8kmh
99 %
Mo
7 °
Di
5 °
Mi
5 °
Do
3 °
Fr
2 °

E-Paper