Mittwoch, August 10, 2022
Anzeige

Römers Reich: Axel Römer mit “Auf der Suche nach Verstand”

Anzeige

Folge uns

Durchstreift man Kommentarspalten von Online-Medien stößt man dort vielfach auf die verzweifelte Suche nach Verstand. Vor allem „gesunder Menschenverstand“ wird von solchen Kommentatoren eingefordert, wenn diese Berichten, Meinungsäußerungen oder irgendwelchen Aufregungen begegnen wollen. Sehr häufig wird Verbreitern von sogenannten Posts Verstand abgesprochen. Hinter solcher Kritik steckt im Umkehrschluss der Verweis auf die eigene bedeutende Verstandeskraft.

Vor allem, wenn es um Forderungen nach „gesundem Menschenverstand“ geht, frage ich mich, wie viel Geisteskrankheiten, zelebrale Stoffwechselbeeinträchtigungen, Hirntumore oder andere schwerwiegende Mängel Menschen für ihre Meinungsäußerungen unterstellt werden. Offenbar fällt es im Zeitalter vernetzter Meinungsverbreitung schwerer, mit konträren Äußerungen klarzukommen. Zu Beginn der Online-Epoche glaubten die meisten noch, dass mit dem Internet endlich ein vielseitiger Informations- und Wissenstransfer stattfinden würde. Das war damals, vor über 20 Jahren, noch ein schönes Märchen.

Zunächst sei uns vor Augen gehalten, dass auch jede mögliche formulierte Dummheit noch immer eine Verstandesleistung ist und diese in der Regel aus keinem kranken Hirn kommt, sondern den geistigen Möglichkeiten ihres Senders entspringt. Anderen Verstand abzusprechen ist schon eine böse, wenn auch beliebte Form der Diffamierung und Beleidigung. Übrigens: Äußerungen, die nicht kommentiert werden, bleiben bedeutungslos. Insofern sind es die Kritiker selbst, die einer Meinung erst einen Sinnspiegel vorhalten.

Ich zähle mich leider auch zu solchen Leuten, die stets und ständig ihren Senf zu einer Bemerkung dazugeben müssen. Da wirkt irgendwie ein innerer Motor, einer unvollständigen, abwegigen oder völlig abstrusen Information mit inhaltlicher Zurechtrückung zu begegnen. Allerdings tue ich dies heute ausschließlich Auge in Auge mit anderen, die mich dann ertragen müssen. Allerdings akzeptiere ich – jedenfalls meistens –, wenn ich eine konsequente Abweisung erlebe. Im uferlosen, anonymen Online-Nirwana schwimme ich mitnichten. Mein Fazit heute lautet: Je öfter ich Kommentar-Springfluten gemieden habe, um so ruhiger und gelassener erlebe ich meine Tage. Das heißt nicht, dass ich online-abstinent wäre. Ganz im Gegenteil, ich lese, höre Inhalte, entdecke interessantes und schmunzele über manche Einfalt. Wie sich andere durchs gegenseitige Absprechen von Verstand aufreiben, amüsiert mich gelegentlich. Unterhaltsam ist für mich mittlerweile, wenn sich manche intellektuell überlegen fühlen, wenn sie glauben gerechter als andere zu sein, nur weil sie andere Schreibweisen nutzen. Sie können die Ungerechtigkeit, die sie mit ihrer Anmaßung selbst erzeugen, offenbar nicht erkennen. So lebt halt jeder nach seinem Verstand. Den meinen suche ich gern in der eigenen Dummheit.

WEITERE
Magdeburg
Ein paar Wolken
24.5 ° C
24.5 °
24.5 °
30 %
0.5kmh
13 %
Mi
23 °
Do
31 °
Fr
30 °
Sa
30 °
So
30 °

E-Paper