Sonntag, August 14, 2022
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Römers Reich: Autooptimierte Junghirne

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Die Erfolgsmeldungen reißen nicht ab. Ich meine nicht solche über Gebietsgewinne der russischen Armee im Südosten der Ukraine oder andere, die erzählen, wie wirksam die westlichen Sanktionen den Menschen in Russland zu schaffen machen bzw. dass wir mittelfristig in Deutschland eine sichere Versorgung mit Energie gewährleisten können. Nein, ich meine die wundersamen Erfolge deutscher Bildungspolitik. Das sachsen-anhaltische Bildungsministerium hat nämlich für das Schuljahr 2021/ 2022 ermittelt, dass sich der Notendurchschnitt mit 2,22 bei den Abiturienten an den allgemeinbildenden Schulen gegenüber dem Vorjahr noch einmal verbessert hat, zumindest um 0,01 Punkte.

Und nun schleifen Sie bitte diesen Bildungserfolg noch einmal ganz langsam durch Ihren Denkapparat. Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, Homeschooling, Lernbeeinträchtigung, abnehmende Leistungen bei Schreib- und Lesekompetenzen – das sind die Inkredenzien, aus denen Lernerfolge gemacht werden. Oder verstehen Sie die Pressemitteilung aus dem Hause der Bildungsministerin Eva Feußner anders? Böse Kritiker würden sicher behaupten, da hätte jemand die Leistungs- und Benotungsstandards heruntergeschraubt. Miesmacher finden immer ein Haar in der Suppe zukunftsorientierter Pädagogik.

Warum kommt eigentlich niemand auf den naheliegenden Grund, dass die verbesserten Leistungsparamater bei Schülern aus der natürlichen Evolution des Geistes herrühren könnten? Menschen werden ja auch von Generation zu Generation größer. Warum sollte ein besseres logisches Denkvermögen und angewachsene Wissensdichte nicht auf autokognitiv-optimierte Prozesse zurückzuführen sein?

Ganz ehrlich, liebe Leserin oder lieber Leser, so eine kreative Erklärung hätte ich gern mit dieser Erfolgsmeldung erwartet. Doch offenbar sind die Hirne der Initiatoren dieser Statistik noch nicht auf optimale Funktionstemperatur gebracht worden oder sie können bei der hochsommerlichen Hitze nicht auf eine angemessene Denkprozesswärme heruntergekühlt werden. Wie auch immer, Bildung braucht bei der Abwärtsentwicklung unbedingt positive Nachrichten. Mit ein bisschen Statistik im zurechtgerechneten 0,0-Bereich kann die Negativspirale sicher aufgehalten werden. Ich dachte immer, wir hätten die DDR-Nostalgiker mit ihrem Schönreden hinter uns gelassen. Oder gibt es etwa einen Nachwuchs, der in die Fußstapfen sozialistischer Schönschreiberei steigen will? Ferien und Sommerloch – das sind zwei gefährliche, jahreszeitliche Phänomene, die zu Informationsdürrephasen und kuriosen Nachrichten führen. Vielleicht liegt darin der Grund für die Schulnoten-Erfolgsmeldung am Ende des Schuljahres.

Axel Römer

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