Samstag, Oktober 16, 2021
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Rechtsmedizin – ist die wichtig, oder kann die weg?

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Polizeiarbeit ist ein hochaktuelles Thema. Die Herbeiführung des Gefühls von Sicherheit und die Erfolge bei der Durchsetzung von Recht und Ordnung gehören zu wahlentscheidenden Faktoren. Eng verbunden mit der Polizeiarbeit ist das Wirken
der Rechtsmedizin. Deshalb ist es angemessen, deren Schicksal hier näher zu beleuchten. | Von Prof. Dr. Reinhard Szibor

Die Deutschen lieben Krimis. Rechtsmediziner haben darin einen festen Platz. Zum Beispiel erreichte Jan Josef Liefers als Professor Boerne in einer Folge „Mord ist die beste Medizin“ mit 13,13 Millionen Zuschauern einen Marktanteil von 36,7 Prozent. Der Erfolg einer Talkshow ist gesichert, wenn ein Rechtsmediziner eingeladen ist, der ein paar schier unglaubliche Geschichten zum Besten gibt. Das Unterhaltungsgeschäft will auf die Rechtsmedizin nicht verzichten. Aber in der deutschen Wirklichkeit kämpft das Fach an vielen Universitäten ums Überleben und verliert nur allzu oft.

Das Wirken der Rechtsmedizin
Bei der Nennung des Namens denkt man zunächst an Obduktionen: Natürlicher Tod oder Fremdeinwirkung – das ist die häufigste Frage. Es kann auch darum gehen, den Verdacht auf Arztfehler zu bestätigen oder auszuräumen. Die Frage, ob Gifte, Drogen oder Medikamente im Spiel waren, wird meist verdachtsunabhängig geprüft. Die forensische Toxikologie ist eine wesentliche Sparte des Faches. Hier geht es nicht nur um Vergiftungen, sondern auch um Drogenmissbrauch und um Teilnahme am Straßenverkehr unter Alkohol- und Rauschmitteleinfluss. Überhaupt ist der Beitrag der Rechtsmedizin zur Verkehrssicherheit enorm. Nicht zuletzt dieses Fach hat bewirkt, dass trotz steigender Anzahl von Fahrzeugen weitaus weniger Verkehrstote und Schwerstverletzte zu beklagen sind als früher. Die Auswertung von Unfällen, die Rekonstruktion der Todes- und Verletzungsursachen lieferten die Daten, die man benötigte, um Fahrzeuge, Sturzhelme, Kindersitze usw. ingenieurtechnisch so zu optimieren, dass die Verletzungsrisiken sanken. Oft beeinflussen die Erkenntnisse auch die Gesetzgebung. Das gilt nicht nur für den Verkehr, sondern für alle Lebensbereiche.

Forensische Genetik gibt es seit das Schwurgericht Ellwangen 1927 erstmals eine Blutgruppenbestimmung als Beweismittel für die Vaterschaftsfeststellung zuließ. Bis in die 80er Jahre wurden Abstammungsgutachten, aber auch kriminalistische Spurenidentifikationen hauptsächlich durch Auswertung von Blutgruppeneigenschaften und anderen erblichen Eigenschaften des Blutes erarbeitet. Heute nutzt man dafür die DNA-Technik. Abstammungsuntersuchungen ord-nen nicht nur Kinder den wahren Vätern zu, sondern sie sind auch geeignet, unbekannte Leichen bzw. Skelette und ausgesetzte Babys zu identifizieren. In Kriminalfällen kann man für winzigste Spuren aus Blut, Speichel, Sperma, Haaren und Hautschuppen DNA-Profile erstellen und prüfen, von welchen Personen diese stammen. Somit lassen sich Opferblut an der Kleidung des Tatverdächtigen oder Sperma und Speichelspuren von Vergewaltigern an ihren Opfern nachweisen, auch Täterspuren an Tatorten, Waffen, Einbruchswerkzeugen u. a. m.

Wollte man alle Sparten und Aufgaben der Rechtsmedizin aufführen, würde der Patz hier nicht ausreichen. Stichpunktartig seien nur erwähnt: Beurteilung von Wunden bezüglich des Alters und der Art der Beibringung, die Altersschätzung von Straftätern oder anderer Personen ohne Personalpapiere und die Prüfung der Schuldfähigkeit von fraglich psychisch kranken bzw. alkohol- oder drogenbeeinflussten Tätern.
Rechtsmedizin in Magdeburg

An der Medizinischen Akademie Magdeburg, also der Vorgängerinstitution der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität, gab es seit 1974 ein eigenständiges Institut dieser Art unter dem Namen „Gerichtliche Medizin“. Schon vor der Wende verhalfen die damaligen Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Friedrich Wolff und Prof. Dr. Dieter Krause dem Institut zu einiger Aufmerksamkeit. Aus der Situation der Mangel-wirtschaft heraus wurden hier Seren selbst pro-duziert, die zur Typisierung bestimmter Blutgruppeneigenschaften eingesetzt werden. Einige von Krauses Produkten waren besser als die Seren des westdeutschen Marktführers. Nachdem Krauses Team Arbeitsbedingungen erhielt, die denen ihrer westlichen Kollegen glichen, erlangte das Institut internationales Ansehen. Im Jahr 2007 ging der in der Fachrichtung höchste zu vergebende Wissenschaftspreis, nämlich der der „International Society for Forensic Genetics“ nach Magdeburg. Zur gleichen Zeit etablierte eine Arbeitsgruppe das Verfahren der Superimposition. Hiermit kann man Aufnahmen eines Schädels mit Fotographien der Person zu Lebzeiten in Übereinstimmung bringen. Passen die Bilder zusammen, so ist der Schädel identifiziert. Im Oktober 1998 erregte eine Publikation in dem Wissenschaftsjournal „Nature“ Aufsehen. Unter dem Titel „Pollen analysis reveals murder season“ wurde ein in Magdeburg entwickeltes Verfahren vorgestellt, womit sich durch die Analyse der Pollen, die sich in den Nasenhöhlen eines Verstorbenen befinden, der jahreszeitliche Zeitpunkt des Todes eingrenzen lässt. Das funktioniert sogar an Schädeln von Personen, die schon vor Jahrzehnten verstorben sind. Angewendet wurde die Methode erstmals im Zusammenhang mit einem spektakulären Verbrechen. Nach der Veröffentlichung drehte die BBC einen Film über die Magdeburger Rechtsmedizin, der weltweit von vielen TV-Sendern ausgestrahlt wurde. RTL wiederholte erst jetzt, am 9. Juni 2021, unter dem Titel „Die Magdeburger Teppichleiche“ eine Sendung über ein Tötungsdelikt aus dem Jahre 1997. Dieser Fall wurde u. a. durch die Anwendung der Pollenanalyse und der Superimposition gelöst.

Als Magdeburg noch ein rechtsmedizinischer Forschungsstandort war, haben die Mediziner hier aus gegebenem Anlass die als Kinderspielzeug zugelassenen Softairwaffen experimentell untersucht. Schussversuche zeigten, dass die Spielzeugwaffen das Potenzial hatten, Augenverletzungen zu verursachen und dass man sie gesetzlich stärker regulieren muss. Das ist dann auch erfolgt.

Die Magdeburger Rechtsmedizin wurde ab 2014 aus finanzpolitischen Gründen hinsichtlich der personellen und gerätetechnischen Ausstattung so geschrumpft, dass lediglich eine ärztlich rechtsmedizinische Akutversorgung möglich bleibt – administrativ als Außenstelle der Rechtsmedizin der Universität Halle. Dass hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da ins Ausland gehen oder zu Verwaltungsinstitutionen und Versicherungskonzernen abwandern, war zu erwarten.

Rechtsmedizin in Not
In Deutschland werden weitere Institute für Rechtsmedizin abgewickelt oder auf ein Niveau gestutzt, auf dem sie ihre Aufgaben kaum erfüllen können. Das Problem ist struktureller Art. Es beginnt damit, dass Obduktionen, körperliche Untersuchungen von Opfern und Laborleistungen im Auftrage der Staatsanwaltschaft in Deutschland weit unter dem Selbstkostensatz honoriert werden. Eine Finanzierung der Institute ist dadurch kaum möglich. Das könnte die Politik ändern, tut sie aber nicht. Rechtsmedizinische Institute müssten eigentlich aus dem Budget der Universitäten für Forschung und Lehre finanziert werden, aber die Universitäten, die im internationalen Wettbewerb stehen, leiten ihre Mittel vorrangig in die Institute, die sie im Ranking voranbringen. Deren Wissenschaftler arbeiten auf Wissenschaftsgebieten, die ihnen ermöglichen, in hochrangigen Wissenschaftsjournalen zu publizieren und somit in dem etablierten Bewertungssystem hohe Punktzahlen erreichen. Die Zeitschriften, in denen Wissenschaftler kleinerer Fachrichtungen, wie der Rechtsmedizin, ihre Ergebnisse veröffentlichen, haben nur niedrige Punktzahlen und bringen deshalb die Universitäten im Ranking nicht nach oben.

Mit ähnlichen Problemen kämpfen auch weitere kleine klinische Fächer. Aber die haben es insofern besser, da ihre Leistungen in der Patientenversorgung von den Krankenkassen so honoriert werden, dass sie nicht in Existenznot geraten. Auch gäbe es einen Aufschrei in der Bevölkerung, würde man „kleine“ klinische Fächer an Unikliniken einfach schließen. Wir hätten Pressekampagnen, Protestaktionen und die Politiker, die das mittragen, würden bei den nächsten Wahlen durchfallen. Anders sieht es in Bezug auf die rechtsmedizinischen Institute aus. Hier sind die von einer Abwicklung oder Stutzung der Arbeitsfähigkeit Betroffenen Verstorbene oder Opfer von Verbrechen. Tote treten nicht als Wähler in Erscheinung und können auch nicht demonstrieren. Ähnlich ist es auch mit Gewaltopfern, also oft den Schwächsten der Schwachen. Dabei könnte man vergewaltigten und misshandelten Frauen und missbrauchten Kindern am ehesten durch eine zeitnahe Untersuchung mit dem Ziel der Spurensicherung und Verletzungsdokumentation helfen, denn so könnte man Kriminelle gerichtsfest genauso überführen, wie auch Unschuldige vor einer unberechtigten juristischen Ermittlung bewahren.

Strafverfolgung ist hier umso wichtiger, da man weiß, dass Täter in diesem Segment der Kriminalität häufig als Wiederholungstäter in Erscheinung treten. Aber für eine wirksame juristische Aufarbeitung der Straftaten wäre eine starke Rechtsmedizin nötig. Doch Politiker verspüren kaum eine Motivation, sich für den Erhalt oder gar die Stärkung der Rechtsmedizin einzusetzen. Das würde Mühe bereiten und Geld kosten. Einfacher ist es, sich als Verteidiger der Frauenrechte zu gerieren, indem man sich plakativ dafür einsetzt, dass man bei gruppenbezogenen Anreden die „gendergerechte Sprache“ fordert. Dann, so glauben sie, fühlen sich auch immer Frauen angesprochen, und man hätte somit viel für Frauenrechte getan. Aber Gewaltopfer und unsere Gesellschaft brauchen etwas ganz Anderes.

Wie schnappt man
einen Kindesmörder?
Nach einem Kindesmord nahe Haldensleben (1995) stellte sich heraus, dass die gesicherten Spuren nicht ausreichten, um das etablierte Verfahren eines Massen-DNA-Tests an den Männern der Region auszuführen. Das DNA-Team des Instituts entwickelte daraufhin in einem Forschungsansatz für diesen Fall einen speziellen Test, um trotz der spärlichen Spurenlage einen Massentest zu ermöglichen. Daran arbeiteten wir etwa drei Monate. Schließlich erteilte die Staatsanwaltschaft uns den Auftrag, diesen Test auszuführen. Es wurden rund 2.500 Männer der Orte rund um Haldensleben, wo das siebenjährige Mädchen getötet worden war, zu einer Probenabgabe aufgerufen. Ein Treffer in diesem innovativen Testregime hat den Täter überführt. Das gibt Anlass für eine allgemeine Betrachtung: Landeskriminalämter (LKA), die normalerweise solche Screenings auf der Basis etablierter Tests ausführen, sind Partner der rechtsmedizinischen Universitätsinstitute. Deren Arbeitsbereiche ergänzen sich, können sich aber nicht gegenseitig ersetzen. Die Techniken sind hier wie dort identisch und auch die Kompetenz der Mitarbeiter ist überall vorhanden. Aber der Auftrag der LKA ist es, Untersuchungen nach Standardmethoden auszuführen; rechtsmedizinische Institute, insbesondere an universitären Standorten, haben aber einen gesetzlich verankerten Forschungsauftrag und sind aufgerufen, innovative Methoden zu entwickeln. Somit wird klar, dass eine effektive Aufarbeitung der Spuren aus Straftaten nur in der Zusammenarbeit und Arbeitsteilung zwischen den Universitätsinstituten und den LKA effektive optimale Erfolge in der Aufklärungsarbeit und Strafverfolgung gewährleisten kann.
Es ist nichts dagegen einzuwenden, den Löwenanteil der kriminalistischen Spuren in den LKA untersuchen zu lassen, ja sogar eine Auslagerung von Leistungen in gewinnorientierte Privatlabore geht in Ordnung. Aber die Labore der rechtsmedizinischen Institute müssen als Einrichtungen mit besonderen Aufgaben erhalten bleiben. Es ist nicht zu fassen, dass politisch Verantwortliche solche klar erkennbaren Fakten nicht wahrnehmen wollen.

Warum leistungsstarke
Institute wichtig sind
Eine wirksame Strafverfolgung durch Staatsanwaltschaft und Polizei ist nicht selten nur auf der Basis der rechtsmedizinischen Befunde möglich. „Wenn auf dem Grab jedes Ermordeten eine Kerze brennen würde, wären Friedhöfe nachts hell erleuchtet”, schreiben namhafte Rechtsmediziner. Jedes zweite Tötungsdelikt bleibt in Deutschland unentdeckt. Diese Meldung schreckte 1998 auf und die Journalistin Sabine Rückert nahm das zum Anlass, in ihrem Buch „Tote haben keine Lobby“ über die mangelnde Aufklärungsrate von Kapitalverbrechen zu schreiben. Man kann davon ausgehen, dass sich die Situation nach der landesweiten Schwächung der Rechtsmedizin weiter dramatisiert hat. Das Buch von Saskia Guddat und Michael Tsokos „Deutschland misshandelt seine Kinder“ (2014, ISBN: 978-3426276167) präsentiert eine weitere Dokumentation dazu, mit welch hoher Dunkelziffer wir es in Deutschland hinsichtlich der Straftaten gegen das Leben und die körperliche Unversehrtheit zu tun haben.

Nach der offiziellen Polizeistatistik werden wöchentlich siebzig Kinder so schwer misshandelt, dass sie ärztlich behandelt werden müssen und drei Kinder sterben durch Misshandlung. Doch die Dunkelziffer ist erschreckend hoch. Die Autoren gehen davon aus, dass 50 Prozent der Gewaltdelikte an Kindern nicht bemerkt werden. Demnach würde in Deutschland jeden Tag ein Kind an den Folgen von Misshandlungen sterben und mehr als 200.000 Kinder jährlich würden misshandelt werden. Eine Stärkung der Rechtsmedizin würde das Problem zwar nicht grundsätzlich heilen, aber eine höhere Aufklärungsrate würde die Sensibilität für die Probleme stärken und die Bemühungen zur Vorsorge erhöhen.

Bloß keine „versaute“
Kriminalstatistik!
Bundesländer mit den niedrigsten Zahlen hinsichtlich der Kriminalstatistik sind nicht automatisch die Länder mit den geringsten Verbrechenszahlen, sondern vielleicht eher solche mit einer schwachen Rechtsmedizin. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß und das taucht auch nicht in der Kriminalstatistik auf. Jedes nicht entdeckte Verbrechen ist eine Wohltat für die Statistik und für die zuständigen Politiker. Natürlich möchten sie nicht, dass ihr Bundesland in der Verbrechensstatistik einen oberen Platz einnimmt (möglicherweise nur deshalb, weil die Rechtsmedizin wirksamer ist als anderswo).

Da kann man verstehen, dass die Erhaltung aller rechtsmedizinischen Institute auf der Prioritätenlis-te der Politiker nicht gerade ganz oben steht.

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