Sonntag, Juli 3, 2022
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Reisen mit Dornen

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Von ihren Trips in die USA kehrten die Boxer des Magdeburger SES-Teams in der Vergangenheit nicht allzu reich beschenkt wieder zurück. | Von Rudi Bartlitz

Eine Dienstreise in die USA gilt unter Berufsboxern immer noch als so etwas wie ein Ritterschlag der Branche. Bei ihren Trips über den großen Teich war den Kämpfern des Magdeburger SES-Boxstalls dabei das Glück jedoch bisher wenig hold. Siebenmal wagten sie, wenn wir richtig gezählt haben, den Aufbruch ins gelobte Land des edlen Faustkampfs, wo unermesslicher Ruhm und das ganz große Geld locken. Sechs Mal mussten sie geschlagen die Rückreise auf den alten Kontinent antreten. Der vorerst letzte in dieser Reihe ist Halbschwergewichtler Dominic Bösel, der Mitte Mai einen WM-Ausscheidungskampf in Ontario (Kalifornien) gegen den Mexikaner Gilberto Ramirez krachend durch Knockout in der vierten Runde verlor.

Es gibt eine Reihe Gründe dafür, warum sich Boxer, die in Europa zu Hause sind, so schwertun, sich in den USA durchzusetzen – von Ausnahmekönnern wie dem britischen Schwergewichts-Champion Tyson Fury einmal abgesehen. Die vielleicht wichtigste Ursache dürfte sein, dass sich auf dem lukrativsten Markt, den dieses Geschäft wegen seiner exorbitanten TV-Verträge zu bieten hat, ein Großteil der weltbesten Faustkämpfer tummelt. Angezogen vom Glanz und Glit­zer epocha­ler Bühnen wie Madi­son Square Garden oder luxuriöser Las-Vegas-Hotels wie MGM Grand Garden und Caesars Palace. Eingeschlossen darin jene Ausländer, die mittlerweile entweder eingebürgert sind oder die ihr Trainingscamp und ihren ständigen Wohnsitz dort haben.

Hinzu kommt: Die amerikanische Auffassung vom Profiboxen macht es Akteuren, die dort nicht beheimatet sind, äußerst schwer, sich bei den Punktrichtern durchzusetzen. Um zu gewinnen, sehen sie sich quasi vor die Aufgabe gestellt, den Gegner durch k. o. in den Ringstaub zwingen zu müssen. Das war übrigens auch eines der Motive, warum Magdeburgs heimlicher Lokalmatador, Supermittelgewichts-Weltmeister Sven Ottke, der die Getec-Arena einst zu seinem „Wohnzimmer“ erkoren hatte, selbst in seinen Glanzzeiten nie in den USA antrat.

Dabei begann es 2007 für SES mit der ersten Reise ins Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten sehr vielversprechend. Robert Stieglitz, damals noch nicht Weltmeister, bezwang im Juni in Atlantic City den US-Amerikaner Marlon Hayes nach Punkten. Neun Monate später jedoch konnte der Supermittelgewichtler im Gefecht gegen den starken Librado Andrade daran nicht anknüpfen, unterlag im kalifornischen Cobazon durch tech- nischen k. o. (Abbruch 8. Runde). Seither mied Stieglitz die USA.

Auch die weiteren SES-Recken, die sich danach auf den Weg über den Atlantik machten, vermochten es nicht, den berühmten Bock umzustoßen. Der Slowene Jan Zaveck büßte im September 2011 in Biloxi/Mississippi im Duell mit Andre Berto sogar seinen Weltmeistertitel des Verbandes IBF im Weltergewicht ein. Nicht besser erging es dem Tschechen Lukas Konecny, der bei seinen zwei Auftritten 2013 und 2014 gegen Keith Thurmann (in New York) beziehungsweise Peter Quillin (in Washington, wo es um den WBO-Mittelgewichtsgürtel ging) jeweils den Kürzeren zog. Und schließlich unterlag im Juni vor drei Jahren Tom Schwarz, der nach seinem Gerichtsprozess nicht mehr bei SES unter Vertrag steht, Superstar Tyson Fury in Las Vegas sang- und klanglos durch technischen k. o. in der 2. Runde.

Zumindest alle deutschen Haudraufs hatten bei ihrem USA-Abenteuer einen Fixpunkt: den legendären Max Schmeling. Am 12. Juni 1930 kämpfte der dort gegen Jack Sharkey um den vakanten Weltmeistertitel im Schwergewicht. Nach einem regelwidrigen Tiefschlag seines Gegners in der vierten Runde konnte Schmeling nicht weiterkämpfen, wurde jedoch nach der Disqualifikation Sharkeys zum Sieger erklärt. Schmelings berühmtester Kampf in den USA ging dann allerdings nicht um eine Weltmeisterschaft. Am 19. Juni 1936 kämpfte er in New York gegen den „Braunen Bomber“ Joe Louis, der damals als unschlagbar galt – und den er in der 12. Runde durch Knockout bezwang. Eine der größten Sensationen bis dahin im Weltboxen.

Nun also schickte sich Bösel an, „drüben“ seine Spuren zu hinterlassen, der wenig glücklichen SES-Serie eventuell wieder einen etwas anderen Drive zu geben. Allein, er stand im kalifornischen Ontario auf ziemlich verlorenem Posten. Zwar hatte der 32-Jährige aus Freyburg an der Unstrut erklärt: „Ich will alles reinschmeißen und einen richtigen Kampf liefern“, aber im Gegenzug hatte Rivale Ramirez einen K.-o.-Sieg prophezeit. Und genau so kam es. Der Deutsche hatte dem Mexikaner kaum etwas entgegenzusetzen. „Zurdo“, wie Ramirez mit Kampfnamen genannt wird, trieb seinen Gegner vor sich her, nagelte ihn in den Ecken mit Schlagserien regelrecht fest. Bösels Deckung hielt dem nicht stand. Dazu hätte es wohl mehr als zweier Arme bedurft.

Bereits in der Pause zur 4. Runde raunte Trainer Georg Bramowski seinem Schützling zu: „Paß auf, die wollen dich rausnehmen.“ Und Kommentator Todd Grisham meinte zeitgleich dazu auf den Pay-TV-Kanal DAZN: „He had the face of a beaten man.” Das Gesicht eines geschlagenen Mannes. Zur Rundenmitte schlug Ramirez mehrere Linke, dann zwang er Bösel mit einem rechten Haken zum Körper in die Knie. Ringrichter Thomas Taylor hatte genug gesehen und nahm den SES-Mann aus dem Kampf.

„Das habe ich so noch nicht erlebt“, redete der Freyburger, ganz fairer Verlierer, nicht um den heißen Brei herum. „Er hat mich mehrfach sehr hart am Körper getroffen. Der wirkte von der ersten Sekunde an körperlich auf mich wie ein Cruisergewichtler. Aber, es geht die Welt nicht unter, ich habe diese Chance hier angenommen und wusste, ich bin der Außenseiter.“ Eine stattliche Börse, die nach Medienschätzungen um die 300.000 Euro gelegen haben soll, versüßte das bittere Erlebnis im Ring zumindest ein wenig. Wie es mit der Karriere weitergeht, und ob überhaupt, das will Bösel nach der Rückkehr mit seinem Promoter Ulf Steinforth entscheiden. Immerhin: Der Weltmeistergürtel des Verbandes IBO – des fünftwichtigsten hinter den „Großen Vier“ WBO, WBA, WBC und IBF – liegt unangetastet weiter bei ihm zu Hause. Den zumindest hat er in den USA nicht verspielt.

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