Dienstag, September 21, 2021
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Richtig oder falsch?

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Neulich fragte mich ein Bekannter: Wie muss es richtig heißen – der Mantel ist aufgehängt oder der Mantel ist aufgehangen? Was bedeutet überhaupt „richtig oder falsch“ in einer Sprache? Sollten wir nicht so fragen: “Haben wir das verstanden, was er oder sie gesagt hat?” “Sagen”, “sprechen”, das sind mündliche Redeäußerungen. Wenn jemand etwas schreibt, dann können wir das als schriftliche Redeäußerung bezeichnen. Aber immer wieder müssen wir uns fragen, ob wir die Redeäußerung tatsächlich verstanden haben. “Verstanden” bedeutet in den meisten Fällen: Haben wir den Sinn mitbekommen, den der Sprecher oder Schreiber – nennen wir ihn Sender – in seine Redeäußerung hineingelegt hat. Denn in der Regel verfolgt ja der Sprecher oder Schreiber mit seiner Redeäußerung eine Absicht. Er möchte den Empfänger, den Adressaten, seiner Redeäußerung zu etwas bewegen, dies oder jenes zu tun oder zu unterlassen, oder manchmal möchte er nur etwas sagen, um überhaupt in ein Gespräch zu kommen. In fast allen Fällen unserer Kommunikation, sei sie mündlich oder schriftlich, verstehen wir den Sinn der Redeäußerung des Senders. Denn wir alle benutzen dieselbe Sprache. Sie ist wie eine Übereinkunft, eine Konvention, der sich stillschweigend (das heißt ohne besondere Aufforderung) alle Mitglieder unserer Gemeinschaft angeschlossen haben. Eine Konvention (abgeleitet vom lateinischen conventio für „Übereinkunft“ oder „Zusammenkunft“) ist eine (nicht notwendig festgeschriebene) Regel, die von einer Gruppe von Menschen aufgrund eines beschlossenen Konsens eingehalten wird. Die Übereinkunft kann also stillschweigend zustande gekommen oder ausgehandelt worden sein. Entsprechend schwankt die Bedeutung des Begriffs zwischen willkürlicher Übereinkunft einerseits, Tradition, Sitte, Lebensumständen, Bildungsstand, Herkunft, andererseits. Und um das Funktionieren dieser Übereinkunft sicher zu gewährleisten, kann ihr der Status einer Norm zugeordnet werden. Diese Zuordnung ist relativ willkürlich, nämlich indem eine sich als kompetent bezeichnende Behörde des jeweiligen Staates erklärt, so und so sind die Regeln, also die Normen, und ihr müsst euch danach richten. Alles andere ist falsch, ist fehlerhaft. Und diese Regeln werden dann den Schülerinnen und Schülern ab der ersten Klasse „eingetrichtert“, natürlich mit unterschiedlichem Erfolg. Denn diese Regeln sind kompliziert und häufig undurchsichtig, ja manchmal erscheinen sie gar widersprüchlich. Und auch zu häufig, zu oft, werden die Lernenden in der Praxis des Alltags, angefangen bei der ständig auf die Menschen einströmenden Werbung, mit Abweichungen von diesen Regeln konfrontiert, Abweichungen, die ein schlechtes Vorbild abgeben, denn in vielen Fällen benutzen wir fertige Muster der Kommunikation, Konstruktionen von Sätzen und vor allem Wörter, die andere Mitglieder unserer Sprachgemeinschaft benutzt haben, und die deshalb als Vorlage genommen werden. Nennen wir hier nur die Vielzahl von aus dem Englischen stammenden Begriffen, die auf uns einprasseln.
Betrachten wir, wie diese Regeln überhaupt zustandegekommen sind. Bevor irgendwelche Behörden oder Normierer – in der Regel Sprachwissenschaftler – solche Regeln festlegen, wurde über große Zeiträume im Voraus die Sprache „beobachtet“. Was ist üblich, was wird von der Mehrzahl der Menschen gesprochen und geschrieben, was ist verständlich, was ist eindeutig, was ruft Zweifel hervor oder könnte missverstanden werden. Erst dann kommt es zu Festlegungen. So verfuhr auch Konrad Duden, der 1872 seine erste kurze Zusammenfassung von Schreibweisen von Wörtern und einen kurzen Abriss über die Grammatik, anfangs nur als Grundlage für die Gymnasiasten seiner Schule, vorlegte.
Auf der Basis einer Übereinkunft, einer Konvention über die Sprache, könnte man doch zur Schlussfolgerung kommen, dass die Frage “richtig oder falsch” eigentlich unsinnig sei. Dementsprechend dürfte es auch keine Fehler geben, auch nicht in der Schule, wenn die Lehrerin das Diktatheft mit rot gekennzeichneten “Fehlern” zurückgibt.
Aber nochmals in Bezug auf die Norm. Betrachten wir doch mal etwas näher, was eine gesellschaftliche Norm ist. Nehmen wir an, jemand von Ihren Bekannten ist gestorben, und Sie gehen zur Trauerfeier auf den Friedhof. Ein junger Mann erregt die allgemeine Aufmerksamkeit der Trauergäste, denn er trägt eine weiße Jacke und dazu einen knallbunten Schlips. Diese Kleidung ist für den Besuch einer Trauerstätte in unseren Breiten unangemessen. Die gesellschaftliche Norm bei uns gebietet, dass man sich bei solchen Anlässen möglichst schwarz oder zumindest dunkel kleidet. Der junge Mann hat, so unsere Meinung, die gesellschaftliche Norm nicht beachtet. Selbst wenn in der Friedhofsatzung ein Passus zur Kleidung von Trauergästen enthalten sein sollte, so steht diese gesellschaftliche Norm aber nicht in einem Gesetzbuch der Bundesrepublik! Eine gesellschaftliche Norm bildet sich mit der Zeit heraus, sie entwickelt sich nach und nach, und diese Normen können je nach Land und Region ganz unterschiedlich sein. So soll es z. B. in Indien üblich sein, bei Trauerzeremonien weiße Gewänder zu tragen, also ganz im Gegenteil zu unserem Kulturkreis.
Auch unsere Sprache ist, trotz aller behördlichen Regelungen, eine gesellschaftliche Norm. “Norm” hängt auch mit “normal” zusammen. Unsere deutsche Sprache hat sich seit ungefähr eintausend Jahren entwickelt und ist für die Kommunikation bei uns zur Norm, zur gesellschaftlichen Norm, geworden. Sprecher und Schreiber, also Sender von Redeäußerungen, und deren Empfänger müssen sich der deutschen Sprache als gemeinsamer, verbindender Norm bedienen. Nur so ist die normale Verständigung zwischen allen Mitgliedern der Gesellschaft möglich.
In der Entwicklung einer Sprache gibt es ständig Altes, Überkommenes, Absterbendes und Neues. Und im Mittelalter stand unsere deutsche Sprache ständig, zumindest bei den Gelehrten und in kirchlichen Kreisen, in Konkurrenz zur lateinischen Sprache. Erst zum Ausgang des Mittelalters nahm das allgemeine Interesse an der deutschen Sprache zu, und es tauchten Überlegungen auf, ihren Zustand mit Hilfe von Beschreibungen in Form von Grammatiken und Wörtersammlungen darzustellen. Fixieren des Ist-Zustandes, so könnte man dies nennen. Wenn etwas Neues hinzutritt, so wird das von der Sprachgemeinschaft nicht sofort angenommen, sondern wird vorerst als Fehler bezeichnet. Als ein Beispiel dafür sehe ich, dass sich gegenwärtig eine besondere Ausdrucksmöglichkeit durchzusetzen scheint: Substantiv + Verb, beides auseinander geschrieben, wogegen nach meiner Auffassung bisher beides zusammengeschrieben war und als substantiviertes Verb bezeichnet wurde. Zur Verdeutlichung Beispielsätze: “Jeden Sonntag ging der Vater zum Skatspielen in die Kneipe.” “Die Kinder freuen sich auf das Plätzchenbacken.” “Für viele Hausfrauen ist Wäschebügeln kein Vergnügen.” In einer Broschüre zur Reform der Rechtschreibung im Jahre 2000 ist der Hinweis zu finden, dass die Verbindungen wie Auto fahren, Rad fahren, Teppich klopfen, Halt machen künftig generell getrennt geschrieben werden. Die Normierer, die sich diese Neuerungen ausgedacht haben, geben allerdings keine Beispielsätze. Aber nun, in Anlehnung an diese neue Regel, scheint die Bahn frei zu sein, möglichst viel auseinander zu schreiben. Da gibt es im Internet die Nachricht: “Höhle der Löwen: TAZ untersucht die Wahrheit über das geheime System zum Geld verdienen.” Was in diesem Satz be-sonders auffällt, ist das “System zum Geld verdienen”. Leserinnen und Leser der “alten” Schule hätten in unserem konkreten Fall sicherlich geschrieben: “System zum Geldverdienen”. Worauf, so ist auch noch die Frage, bezieht sich die Präposition zum? zum bezieht sich immer auf ein Substantiv mit männlichem oder sächlichem Artikel. “Ich habe keine Lust zum Wäsche bügeln.” Wäsche ist ein Substantiv mit weiblichem Artikel – die Wäsche. Worauf bezieht sich nun also zum? Theoretisch bezieht sich eine Präposition (Verhältniswort) immer auf ein Substantiv, und Substantive sollen ja nach den Regeln der Rechtschreibung auch groß geschrieben werden. Frage: Was ist das Substantiv in “zum Wäsche bügeln”? Natürlich, die Wäsche, mit weiblichem Artikel. Wenn Sie aufmerksam sind, werden Sie feststellen, dass diese neuartigen Konstruktionen ständig zunehmen. Oder vielleicht sind Sie schon so daran gewöhnt, dass Sie hieran nichts Ungewöhnliches mehr entdecken. “Wir gehen zum Bier trinken.” “Alle versammeln sich zum Fußball gucken.” “Die Kinder freuen sich auf das Ostereier suchen.”
Wie ist es nun mit dem Mantel? Ist er aufgehängt oder aufgehangen? Der Duden sagt dazu: “In der Standardsprache gilt nur folgende Beugung als korrekt: Wir hängten die Wäsche auf (nicht: wir hingen…). Wir haben die Wäsche aufgehängt (nicht: aufgehangen).” Und was ist die Standardsprache? Das ist, ebenfalls gemäß Duden, die gesprochene und geschriebene Form der Hochsprache.
Damit, liebe Leserinnen und Leser, können Sie jetzt ganz in Ruhe Ihre Waschmaschine zum Wäschewaschen (neuartig: zum Wäsche waschen) vorbereiten und wissen auch, dass die Wäsche nicht aufgehangen, sondern aufgehängt wird.

Ihr Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer
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