Donnerstag, November 24, 2022
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Römers Reich: Amt und Verantwortung

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Menschen, die nach einem politischen Amt streben, beteuern in der Regel, dass sie Verantwortung übernehmen wollen. Aber das ist ein Versprechen vor dem Amt und manchmal ein blauäugiger Blick, auf ein Korsett, das man noch nicht getragen hat. Bundesfamilienministerin Anne Spiegel von den Grünen durfte das wie andere vor ihr erfahren. Sie wollte für ihre Familie da sein, für einen gesundheitlich beeinträchtigten Ehemann und vier schulpflichtige Kinder. Dafür habe ich großes Verständnis. Nach ihrem Rücktritt wegen ihrer Prioritätensetzung während und nach der Flut im Ahrtal rufen manche, dass Verantwortung von Amt und Familie in Einklang gebracht werden müssten. Natürlich dürfen solche, die Ministerämter noch nicht innehatten ,mal träumen.

Bevor Minister Verantwortung übernehmen, leisten sie einen Amtseid, der auf Landesebene vor dem Parlament geleistet wird. Der Wortlaut beinhaltet gewöhnlich: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des Volkes widmen, Verfassung und Gesetze wahren, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.“ Vom Recht auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht da nichts. Die Entscheidung, ein politisches Amt zu übernehmen, bleibt eine persönliche. Und jeder muss für sich abwiegen, ob man der Allgemeinheit Priorität geben will oder Privates vor Aufgaben, Erfordernisse und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft stellen möchte. Wer für den Schutz von Leben und Gesundheit vieler Bürgerinnen und Bürger Organisations- und Koordinationsaufgaben übernommen hat, kann sich nicht auf private Zwänge berufen.

Die Vorsitzende der Partei Die Linke, Susanne Hennig-Wellsow hat im Zuge von Sexismusvorwürfen ihr Amt niedergelegt. „Wir haben zu wenig von dem geliefert, was wir versprochen haben. Ein wirklicher Neuanfang ist ausgeblieben“, so heißt es in ihrer Erklärung. Außerdem will sie mehr Zeit ihrem 8-jährigen Sohn widmen. Ihrer Entscheidung gebührt Respekt, weil hier offenbar die Einsicht vor einer Debatte mit Druck stand. Wer Vereinbarkeit von höchsten Ämtern und Familie fordert, schließt vom Privatleben auf gesellschaftliche Sphären. Das Kleine wird oft ins Große gedacht. Genauso wenig passt das sogenannte große Ganze mit dem kleinen Individuellen übereinander. Politik ist kein Familiengeburtstag und ein Staatsamt keine Privatbühne. Insofern scheinen heute manche persönlichen Vorstellungen nicht mit der Abstraktion für eine Nation zusammenzupassen. Wen wunderst, wenn heute schon ein angeblich unpassender Satz, ein scheinbar unangemessener Blick oder eine nicht bewiesene Tat zur Ächtung von Menschen führt? Das Klima im Land krankt nicht nur oben. Von unten werden manchmal komische Ansprüche formuliert und oben stehen dann solche, die diesen gerecht werden wollen. Amt ist mehr Verantwortung als private Spielwiese.

Axel Römer

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