Rad der Stadt: Alle reden von Krise, keiner redet von Chance

Corona würde unser Leben verändern, hatten sie gesagt. Doch mit jeder Lockerung machen wir einen weiteren Schritt in Richtung Normalität. Neue Normalität, wie es so schön heißt. Doch wirklich neu ist daran nicht viel. Zwar werden wir aufgefordert, mit Mundschutz einkaufen zu gehen, Abstand zu halten, überall unsere Kontaktdaten zu hinterlassen und eine bestimmte App herunterzuladen. Ansonsten machen wir jedoch weiter wie bisher: Mein Haus, mein Auto, mein Urlaubsdomizil. „Diese Chance haben wir verpasst“, sagt Marcel Pardeike, Mitinhaber des Buckauer Fahrrad-Fachgeschäfts „Rad der Stadt“.

Seit zehn Jahren kümmern sich die Radfahr- und Fahrrad-Spezialisten in der Schönebecker Straße mit Leidenschaft um die Anliegen ihrer Kunden. Drei Männer, die Ahnung davon haben, was sie tun. „Martin Schulz ist unser Hydraulik-Gott“, erklärt Marcel, der von den meisten Knut genannt wird, mit einem Grinsen. „Er kennt sich vor allem in den Bereichen Bremsen und Federung gut aus. Und Martin Schmidt, besser bekannt als ‚der Schmö‘ ist unsere wandelnde Fahrrad-Enzyklopädie. Er wiederum hat sich auf Rennräder spezialisiert.“ Während Knut sich auf Mountainbikes fokussiert und zu den wenigen Fachkräften gehört, die ein Laufrad selbst bauen können – mit Einspeichen, Zentrieren und allem, was dazu gehört.

Ihr Kerngeschäft verstehen die Rad-der-Stadt-Inhaber Marcel „Knut“ Pardeike und Martin „der Schmö“ Schmidt so: Leichte, effiziente Räder zum Fitmachen und Fitbleiben bauen, reparieren und Instand halten. Individuell, an die Nutzungszwecke der Kunden angepasst – ob stadttaugliches Rennrad, Schlamm-Party-fähiges Mountainbike, Reisebegleiter jenseits der 1000-Kilometer-Marke oder sicheres Fahrrad für den Schulweg. Und natürlich gehört es zum Alltag, die Menschen, die zu ihnen kommen, fachgerecht zu beraten. Arbeit mit Passion. „Jeder Tritt ist Training, jeder Kilometer zählt. Und wie der Berg dein Freund ist, macht Gegenwind glücklich“, sagt Knut mit einem Lächeln im Gesicht. Und da die Gesundheit – von der Fitness bis zur richtigen Körperhaltung – im Vordergrund steht, verzichten die Herren vom „Rad der Stadt“ entgegen dem anhaltenden Trend auf den Vertrieb von Elektrofahrzeugen.
„Das können andere Experten besser“, meint der Zweirad-Spezialist. „Solange diese noch zur Verfügung stehen, bevor sie von der subventionierten Autoin-dustrie aufgekauft werden.“ Er könnte sich bei diesem Thema in Rage reden. Tut es aber nicht. Marcel Pardeike gehört zu den Menschen, die besonnen ihre Worte wählen, viele Fragen stellen, zum Nachdenken anregen. Ein Blatt vor den Mund nimmt er dabei jedoch nicht. „Unsere politische Führung bewegt sich schon seit einer Weile auf Bild-Zeitung-Niveau. Das hat sich in den letzten Wochen und Monaten wieder vermehrt gezeigt.“ Es sei stets von Krise die Rede gewesen, nie von Chance, meint er mit Blick auf die Corona-bedingten Ereignisse. Und das sieht „Knut“ vor allem bei einem Thema so, das ihn beschäftigt: die Verkehrswende. „Eine emissionsreduzierende Verkehrswende würde so viele Arbeitsbereiche entstehen lassen. Dafür bräuchten wir aber wieder handwerklich interessierte Menschen und eine Perspektive für alle ausgebildeten Fachkräfte.“ Hier sehen sich die Herren vom „Rad der Stadt“ – wie auch andere Berufskollegen – von den beteiligten Kammern und den mutlosen Entscheidern allerdings alleingelassen. „Wir brauchen keine wissenschaftliche Begründung, warum etwas nicht geht, sondern vielmehr den Ehrgeiz und das deutsche Erfindertum, um das Handwerk zu retten.“

Während des Lockdowns hatte sich die Art der Menschen, sich fortzubewegen, verändert. Zahlreiche Städte meldeten eine Zunahme des Radverkehrs und eine geringere Nutzung von Autos sowie der öffentlichen Verkehrsmittel. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e. V. (ADFC) bestätigte dies auch für Magdeburg und Halle. In Berlin, München oder Stuttgart entstanden in dieser Zeit Pop-Up-Radwege – Spuren, die eigentlich von Autos genutzt werden, standen nun für Radfahrer zur Verfügung. „Das zeigt doch, dass die Menschen bereit sind, auch mal auf das Auto zu verzichten und beispielsweise mit dem Rad zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren, aber dafür muss eben die Infrastruktur vorhanden sein. Sichere, saubere Wege“, meint Marcel Pardeike. Zwar habe Sachsen-Anhalt ein großes Repertoire an schönen Strecken zu bieten – vom Elberadweg über den Altmarkrundkurs, die Salzstraße und den Unstrut-Radweg bis hin zum Harzrundweg. Doch diese zielen vorrangig auf den Tourismus ab. In den Städten sieht es leider anders aus. Oftmals muss man sich fernab der Hauptrouten zwischen Kopfsteinpflaster oder holprigem Gehweg entscheiden. Und wer auf die asphaltierte Straße ausweicht, wird von Autofahrern gemaßregelt.

„Leider heißt es oft genug gegeneinander, statt miteinander“, findet „Knut“. „Ich zuerst – und das nicht nur im Straßenverkehr. Corona wäre eine gute Chance gewesen, über das eigene Verhalten nachzudenken. Das betrifft nicht nur jeden einzelnen, sondern auch globale Akteure von Politik bis Wirtschaft.“ Doch ebenso schnell, wie die Pop-Up-Radwege wieder verschwunden waren, sind die Menschen wieder zur Normalität zurückgekehrt. „Schlimmer noch! Als hätten wir in dieser kurzen Zeit etwas versäumt, benehmen sich manche respektloser, unnachsichtiger und egoistischer als zuvor“, meint Marcel Pardeike. „Natürlich möchte ich nicht alle in diese Schublade stecken. Aber wenn ein Kerl, Mitte 30, zu uns ins Geschäft kommt, weil sein Reifen aufgepumpt oder der Schlauch gewechselt werden muss und er kein Verständnis dafür hat, dass er warten muss, weil andere Kunden vor ihm an der Reihe sind, da frage ich mich, was mit unserer Gesellschaft nicht stimmt.“

Solche Gegebenheiten – und andere – haben die Rad-der-Städter veranlasst, sich wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren: qualitativ hochwertige Arbeit. „Und damit wir das gewährleisten können, haben wir unsere Öffnungszeiten angepasst.“ Am Dienstag wird ausnahmslos geschraubt, der Laden bleibt geschlossen, keine Ablenkung von außen. Zudem soll der Service ausgebaut werden. „Weil die Baustelle den einen oder die andere davon abhält, zu uns zu kommen, fahren wir eben zu unseren Kunden und helfen vor Ort“, erklärt „Knut“ mit einem Lächeln. „Um das großflächig anbieten zu können, bräuchten wir viel mehr Mechaniker. Aber daran arbeiten wir – jammern bringt schließlich nichts.“ Tina Heinz

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