Puppentheater: Keine Marionette und am liebsten Hosen-Rollen

Linda Mattern kann ein Wildschwein sein, aber auch ein braves Mädchen – wenn es sein muss. Im Stück „Schonzeit“, das am 29. Oktober 2020 am Puppentheater Premiere feiert, ist die junge Magdeburgerin keines von beidem. Von Tina Heinz

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Rotkäppchen für Erwachsene – so könnte man „Schonzeit“ kurz zusammenfassen, auch wenn es sich vom Original der Gebrüder Grimm emanzipiert hat. Rotkäppchen, der Wolf, Großmutter, Mutter und auch der Jäger spielen dennoch eine Rolle in dem Stück, das am 29. Oktober 2020 zum ersten Mal am Puppentheater Magdeburg gezeigt wird. Fünf weitere Aufführungen – allesamt ausverkauft – sind in diesem Jahr geplant. Wer diesmal als Zuschauer nicht zum Zuge gekommen ist, kann sein Glück zu Beginn des neuen Jahres versuchen.

Vier Ensemblemitglieder werden in „Schonzeit“ in unterschiedlichen Rollen zu sehen sein. Eine von ihnen ist Diplom-Puppenspielerin Linda Mattern. Die 24-Jährige hatte 2018 ihren ersten Auftritt als Gastspielerin in „Nur ein Tag“, einem Stück für Kinder, in dem sie es als Wildschwein nicht übers Herz brachte, einer Eintagsfliege zu erklären, dass sie nur kurze Zeit zu leben hat. Inzwischen gehört die gebürtige Potsdamerin, die mit ihrer Familie im Alter von zwei Jahren nach Magdeburg zog, fest zum Ensemble des Puppentheaters.

Dank eines Zufalls war sie 2014 hier gelandet. „Mein Abitur habe ich am Hegel-Gymnasium gemacht, wo ich auch Mitglied der Theatergruppe war“, erzählt die 24-Jährige. „Schauspiel hat mich schon immer begeistert, weshalb ich nach dem Schulabschluss in diese Richtung gehen wollte.“ Doch eine Mischung aus Schüchternheit und missglücktem Zeitmanagement bei der Bewerbung ließen diesen Schritt nicht zu. Hinzu kam, dass man in der genormten Schauspielwelt mit einer 1,90 Meter großen Frau nichts anzufangen wusste. „Man sagte mir, dass sie aufgrund meiner Körpergröße keine Rollen für mich hätten“, erinnert sich Linda Mattern und zuckt resigniert mit den Schultern. Sich darüber aufzuregen, lohnt sich nicht, schließlich hat sie aus diesem Grund einen anderen Weg gewählt, auch wenn sie vom ursprünglichen Pfad nicht sonderlich weit abgewichen ist.

„Meine Mutter schlug mir damals vor, ein Freiwilliges Soziales Jahr am Puppentheater zu absolvieren. Und obwohl ich damit vorher überhaupt nichts am Hut hatte, packte mich schnell die Faszination für das Puppenspiel, weil es viel offener als das Schauspiel ist und man eine Vielfalt an Materialien zur Verfügung hat.“ Daher bewarb sich Linda Mattern an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin für den Studiengang Zeitgenössische Puppenspielkunst. „Während des Studiums haben wir neben den Grundlagen in den Bereichen Schauspiel und Sprechen natürlich auch die Puppenarten und die Puppenführungstechniken vermittelt bekommen.“ Die Magdeburgerin, die seit dem Abschluss ihres Studiums 2019 fest zum Ensemble des Puppentheaters gehört, zieht die Augenbrauen nach oben: „Ich kann mich für vieles begeistern, aber Marionetten liegen mir überhaupt nicht. Es bedarf eines jahrelangen Trainings, das zu beherrschen – und ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch.“

Zum Glück werden bei der Vergabe der Rollen spezielle Kenntnisse und Vorlieben in Betracht gezogen und zum Glück bietet das Puppenspiel einen Facettenreichtum, was Puppenarten und Rollen betrifft. „Man kann natürlich nicht immer nur das machen, was man möchte. Man muss sich auf Herausforderungen einlassen und am Ende eines langen Prozesses kommt oft etwas ganz anderes heraus, als man zu Beginn erwartet hätte“, sagt Linda Mattern und bekräftigt, dass es nicht immer einfach sei, unvoreingenommen an bestimmte Rollen heranzugehen. Der jungen Puppenspielerin, die neben in „Nur ein Tag“ auch in „Die fabelhaften Drei“, „Der Räuber Hotzenplotz“ sowie „Struwwelpeter“ und „Ein Spätsommernachtstraum“ (beide Hofspektakel) zu sehen war, liegen besonders Hosen-Rollen, wie sie selbst sagt. „Das brave Mädchen im Kleidchen zu spielen ist nicht mein Ding. Ich mag lieber die robusten, poltrigen Rollen – da kann ich das Gegenteil von dem sein, wie ich im privaten Leben bin.“ Dennoch ist Linda Mattern bereit, sich auf Rollen einzulassen, die ihr dem ersten Anschein nach nicht so gut gefallen. „Offen sein, Neues wagen – das ist das, was einen Puppenspieler neben dem technischen Feingefühl auszeichnet“, meint die 24-Jährige. „Und wenn man dazu bereit ist, lernt man nicht nur seine Kollegen von unterschiedlichen Seiten kennen, sondern sich selbst auch.“

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