Freitag, September 30, 2022
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Quo vadis, FCM?

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Der Neuling tut sich in der 2. Fußball-Bundesliga bisher äußerst schwer. Der Versuch einer ersten Bestandsaufnahme nach fünf Partien. | Von Rudi Bartlitz

Quo vadis? Auch Nicht-Lateinern wurde das Bibelwort zu einer allumfassenden Metapher für das Stehen an einem Scheideweg. Der Heiligen Schrift ist es zu verdanken, dass aus einer schlichten Frage, dem: Wohin gehst du?, ein Synonym für eine Lebensentscheidung wurde. Nun, für den 1. FC Magdeburg geht es zwar keineswegs um eine Lebensentscheidung, schon gar nicht zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison. Und doch schwebt die Frage bereits irgendwie über dem Zweitliga-Aufsteiger – nach einem misslungenen Saisonstart mit vier Niederlagen in fünf Begegnungen, null Punkten im eigenen Stadion und Tabellenplatz 16. Und es passte, ungewollt, ins Bild, als eine knappe halbe Stunde nach dem Schlusspfiff der Hannover-Partie am Wochenende plötzlich die Feueralarm-Sirenen im Stadion heulten und die Arena geräumt werden musste. Ein Menetekel?

Egal, wie man es bewertet, das deprimierende 0:4 zuletzt zu Hause gegen Hannover 96 trieb so manchen Fan schon einmal den Angstschweiß auf die Stirn. Wiederholt sich etwa die Geschichte von vor drei Jahren, als der FCM nach nur einer Saison die zweithöchste Spielklasse prompt wieder verlassen musste? Sollte sich sogar im übertragenen Sinn und schlimmsten Fall bewahrheiten, was Rory Smith, der Fußball-Chefkorrespondent der „New York Times“, in seinem schlauen Newsletter „On Soccer“ nach dem überragenden Bundesliga-Start des FC Bayern und über die Hoffnungen der Konkurrenz schrieb: „Just like that, for another year, it was over.“ Und schon war es für ein weiteres Jahr wieder vorbei. Gemeinhin gilt der fünfte Spieltag als eine erste Wegscheide. Da ist ein Siebtel der Saison bereits Vergangenheit. Da zeigt sich, zumindest in Ansätzen, wohin die Reise für die 18 Vereine geht, gehen könnte. Das sieht auch Magdeburgs einstiger Elite-Referee Bernd Heynemann so: „Da solltest du schon sechs Zähler auf dem Konto haben, sonst sieht es nicht allzu gut für dich aus. Zumal mit Kaiserslautern und Paderborn jetzt weitere schwere Aufgaben unmittelbar bevorstehen.“

In sieben Punkten versucht die KOMPAKT-Zeitung den gegenwärtigen Zustand im Club zu umreißen. Geleitet ein wenig vom Ausspruch des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augenstein: Einfach sagen, was ist.

Die VORGESCHICHTE
Als die Blau-Weißen sich im Mai 2015 mit zwei grandiosen Siegen in der Relegation gegen die Offenbacher Kickers durchgesetzt hatten, gelang ihnen damit endlich der langersehnte Sprung in den Profifußball. Zuvor waren sie ein Vierteljahrhundert durch den Amateurbereich getingelt. Den meisten hiesigen Fans kam es seinerzeit vor, als lebten sie in einer Ki-cker-Diaspora. Das war nun vorbei: Magdeburg war in Sachen Fußball immer ein schlafender Riese. Nun erwachte er. Drei Jahre später war man erstmals in der Bundesliga angekommen. Nach dem prompten Abstieg 2019 dauerte es abermals drei Jahre, bis man diesen Schritt ein zweites Mal schaffte.

Die LIGA
Gemeinhin zählt die Zweite Bundesliga zu den sieben stärksten Ligen Europas, gleich hinter den fünf Eliteklassen (England, Spanien, Deutschland, Italien, Frankreich) und der 2. englischen Liga. Manche sehen das deutsche Unterhaus hier sogar vorn. Der FCM tourt also nicht durch eine Ansammlung von Pillepalle-Klubs. Nach dem Aufstieg der beiden Dinos Schalke 04 und Werder Bremen erscheint sie in dieser Spielzeit jedoch nicht ganz so stark wie im Vorjahr. Zumal die beiden Absteiger Arminia Bielefeld und Greuther Fürth nicht das Niveau der nach oben Abgewanderten aufweisen. So dass Feststellungen, es gehe in dieser Saison ausgeglichen wie schon lange nicht zu (in die sich auch FCM-Cheftrainer Christian Titz einreiht), nicht von der Hand zu weisen sind. Gerade darin könnte eigentlich die Chance von Neulingen wie dem FCM liegen.

Der ABSTIEGSKAMPF
Mit Erzgebirge Aue und dem FC Ingolstadt standen in der zurückliegenden Saison die direkten Absteiger bereits einige Spieltage vor Schluss so gut wie fest, zudem steckte Dynamo Dresden auf dem Relegationsplatz mit großem Rückstand auf das rettende Ufer fest. Diesmal ist es zumindest erstaunlich, dass bei den Buchmachern zwei der drei Aufsteiger (der FCM und der 1. FC Kaiserslautern) nicht zum engen Kreis möglicher Verlierer gezählt werden. Die meisten Wettanbieter erwarten sie zwischen Rang zehn und zwölf. Wer es mit des Glückes Mächten hält, könnte darin zumindest ein Hoffnungszeichen für die Magdeburger sehen. In den Wettbüros gelten indes Eintracht Braunschweig und (erstaunlicherweise) Jahn Regensburg als erste Kandidaten für den Weg nach unten. Dahinter folgen der SV Sandhausen, der Karlsruher SC und Hansa Rostock.

Das TEAM
Ein Ziel jedenfalls ist schon einmal in ziemlich weite Ferne gerückt. Die Saison solle für die Blau-Weißen „sorgenfrei“ verlaufen, hatten Präsident Jörg Biastoch und Sport-Geschäftsführer Otmar Schork, wohl auch im Namen der Mannschaft, unisono betont, bevor der erste Ball rollte. Davon ist man jetzt meilenweit entfernt. Zunächst gilt es erst einmal, in eine stabile Seitenlage zu kommen. Der FCM habe „keine Angst vor dieser Spielklasse“, hatte Schork noch hinzugefügt, gehe aber eben so wenig „arrogant oder überheblich“ an die Aufgabe heran.

Der Marktwert der Mannschaft wurde laut Transfermarkt in der dritten Liga auf 11,1 Millionen Euro gesteigert. Mit einer Million Euro ist Neuzugang Jamie Lawrence (vom FC Bayern II) der wertvollste Akteur. Als Spielsystem wird am 4-3-3 festgehalten, obwohl Titz zuletzt betonte, auch mit Dreier- oder Fünferkette agiert zu haben. Trotz elf Zugängen wusste bisher keiner durchgehend zu überzeugen, erwies sich nicht als echte Alternative zu den Etablierten. Hinzu kommt: Das System FCM – hohes Pressing, viel Ballbesitz – scheint von den Gegnern in Liga zwei immer besser decodiert zu werden.

Fast schon als ein kleines Phänomen ließe sich die Sache mit den statistischen Werten bezeichnen. Wie sehr sie in die Irre führen können, beweisen einige Beispiele. Jeweils 63 Prozent Ballbesitz wiesen die Blau-Weißen gegen St. Pauli und Hannover aus, gegen Kiel waren es immerhin auch 56 Prozent – am Ende verlor man die drei Partien mit einem Gesamtergebnis von 1:9. Ähnliches gilt für Passquoten. Ergo: Ballbesitz allein, schrieb die Nachrichtenagentur dpa, „ist für die Katz“. Es fehlt ganz einfach an Durchschlagskraft.
Die Position mit den wenigsten Problemen dürfte augenblicklich die des Keepers sein. An Dominik Reimann („Wenn wir die Fehler nicht abstellen, gewinnen wir kein Spiel mehr.“) lag es, trotz 13 Gegentreffern und einiger eigener Wackelmomente zwischendurch, am wenigsten, dass der FCM bisher nicht überzeugen konnte. Größter Schwachpunkt ist die Abwehr. Selbst wenn Titz in der Abschlusspressekonferenz zum Defensivverhalten gemeint hatte: „Wir werden da stabiler.” Zudem betonte der Aufstiegstrainer: „Wir sind eine gefestigte Mannschaft, die gut beieinander steht.“ Mehr als – später enttäuschte – Hoffnung schwang da wohl nicht mit. Es fehlt einfach die Stabilität, krasse individuelle Fehler tun ihr Übriges.
Titz nominierte fast in jeder Begegnung eine andere Anfangsformation. Verletzungen und unübersehbare Formschwäche einiger Akteure (Lawrence, Cacutalua, Gnaka), zwangen ihn dazu, führten in die jetzige missliche Lage. Dass auf der rechten Außenverteidigerposition Handlungsbedarf besteht, räumt selbst die Teamführung ein. Im Mittelfeld bereitet das hohe Pressing offenkundig ebenso Probleme wie dahinter die Restverteidigung. Das in Liga 3 überragende Mittelmittel-Trio Conde-Müller-Krempicki läuft seiner Form hinterher. Und vorn hat der Wichtel-Angriff Ceka-Atik-Ito enorme Schwierigkeiten mit der körperlichen Überlegenheit der Gegenspieler. Dass Schuler und Atik verletzt fehlen (oder fehlten), tat sein Übriges. Eine andere Frage ist, ob schon alle im Team die neue Situation und die neuen Anforderungen, die die zweite Liga mit sich bringt, verinnerlicht haben. Ansonsten wäre ein Satz wie der von Angreifer Luca Schuler nach der Hannover-Partie („Wir waren die bessere Mannschaft, obwohl wir 0:4 verloren haben.“) schlechthin nicht erklärgeschweige denn vermittelbar.

Der TRAINER
Cheftrainer Christian Titz – der den FCM im Frühjahr 2021 erst vor dem Absturz in die Regionalliga rettete, um ihn anschließend auf einen Spitzenplatz in Liga drei zu katapultieren – und sein Team hielten nach dem Aufstieg an der erprobten Stammformation der Vorsaison fest. Da greifen, so die Hoffnung, Automatismen. „Das Wichtigste war“, sagt der 51-Jährige, „die Basis zu halten.“ Das sei „in fast allen Fällen“ gelungen.
Jetzt, nach fünf Spieltagen, müssen hinter diese Konzeption zumindest einige Fragezeichen gesetzt werden. Der in Liga 3 zweifelsfrei beeindruckende schnelle Kombinationswirbel stößt eine Stufe höher unwillkürlich an seine Grenzen. Da geht es ganz anders zur Sache, da spielt Körperlichkeit eine ganz andere Rolle. Es wird in den nächsten Wochen spannend zu beobachten sein, ob Titz den berühmten Plan B besitzt, sein Konzept der neuen Lage zumindest anzupassen. Bei dem vorhandenen (bewusst für diese Art Fußball ausgesuchten und verpflichteten) Spielertypen fällt es zumindest nicht leicht, daran zu glauben. Da hilft auch Lob von Trainerkollegen wie Hannovers Stefan Leitl wenig, der sagte, er möge es, dass Titz seine Spielphilosophie „durchzieht“, und das „losgelöst von Ergebnissen“ und dass er „den Leistungsgedanken in den Vordergrund stellt“. Was Leitl nicht hinderte, dem geschätzten Kollegen beim 0:4 eine Watschen zu verpassen, indem er genau diese gelobte Spielphilosophie erfolgreich zerstörte.

Die FANS und ZUSCHAUER
Sie bleiben, auch unter dem obwaltenden, gegenwärtig nicht so rosigen Bedingungen das Nonplusultra. Um diese Fans beneidet den FCM (fast) ganz Fußball-Deutschland. Mit ihrer Stimmung und ihrer Euphorie peitschen sie das Team nach vorn; auch auswärts. Bei Niederlagen daheim gibt es neben erzieherischen Worten des Capos weiterhin jede Menge Applaus. Trotz der ausgebliebenen Erfolge kamen bisher im Schnitt 21.902 Zuschauer in die MDCC-Arena. Damit rangiert Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt in Konkurrenz zu wesentlich größeren Städten wie Hamburg, Düsseldorf, Hannover und Nürnberg auf einem soliden Mittelfeldrang.

Die FINANZEN
Gegenüber der Drittliga-Saison verdoppelte sich der Etat auf rund 20 Millionen Euro, davon stehen zehn Millionen für den Sportetat zur Verfügung. In einer Übersicht der 18 Vereine reiht sich der FCM damit im unteren Drittel ein. Große Sprünge sind damit unter den geltenden Marktregeln (Ablöse, Gehalt) bei der Verpflichtung von Top-Liga-2-Spielern sicher nicht zu machen, weshalb man sich auf junge, hungrige Spieler konzentriert. Der größte Zuwachs gegenüber 2021/22 stammt aus dem TV-Topf. Hier erhält der Verein jetzt 7,8 Millionen Euro und rangiert damit auf dem vorletzten Rang. Verteilt werden die Gelder nach einem komplizierten Schlüssel, bei dem es vor allem auf die Dauer der Ligazugehörigkeit in den beiden obersten Etagen ankommt. So erhält Bundesliga-Absteiger Bielefeld mit 19,2 Millionen Euro fast das Zweieinhalbfache der Magdeburger, dahinter folgen der Hamburger SV (17,3 Millionen) und Fortuna Düsseldorf (15,8 Millionen).

Die PROGNOSE
Aus einer „Saison sorgenfrei“ wird jedenfalls nichts. Ein Hoffnungsstreifen am Horizont ist derzeit, leider, nicht auszumachen. Für Lernprozesse bleibt wenig Zeit. Es gilt sich auf einem erbitterten Abstiegskampf einzustellen. Ende offen. Trotz schwieriger Ansetzungen – dreimal auswärts (Kaiserslautern!, Paderborn!, Rostock!) in den nächsten vier Begegnungen – muss der FCM versuchen, die Kurve zu bekommen. Um auf jeden Fall eine Entwicklung abzuwenden, die 2019 schnell eintrat. Da trennte sich der Club bereits am 12. November vom damaligen Cheftrainer Jens Härtel und reagierte auf die sportliche Talfahrt mit nur neun Punkten aus 13 Spielen, vier Niederlagen in Folge und bis dato keinem Heimsieg. Aber vielleicht lässt der FCM ja alle Kritiker, darunter auch diese Zeitung, alt aussehen und besinnt sich auf den Titel einer Filmkomödie aus den frühen Neunzigern. „Wir können auch anders…“, hieß die. Sie zeigte, satirisch zugespitzt, die Umbruchsituationen in Ostdeutschland. Umbruch und Osten, da sollten sich doch Anknüpfungspunkte finden lassen.

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